Politische Bildung erfindet sich neu

Die Einbindung der Evangelischen Akademie Loccum in die bundesweite Organisation der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung und die Förderstrukturen des Kinder- und Jugendplans haben ermöglicht, die durch die Corona-Pandemie ausgelöste Krise durchzustehen und Freiräume für neue Wege in der Bildungsarbeit auszuloten. Während bei den Tagungen mit Multiplikator*innen mit digitalen Formaten die Reichweite erhöht werden konnte, wurde die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erschwert.


Die Förderstruktur trägt
Bildungseinrichtungen sind unterschiedlich gut durch die Pandemie gekommen. Die meisten mussten sehr grundsätzlich ihre Arbeitsweise und Organisation verändern, sowohl im Personal- und Verwaltungsbereich als auch in der Beziehung zu den Zielgruppen. Das ging auch der Evangelischen Akademie Loccum mit ihrem breiten Spektrum an Arbeitsschwerpunkten und diversen Gruppen von Tagungsteil­neh­mer*in­nen nicht anders. Aus der Perspektive der Jugendbildungsarbeit, die integraler Bestandteil der Akademiearbeit ist, werden im Folgenden einige Erfahrungen der letzten beiden Jahre skizziert und es wird ein Ausblick auf die nahe Zukunft vorgenommen. 

Grundsätzlich können wir bilanzieren: Die Einbindung unserer Arbeit in Strukturen, die sich als sehr krisenfest und verlässlich gezeigt haben, hat uns ermöglicht, die Krise durchzustehen und Freiräume für neue Wege in der Arbeit auszuloten. Die Förderstrukturen des Kinder- und Jugendplans, in dessen Programmlinie zur politischen Bildung die Evangelischen Akademien und die Arbeitsgemeinschaft der Ev. Jugend eingebunden sind, und die Förderung der politischen Erwachsenenbildung durch die Bundeszentrale für politische Bildung haben sich als gutes Fundament erwiesen und wurden zum Teil krisenbezogen flexibilisiert, um neue Arbeitsformen zu entwickeln. Mittelverwendungen und -nachweise wurden schnell und gut handhabbar angepasst, innovative Formate unbürokratisch ermöglicht und Risiken abgefedert. Auch unsere Landeskirche, die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, hat mit der verlässlichen Förderung von Tagungsstätte und Personal die Grundlage unserer Arbeit gesichert und Ausfälle, Verschiebungen und Verlagerungen von Veranstaltungen ins Netz flexibel ermöglicht.

Die Bewältigung der Krise und der Erhalt einer Kontinuität in der Arbeit und in den Beziehungen zu unseren Zielgruppen hätte ohne diese Struktur nicht gelingen können. Wenn wir feststellen können, dass wir bei allen Krisen­erscheinungen und Herausforderungen der Demokratie in Deutschland doch eine sehr belastbare politische Kultur haben, dann liegt das auch an dem Zusammenspiel einer klug gebauten Förderstruktur für politische Bildung mit der subsidiär abgesicherten Trägerlandschaft, mit dem auch in der Krise an Investitionen in die Bildungsarbeit, den gesellschaftspolitischen Diskurs und damit in die politische Kultur festgehalten wurde. 

Neuorientierung und Erprobung neuer Formate
Am Anfang von Corona stand noch die Zuversicht, dass die ganze Angelegenheit nach ein paar Wochen, längstens Monaten, vorbei sein würde. Als uns an der Ev. Akademie Loccum bewusst wurde, dass auch unsere Einrichtung die Präsenzveranstaltungen würde einstellen müssen und sich die Konturen eines ersten Lockdowns abzeichneten, begann eine Zeit intensiver Beratung und Neuorganisation. Sehr hilfreich war der schnell einsetzende Erfahrungsaustausch mit unseren Kolleg*innen in der bundesweiten Struktur der evangelischen Jugendbildung, insbesondere der Evangelischen Trägergruppe mit Geschäftsstelle in Berlin. 

