Wendekinder und ­Transformationskompetenz

Wendekinder in Führungsverantwortung sind inspirierende Leader mit hohem Kreativ- und Changeabilitypotenzial und gestalten die Zukunft Deutschlands im 21. Jahrhundert aktiv mit. Agile kollaborative Arbeitswelten können sie aufgrund ihrer Transformationskompetenz erfolgreich steuern, da sie seit 1989 wissen und gefühlt haben, dass sich von heute auf morgen alles ändern kann. In ihrer Lebensmitte angekommen existiert für Wendekinder oft der Wunsch, einen Führungsanspruch zu erheben und Führungsverantwortung zu übernehmen. Diese historische Verpflichtung speist sich aus ihrer doppelten Sozialisation in zwei Welten, der Unterrepräsentanz Ostdeutscher in Führungsfunktionen und der Notwendigkeit progressiver Gestaltungsmacht in (Ost-)Deutschland. 


Es ist bekannt und bleibt bemerkenswert, wie viele transformative Entwicklungen sich in den vergangenen 30 Jahren seit der Friedlichen Revolution 1989 und dem zugleich einsetzenden „Zeitalter der digitalen Moderne“ (Altmeyer 2019) vollzogen haben. In Ostdeutschland, anders als in anderen Regionen Deutschlands, sind die gesellschaftspolitischen Disruptionen mit Abstand umfänglicher und in jeder Familie, in jedem Unternehmen, in jeder Bildungseinrichtung unübersehbar sowie in jedem Stadtbild zu Tage getreten. Die ostdeutschen Bürger/-innen erlebten den Umbruch in einer Gleichzeitigkeit von Aufbruch und Einbruch im alltäglichen Tun.

Die Begleitung der Transformationsprozesse durch ein professionelles Change Management existierte, wenngleich wünschenswert, seinerzeit für Personen, Teams und Organisationen nicht. Dieser Umstand ist, rückblickend betrachtet, nicht verwunderlich, da zu jener Zeit auch in den Organisationswissenschaften und der praxisorientierten Organisationsentwicklung Change keine etablierte Begrifflichkeit darstellte – so wie es heute der Fall ist. Der eindrückliche Change Ostdeutschlands der vergangenen 30 Jahre ist somit vielmehr Ergebnis eines induktiven try and error-Modus‘ als einer von ausgebildeten Change Manager/-innen.

Die „Praxisphase“ des Nach-Wende-Wandels wurde von den Ostdeutschen ohne vorherige theoretische Ausbildung absolviert und ermöglicht ihnen daher eine biographisch wertvolle implizite Transformationserfahrung. Wenn sich im Hinblick auf die Kernherausforderung des 21. Jahrhunderts – Veränderungen zu gestalten – nunmehr die Frage stellt, welche Personen Veränderungen nicht nur theoretisch kennen, sondern vor allem in der Umsetzung emotional, kognitiv und affektiv durchliefen, dann können Teile der ostdeutschen Bevölkerung als Expert/-innengruppe für die Gestaltung und Begleitung von Transformationsprozessen betrachtet werden. Dies jedoch unter einer relevanten Bedingung: Ihre ausgesprochen hohe Veränderungsfähigkeit (Changeability) rückt in ihren eigenen Fokus und sie integrieren diese in ihr Selbstbild. Mit dieser persönlichen Klarheit über den Wert ihrer Erfahrungen aus 30 Jahren Wirken im Transformationsraum Ostdeutschland – verbunden mit dem Willen und der Fähigkeit, Transformation zu gestalten – entsteht eine individuelle „Transformationskompetenz“ (Lettrari/Nestler/Porath 2019), die vielen Menschen oft nicht bewusst ist.


