Was macht eine Krankheit zur Gesundheitskrise?

Nicht jede Krankheit mit einer hohen Mortalitätsziffer wird als nationale oder globale Gesundheitskrise wahrgenommen. Dies trifft auf die Gegenwart zu, zeigt sich aber besonders deutlich mit Blick auf die Vergangenheit. Emotionen spielen bei der Einschätzung des Gefahrenpotenzials von Krankheiten eine wichtige Rolle. Vier Thesen zum Zusammenhang von Krankheit, Krisenwahrnehmung und Emotionen.


Wissen Sie, welcher Krankheit der 24. März gewidmet ist? Eine Umfrage dazu riefe vermutlich überwiegend Achselzucken hervor. Die richtige Antwortet lautet Tuberkulose. Nun kann man mit einigem Recht die Bedeutung solcher Krankheitsgedenktage anzweifeln. Doch auch eine Recherche in Zeitungen und Nachrichtenportalen deutscher Sprache kommt für das Vor-Corona-Jahr 2019 auf lediglich 1.888 Treffer für das Wort „Tuberkulose“. Diese Zahl steht in erstaunlicher Diskrepanz zu einer anderen Zahl: der Zahl 1.179.766. Das sind die Menschen, die im gleichen Zeitraum weltweit an Tuberkulose starben. Damit nahm Tuberkulose – wie schon viele Jahre zuvor – den traurigen ersten Platz auf der Liste der global topkillers im Bereich Infektionskrankheiten ein. Stellte Tuberkulose also 2019 eine globale Gesundheitskrise dar? Aus Sicht der WHO sicherlich, aber auch in der Wahrnehmung von Gesellschaft und Politik in Europa?

Der Kontrast zur COVID-19-Pandemie, die am 11. März 2020, wenige Tage vor dem Welttuberkulosetag, von der WHO offiziell zur Pandemie erklärt wurde, könnte kaum größer sein. Hier wirft eine Recherche für 2020 nur für das Wort „Corona“ 14.856 Treffer aus. Zugegeben: die Zahl der Corona-Toten im Jahr 2020 überstieg die Zahl der Tuberkulose-Toten des Vorjahres um knapp 640.000 – und das trotz mehrfacher Lockdowns, Grenzschließungen und anderer einschneidender Maßnahmen, ohne die die Mortalitätsziffer sicherlich weitaus höher ausgefallen wäre.

Es geht hier nicht darum, die Bedeutung von COVID-19 unter Verweis auf die Tuberkulose-Toten zu relativieren und die Legitimität der getroffenen Maßnahmen in Frage zu stellen. Die Frage ist vielmehr, warum manche Krankheiten als Gesundheitskrise medienöffentlich erkannt und ihnen mit hoher Priorität begegnet wird, während anderen Krankheiten trotz hoher Todeszahlen deutlich weniger Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Das Beispiel Tuberkulose versus COVID-19 weist bereits auf einige Faktoren hin, nämlich solche ökonomischer und geopolitischer Art. Tuberkulose grassiert vor allem im Globalen Süden. Tuberkulose ist zudem eine Krankheit der Armen und Schlechternährten – und in den letzten Jahrzehnten auch von Menschen mit einer HIV-Infektion. Aber: Die öffentliche Aufmerksamkeit für eine Krankheit, ihre Anerkennung als nationale oder internationale Gesundheitskrise lässt sich nicht allein mit ökonomischen oder geopolitischen Faktoren erklären. Auch Emotionen spielen hier eine wesentliche Rolle. Dazu vier…

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Die Autorin

PD Dr. Bettina Hitzer ist Heisenberg-Fellow am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden. Sie forscht und lehrt zur Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, zur Emotionsgeschichte, zur Geschichte der Migration sowie zur Kindheitsgeschichte.

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