Mit dem ersten Lockdown begann das Umplanen. Optimistisch hatten wir in der ersten Phase noch die Erwartung, die Tagungen als Präsenzformate im Herbst 2020 nachholen zu können, doch dann wurde klar, dass wir neue Wege würden gehen müssen und eine Verlagerung der Arbeit ins Netz die einzig belastbare Planungsoption wurde. Erfahrungen gab es vereinzelt, weil insbesondere in der Arbeit mit Jugendlichen schon seit 2006 immer wieder einmal Referenten*innen über Skype in Veranstaltungen zugeschaltet worden waren. Keine Erfahrung gab es jedoch mit der Durchführung von komplett digitalen oder hybriden Veranstaltungen. Es fehlte an Equipment und Knowhow, um ohne Vorlauf in den digitalen Modus in der Kommunikation mit großen Gruppen (d. h. für unsere Veranstaltungen in der Regel 70 bis 130 Personen) schalten zu können.


Flexibilisierung von Förderbedingungen



Das Sondieren von geeigneten Konferenz-Programmen inklusive der Klärung der datenschutzrechtlichen Implikationen hat in Loccum und im Raum der Landeskirche viele Menschen beschäftigt. Immerhin: Wir hatten gute Voraussetzungen, weil kurz zuvor unsere personellen und technischen Kapazitäten in der digitalen Öffentlichkeits- und Tagungsarbeit aufgestockt worden waren. Dieser Support ermöglichte sehr schnell die Einrichtung von Homeoffice-Strukturen, die Unterstützung beim Erlernen der Programme und Tools und die Durchführung digitaler und später hybrider Tagungen.

Im Vorfeld der Umplanung zu digitalen Veranstaltungen hat sich unsere Verwaltungsleitung erfolgreich um den Ausbau der Netzinfrastruktur und der Netzkapazität gekümmert, sodass noch vor dem Glasfaseranschluss, der sehr spät erfolgte, ein verbindungssicheres digitales Tagen auch mit größeren Gruppen funktionierte.

Präsent bleiben – Netzwerke erhalten – Learning by Doing
Die persönliche Begegnung, das Gespräch, das Netzwerken in Pausen, das gemeinsame Lachen und der notwendige Streit, die wunderbaren Mahlzeiten, das Zusammensitzen am Abend und nicht zuletzt auch die Morgenandachten in unserer stillen Hauskapelle: Alles, was neben einer inhaltlich gut konzipierten Veranstaltung von unseren Teilnehmer*innen oft als das Besondere unserer Akademie geschätzt wird, entfiel mit dem Lockdown. Dennoch war es durch die Digitalisierung möglich, in Kontakt zu bleiben und unserer Aufgabe nachzukommen, an der Lösung gesellschaftlicher Probleme mitzuarbeiten – wie es unsere Akademiesatzung vorschreibt.

Wir hatten in der Jugendbildungsarbeit im Rahmen unserer Bundesstruktur der Evangelischen Trägergruppe, wie wohl fast alle Akteure der politischen Jugendbildung, schon in den zurückliegenden Jahren das Thema der Digitalisierung aufgegriffen (vgl. Jantschek/Waldmann 2017).

Die Veränderungen in der Lebenswelt Jugendlicher durch den Bedeutungszuwachs der Sozialen Medien, kreativer Umgang mit Gaming in der politischen Bildung, digitale Tools in der Durchführung von Tagungen und in der Beteiligungs­praxis (mentimeter, oncoo, padlet und etherpad u.v.m.) waren Themen schon in den Vorjahren in Tagungen und bundesweiten Projekten. Die Jugendbildung war hier an vielen Akademien Pionierin. Nun eigneten sich auch die ‚Nachzügler‘ Methoden und Kompetenzen an, um die Veranstaltungspraxis in digitaler Form während des Lockdowns zu gestalten. Noch im Jahr 2019 hatten wir an der Akademie in Kooperation mit dem niedersächsischen Landesjugendamt und der Landeszentrale für politische Bildung eine große Fachtagung zum Thema „Werkstatt Partizipation“ mit Elementen zur Erprobung von digitalen Tools, die insbeson­dere in der Jugendbeteiligungspraxis und der kollaborativen Arbeit hilfreich sein könnten. In der Pandemie wurden diese Methoden unverzichtbar.