Der Weg zur „Transformationskompetenz“ führt über gezielte Reflexionsprozesse



In der Synthese aus einem transdisziplinären Verständnis von „Transformation“ mit politikwissenschaftlichem Einschlag und „Kompetenz“ in einer erziehungswissenschaftlichen-pädagogischen Verwendung ergibt sich die zum Jahresende in der „Zeitschrift für Demokratie gegen Menschfeindlichkeit“ erscheinende Definition der neu eingeführten Begrifflichkeit: „Transformationskompetenz ist eine Reaktion auf eine individuelle Perturbation aufgrund einer Wandelsituation, die mit einer fallabhängigen Varianz nachweisbar ist. Der sich anschließende Prozess des Umgangs mit dieser Situation schafft möglicherweise eine Dispositionsanhäufung, welche durch ihren vergleichbaren Ursprung absehbar ähnliche Verhaltensweisen zeitigen kann. Aus der gezielten Schaffung eines Reflexionsraumes kann eine nachträgliche Durchdringung der erlebten Transformationsereignisse stattfinden. Dadurch entsteht ein Bewusstsein für die persönlichen Handlungen zur Gestaltung der neuen Situation und die ihnen zu Grunde liegenden Kompetenzen. Die reflexive Bewusstwerdung (Lernen) der eigenen Transformationserfahrung und -kompetenz fördert somit möglicherweise einen gezielteren Umgang mit zukünftigen Wandelsituationen“ (Lettrari/Nestler/Porath 2019).

Der Weg zu einer Kompetenz für den Umgang mit Transformationsprozessen führt demnach über gezielte Reflexionsprozesse der bisherigen Bedeutungsperspektiven. Notwendig ist dieser Schritt, da der öffentliche Diskurs über Ostdeutsche und Ostdeutschland im Zuge der Deutschen Einheit bislang vorrangig stereotyp geführt wurde (vgl. Kollmorgen/Koch/Dienel 2011) und sich die vermittelten Botschaften auch in das Selbstbild der oft durch Außenstehende beschriebenen Individuen teilweise integriert haben. Durch den Modus der Reflexion erfolgt die Möglichkeit, hinderliche persönliche Muster zu überprüfen und zu ändern – also umzulernen. Da Umlernen wesentlich schwieriger ist als Neulernen, weil bestehende „Spurrillen auf der Verhaltensfahrbahn“ verlassen werden müssen, erfordert diese Ebene die bewusste Distanzierung vom eigenen Erklären und Bewerten der aktuellen Situation. Die dazu notwendige Reflexion stellt somit den anspruchs- und gleichzeitig wirkungsvollsten individuellen Lern- und Veränderungsprozess dar, da eine produktive Konfrontation mit persönlichen Prägungen – freudvolle wie schmerzhafte – erfolgt. Das Konzept des „transformativen Lernens“ (Mezirow 1997) bietet für diesen Erkenntnisprozess einen überzeugenden Ansatz. In den folgenden fünf Lernphasen werden neue Bedeutungsperspektiven in einem Setting generiert, das auch durch die politische Bildung ermöglicht werden kann:

  1. Der Erkenntnisgewinn, dass Bedeutungsperspektiven die eigene Wahrnehmung prägen.
  2. Eine im Lernsetting erlebte Krise oder Irritation stellt die bisherigen Bedeutungsperspektiven in Frage.
  3. Eine Reflexion über die Irritation und ein konstruktiver Austausch ermöglichen die Transformation der Bedeutungsperspektiven.
  4. Neue Bedeutungsperspektiven werden in der Praxis auf die Probe gestellt.
  5. Die neuen Bedeutungsperspektiven werden integriert und tragen zur motivierten Neuorientierung bei.


„Kinder der Revolution“
Neben Formaten der politischen Bildungsarbeit stellt ein besonderes Einsatzfeld für die Anwendung von Transformationskompetenz das Führungshandeln von Führungskräften in Organisationen dar. Gesamtgesellschaftliche Veränderungen wirken, wenngleich oftmals verzögert, immer auch auf die Ebenen von Organisationen, Teams und deren Mitarbeiter/-innen und müssen in agilen kollaborativen Arbeitswelten aktiver als bisher von Führungskräften in den Blick genommen und begleitet werden. In der Debatte um die Frage nach Ursachen, Folgen und vor allem zukünftigen Handlungs­herausforderungen und -möglichkeiten in Ostdeutschland ist jüngst deutlich geworden, dass die Stärkung der konstruktiven, positiv gestaltenden Akteure für die Gestaltung des in Kürze eintretenden Generationenwechsels der Führungskräfte über Branchen hinweg von höchster Relevanz ist. Die Generation, welche nun das Erbe vor Ort antreten kann, ist die Generation der Wendekinder (vgl. Lettrari/Nestler/Troi-Boeck 2015).