Ein Schub für die Digitalisierung – aber große Unterschiede in der Erreichbarkeit von Zielgruppen
Dass mit der Pandemie die Chancen der Digitalisierung gegenüber ihren Risiken neu bewertet werden, wurde vielfach festgestellt. Der geringe Durchdringungsgrad digitaler Praxis in der außerschulischen und mehr noch der schulischen Praxis wurde in der Pandemie Thema und Herausforderung in unserer Arbeit. Das Fehlen von rechtlich abgestimmten Standards und Zugängen zu gut funktionierenden Konferenzprogrammen hat uns bei der Durchführung besonders der ersten digitalen Veranstaltungen einige Flexibilität abverlangt. In der Phase der Erprobung war „learning by doing“ das Gebot der Stunde. Die Studienleitung der Akademie hat sich gegenseitig fortgebildet und unterstützt. In einer Verbindung von inhaltlich spannenden Inputs und dem gleichzeitigen Trainieren von Tools hat vor allem unsere Geschäftsstelle in Berlin sehr schnell nach dem Lockdown digitale Gesprächs­angebote in die Szene der Jugendbildungsarbeit gemacht. „Auf einen Kaffee mit …“ (et 2020) ist ein solches Format, das sicher in vergleichbarer Form erhalten bleiben wird. 


Konflikthafte Themen digital schwieriger zu verhandeln



Die Vorteile digitaler Formate haben sich insbesondere in der Planungs- und Organisationsphase von Veranstaltungen gezeigt. Im Multiplikator*innen- und Fachkräftedialog haben sich neue Standards und Praktiken eingespielt. So wurden z. B. Vorträge vor der Tagung aufgezeichnet und den Teilnehmer*innen zugänglich gemacht, sodass während der Tagung mehr Raum für die Debatte blieb. Verknüpfungen von expertenbasierten Gesprächen und kleineren Workshops im Vorfeld und anschließenden offenen Tagungen werden im Multiplikator*innenbereich gängige Praxis bei uns bleiben.

Für den Bereich der Fachtagungen mit jugendpolitischen Multiplikator*innen können wir auch feststellen, dass wir mit den digitalen Veranstaltungen eine größere regionale Reichweite und höhere Teilnehmerzahlen erreichten. Mit der Nutzung von Meeting-Formaten ist sogar ein nicht unbefriedigender Grad an aktiver Beteiligung festzustellen, wenn auch die Anzahl von passiven Zuschaltungen groß ist. Zugleich nehmen wir im gesamten Kollegium wahr, dass stark kontroverse oder gar konfliktbehaftete Themen im digitalen Format schwieriger zu verhandeln sind. Streit – im produktiven Sinne – wird im Bildschirmformat eher vermieden als in der persönlichen Begegnung. 

Zielgruppe Kinder und Jugendliche
Während wir bei den Tagungen mit Multiplikator*innen unsere Reichweite erhöhen konnten, wurde unsere Arbeit mit Kindern und Jugendlichen durch die erheblichen Einschränkungen von Schulen angesichts der Lockdowns, des unterschiedlich gelingenden Distanzlernens und des Stresses, den die Wechselmodelle mit sich brachten, erschwert. Am besten konnte die Zielgruppe der Gymnasiast*innen erreicht werden, weil diese Angebote stark wissensorientiert sind. Schüler*innen berufsbildender Schulen und auch Grundschulkinder konnten digital kaum angesprochen werden, weil wir mit ihnen erfahrungsbasiert arbeiten und die dafür notwendige Begegnung und Bewegung unmöglich war.


Nur schwarze Kacheln zu sehen



Hatte die erste Veranstaltung mit Oberstufenschüler*innen im April 2020 zu den bevorstehenden US-Wahlen mit einem in den USA gestrandeten Referenten Jugendliche geradezu vorbildhaft an der Vorbereitung und Durchführung beteiligt, war an ihre Einbeziehung ab Mai 2020 und der ersten Phase der Öffnung von Schulen nicht mehr zu denken. Die Lehrkräfte, die für uns auch in der frei ausgeschriebenen außerschulischen Bildungsarbeit eine wichtige Scharnierfunktion haben, waren plötzlich multipel belastet, die Jugendlichen auf den Unterrichtsstoff und ihre Bildungsabschlüsse fixiert, Schule so anstrengend, dass an anderes kaum zu denken war. 

Klar war, unser Angebot musste massiv auf die sehr begrenzten Möglichkeiten, die Schule ließ, angepasst werden. Unsere Arbeit war plötzlich kein Freiraum mehr, in dem kein Schulunterricht stattfindet, sondern ein zusätzliches Angebot, das „on top“ zu Schule stattfinden musste. Dies hatte Folgen für Inhalte, den zeitlichen Zuschnitt und die Rhythmisierung der Veranstaltungen. Kürzer musste es sein, weniger am Stück, verteilt über mehrere Termine. Zwei Pandemiejahre lang fanden alle Angebote für Oberstufenschüler*innen nur digital statt, es wurde experimentiert und immer wieder justiert, welche Zeiträume und welche Themen in welchem Zuschnitt möglich sind. Angebote über mehrere Wochen verteilt drohten sich zu verlaufen, dichte Programme waren eine zu große zeitliche Belastung neben Schule. Trotz des „Verlusts an Tiefe“ erreichten wir aber dennoch viele junge Menschen. Vor allem aktuelle Themen (US-Wahlen, Krise des Multilateralismus, der Klimawandel und die Ozeane, Afghanistan) stießen auf sehr gute Resonanz.

Erschwerend neben den „no shows“ waren die „schwarzen Kacheln“ – die Jugendlichen schalteten partout ihre Kameras nicht an. Ob dies aus Furcht vor Screenshots, aus zu geringer Bandbreite und schulischer Praxis, digitaler Scheu oder ungeeigneter Pädagogik heraus erfolgte, wissen wir nicht. Diese fehlende Resonanz verunsichert auf Dauer und macht Politische Bildung zum Anbieter und die Teilnehmenden zu Konsument*innen. Die Forderung, Politische Bildung den digitalen Sehgewohnheiten der Jugendlichen anzupassen, ruckelt am pädagogischen Selbstbild. Wie soll Tiefe, Multiperspektivität und Kontroverse angesichts von Verkürzung gelingen?

Die Krise machte aber auch kreativ. So entstanden zwei Planspiele, die sowohl digital als auch in Präsenz gespielt werden können. Im Mittelpunkt stehen der respektvolle Umgang in digitalen Medien sowie das Thema Desinformation bei Instagram (vgl. Jantschek/Rosenow/Schad-Smith 2020; et 2021).

Was bleibt?
Nach Lockdown, schulischen „Ausrückverboten“, Hygienemanagement und der drastischen Reduzierung der erlaubten Gästezahlen im Tagungshaus läuft die Arbeit vor Ort seit Frühjahr 2022 wieder an. Digitale Veranstaltungen werden bleiben, wo es die Aktualität erfordert. Vor allem in der Arbeit mit Multiplikator*innen können digitale Veranstaltungen sinnvoll die Tagungsarbeit in Loccum ergänzen. Jugendliche und Kinder sind die Verlierer der Pandemie. Sie brauchen jetzt vor allem reale Räume der Begegnung, in denen sie den Kontrollverlust und die Isolation überwinden können.


Literatur
Jantschek, Ole/Waldmann, Klaus (Hg.) (2017): Shape the Future. Digitale Medien in der politischen Jugendbildung. Schwalbach/Ts.

Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung: „Auf einen Kaffee mit... Expert*innen und Projekten“. Eine Veranstaltungsreihe der digitalen politischen Bildung in verschiedenen Ausgaben seit dem 27.3.2020. https://t1p.de/a17kd 

Jantschek, Ole/Rosenow, Jakob/Schad-Smith, Simone (Hg.) (2020): Klamottenkiste – Ein Videoplanspiel zu Respekt im Klassenchat. Berlin. https://t1p.de/1dcnh 

Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (2020): #INSTAHEROES. Ein Onlinespiel zu Medienkompetenz. https://t1p.de/x0b5x

Alle Internetquellen abgerufen am 20.5.2022

Zitation:
Grimm, Andrea & Schad-Smith, Simone (2022). Politische Bildung erfindet sich neu. Jugendbildungsarbeit an der Evangelischen Akademie Loccum, in: Journal für politische Bildung, S. 46-49, DOI https://doi.org/10.46499/1930.2470. 

Autor*innen

Andrea Grimm ist Sozialwissenschaftlerin und Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Loccum. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Jugendpolitik, Kinder- und Jugendhilfe, Demokratiebildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Simone Schad-Smith ist Sozialwissenschaftlerin und Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Loccum. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist, Bildungsveranstaltungen für Schüler*innen der gymnasialen Oberstufe zu internationaler Politik und nachhaltiger Entwicklung durchzuführen. Zudem ist sie Regionalkoordinatorin im Projekt „Alles Glaubenssache“ der Ev. Trägergruppe für gesellschaftspol. Jugendbildung.

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