In ihrer Lebensmitte sind nun oftmals „Kinder der Revolution“, die Wendekinder, als Nachfolger/-innen besonders gefragt. Sie sind es, die den Zukunftsthemen vor dem Hintergrund einer angespannten politischen Lage eine Gestalt geben müssen. Ihre Kindheit haben die zwischen 1975 und 1985 in der DDR Geborenen eingebettet in eine sozialistische Pädagogik und ihre Jugend im Transformationsraum Ostdeutschland nach der Wende erlebt. Sie wissen, dass sich die Dinge von heute auf morgen von Grund auf ändern können. Sie haben Aufbrüchen, Umbrüchen und auch Abbrüchen ihres unmittelbaren Lebensraumes zugesehen und kreativ Wege gefunden, progressiv Neues entstehen zu lassen. Sie sind weltläufig und anpassungsfähig geworden, denn ein Viertel ihrer Generation ist abgewandert und kehrt nun teilweise in ihre Heimaten zurück. Persönliche Freiheit in Gemeinschaft ist ihnen ein bedeutsamer Wert. Ihre Erfahrungen und Fähigkeiten als Change Maker, ihre pluralistischen und liberalen Stimmen werden in Deutschland, insbesondere in Ostdeutschland aufgrund der politischen Situation derzeit dringend benötigt.

Welches Erbe treten sie hier an? Je höher die Positionen in Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Medien, Kultur und Wirtschaft, desto weniger ihrer ostdeutschen Elterngeneration finden die Wendekinder vor. Das in jüngster Vergangenheit viel besprochene und derzeit vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) in dem Projekt „Soziale Integration ohne Eliten?“ umfänglich beforschte „Eliterepräsentationsdefizit“ Ostdeutscher in Führungspositionen stellt die Wendekinder vor eine neue Herausforderung (vgl. DeZIM 2019).

War es im Zuge des 20. Jubiläums der Friedlichen Revolution noch relevant, die Stimme zu erheben für einen positive mediale Darstellung dieser Generation, so stellt sich ihre Aufgabe nach 30 Jahren Mauerfall nun in einer neuen Qualität dar: Diese Generation will nicht mehr nur gehört werden, sie will Einfluss. Machtansprüche zu formulieren, um Verantwortung in Führungspositionen zu übernehmen und mit den wertvollen Erfahrungen einer doppelten Sozialisation aufzufüllen, ist das Gebot der zweiten Lebenshälfte der heute um die 40-Jährigen.


Oftmals sind „Kinder der ­Revolution“ als Nachfolger/-innen besonders gefragt



Die Startvoraussetzungen beinhalten neben den wertvollen biographischen Transformationserfahrungen auch spezifische strukturelle Aspekte. So können Wendekinder nicht, wie die westdeutsche Vergleichsgeneration, auf etablierte Elitenetzwerke der Elterngeneration zurückgreifen. Sie gehören statistisch betrachtet nicht im gleichen Umfang zur derzeitigen Erbengeneration und sind, wie bereits ausgeführt, in mediale stereotype Zuschreibungen eingebettet und bislang aufgrund ihres Aufwachsens in einem kollektiven Sozialisationsraum kaum mit einer mentalen Prädisposition für die Übernahme von Elitepositionen ausgestattet. Nichtsdestotrotz ist zu erwarten: Was auch immer die Wendekinder für ihre Zukunftsgestaltung benötigen, sie werden es sich mit den im deutschen Vergleich wenigen materiellen, jedoch umfänglichen immateriellen Werten, die sie besitzen, erschaffen.

Sollte diese Staffelstabübergabe der Führungspositionen in Ostdeutschland in den kommenden fünf bis zehn Jahren erfolgreich gelingen, wäre damit unter anderem auch ein höchst relevanter Beitrag zur Lösung des umfänglich konstatierten Repräsentationsdefizits Ostdeutscher in Elitenfunktionen in Ostdeutschland geleistet. Studien belegen jedoch unter Bezugnahme auf die Theorie der Pfadabhängigkeit, dass die Wahrscheinlichkeit einer Rekrutierung von „kulturell nicht ähnlichen“ Personen in Elitefunktionen unwahrscheinlich ist (vgl. Erfurt Sandhu 2014). Konkret hieße dieser Umstand in Ostdeutschland, dass Leitungsfunktionen, die bisher von Westdeutschen besetzt sind, nicht an Ostdeutsche weitergegeben werden.

Eine Quote für Ostdeutsche existiert allerdings nicht, obgleich in einer jüngeren Umfrage des Instituts Policy Matters für die Wochenzeitung DIE ZEIT 83 % der befragten Ostdeutschen der Aussage zustimmten, dass sie sich „eine gesetzlich geregelte stärkere Berücksichtigung (Ost-Quote) bei der Besetzung von wirtschaftlichen Führungspositionen wünschen“ (Machowecz/Wefing 2019). Vor dem Hintergrund dieser Betrachtung besteht für die Wendekinder eine historische Wirkungsverpflichtung: Im Rahmen ihrer Transformationskompetenz sind sie aufgefordert, ihre Changeability und ihren Führungsanspruch öffentlich und insbesondere in ihren individuellen Wirkungsräumen zu bekunden. Die Deutsche Einheit in ihrer täglich aufs Neue betriebenen Herstellung und eine vertiefte europäische Vereinigung benötigen diese Führungskompetenz für ein vitales, veränderungsvermögendes 21. Jahrhundert. 

Literatur
Altmeyer, Martin (2019): Das exzentrische Selbst. Eine Zeitdiagnose der digitalen Moderne. In: Journal für Politische Bildung, Heft 1, S. 18 – 22.

Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) (2019): Soziale Integration ohne Eliten?, https://tinyurl.com/DeZIM-jpb (abgerufen am 15.09.2019).

Machowecz, Martin/Wefing, Heinrich (2019): Mauerfall: Jetzt hört mal zu! In: DIE ZEIT Nr. 41, S. 2 f.

Erfurt Sandhu, Philine (2014): „Er muss diesen Beruf gerne machen, mit Leib und Seele“: Hyperinklusion als Erfolgskriterium für oberste Führungskräfte in einem internationalen Beratungsunternehmen. In: Hänzi, Denis/Matthies, Hildegard/Simon, Dagmar (Hg.): Erfolg: Ausprägungen und Ambivalenzen einer gesellschaftlichen Leitorientierung, Sonderband der Zeitschrift Leviathan, S. 176 – 193.

Kollmorgen, Raj/Koch, Frank Thomas/Dienel, Hans-Ludger (Hg.) (2011): Diskurse der deutschen Einheit. Kritik und Alternativen. Wiesbaden.

Lettrari, Adriana/Nestler, Christian/Porath, Jane (2019): Transformationskompetenz der Wendekinder – Annäherung an eine etymologische, transdisziplinäre Exploration. In: Zeitschrift für Demokratie gegen Menschfeindlichkeit, Heft 2 (im Erscheinen).

Lettrari, Adriana/Nestler, Christian/Troi-Boeck, Nadja (Hg.) (2015): Die Generation der Wendekinder. Elaboration eines Forschungsfeldes. Wiesbaden.

Mezirow, Jack (1997): Transformative Erwachsenenbildung. Baltmannsweiler.

Zitation:
Lettrari,  Adriana (2019). Wendekinder und ­Transformationskompetenz. Change Management in Ostdeutschland 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, in: Journal für politische Bildung 4/2019, 32-37.

Das Projekt „Netzwerk 3te Generation Ost“

Der Begriff „Dritte Generation Ost“ tauchte zum ersten Mal 2009 im Zuge der Debatte um den 20. Jahrestag des Mauerfalls auf. Im allgemeinen Verständnis werden mit diesem Begriff die Jahrgänge 1975 bis 1985 der in der DDR Geborenen und im vereinigten Deutschland sozialisierten „Wendekinder“ bezeichnet – eine Alterskohorte mit doppelter Sozialisation.

Das 2010 u. a. von Adriana Lettrari gegründete „Netzwerk 3te Generation Ost“ arbeitet darauf hin, dass diese Menschen ihre Rolle bei der Gestaltung der Gesellschaft aktiv wahrnehmen. Die Dritte Generation Ostdeutscher ist zur Wendezeit aufgewachsen und hat dadurch einzigartige Erfahrungen gesammelt. Die damit verbundenen Kompetenzen versucht das Netzwerk zu entdecken, zu beschreiben und aktiv zu fördern. Es geht darum, Ideen zu entwickeln, die als Projekte lokal, regional wie national umgesetzt werden.

Alle Informationen zum Projekt sind über die Webseite: www.netzwerk.dritte-generation-ost.de abrufbar.

Die Autorin

Dr. Adriana Lettrari, Politikwissenschaftlerin und Organisationsberaterin, gründete 2010 das „Netzwerk 3te Generation Ost“ und wurde international mit dem ressourcenorientieren Ansatz „Transformationskompetenz“ bekannt. Seit 2009 forscht, publiziert und aktiviert sie zu „Wendekindern“. Für ihr Engagement wurden ihr zahlreiche Preise verliehen. www.adrianalettrari.de

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