Die vielfältigen Gesichter von Bildung in der post-digitalen Post-Pandemie

Die Covid-19-Pandemie hat weltweit enorme Herausforderungen für den Bildungskontext mit sich gebracht. Kurzfristig mussten digitale Lernszenarien entwickelt, Zielgruppen neu adressiert oder ein Abdriften dieser aus Bildungsangeboten vermieden werden. Mehr als zwei Jahre nach Pandemiebeginn kann ein erstes Resümee gezogen werden: Was hat sich im pädagogisch-praktischen Kontext im Hinblick auf die Bedeutung und den Einsatz digitaler Technologien verändert und welche Entwicklungstendenzen sind langfristig ableitbar? Welche Herausforderungen haben sich kurz-, mittel- und langfristig eröffnet? Welche Bedeutung haben Krisen für Bildung? Aus globalen gesellschaftlichen Entwicklungen im breiten Kontext von Bildung, Digitalisierung und Corona können langfristige Implikationen für Bildung in postpandemischen Zeiten abgeleitet werden.

Corona ist als Krise über diese Welt hereingebrochen und hat eine Neustrukturierung in vielen Lebensbereichen notwendig gemacht. Nach dem etymologischen Wortursprung im griechischen krísis sind Krisen Scheidungen bzw. Entscheidungen; sie bezeichnen einen Wendepunkt. Sie sind negativ konnotiert – gleichzeitig machen uns Alltagsweisheiten glauben, dass in jeder Krise eine Chance verborgen liege. Der Krisenbegriff hat Überlegungen zu Bildung und Pädagogik vielfältig geprägt. Jean-Jacques Rousseau verwendet den Begriff, um das Spannungsfeld zwischen Staat, Gesellschaft und Individuum zu erörtern. In einer Krise als „Augenblick mit weitreichender Auswirkung“ (Schneider-Taylor 2009: 109), so Rousseau, scheidet bzw. trennt sich die Gemeinschaft vom Bisherigen. Das bedingt Entscheidungen über die Zukunft, ein Ordnen des Ungewissen und führt die Desorientierung zu einer neuen Orientierung (vgl. Grünberger 2017).

In ähnlicher Form greift dies der Bildungs­theo­retiker Hans-Christoph Koller (2012) auf. Er versteht Bildung als Transformation von Selbst- und Weltverhältnis, angeregt durch besonders irritierende Erfahrungen. Bildungsanlässe sind Momente, die die bisherigen Norm- und Wertvorstellungen so sehr in Frage stellen, dass eine Neuorientierung nötig wird. Dem geht eine Zeit der Irritation – eine Krise – voraus. Selbst und Welt sind nicht als abgeschlossene Einheiten, sondern als dynamisch und voneinander jeweils abhängig und sich gegenseitig zum Wandel anregend zu verstehen. 

Subjektive Weltwahrnehmung ist grundlegend mit Medien verknüpft. Die Sinne vermitteln ein Bild von Welt; die Stimme transportiert Verbalisierungen eigener Gedanken nach außen. Diverse analoge und digitale Medienformate prägen unseren Blick auf die Welt, Andere und uns selbst. Medienhandeln konstituiert nicht nur uns selbst, sondern alle sozialen Beziehungen. Durch unser Medienhandeln gestalten wir also auch unsere soziale und materielle Umgebung. Dabei greifen wir auf Routinen zurück, die sich gesellschaftlich etabliert haben. Medien wirken strukturierend auf Handeln, wie das…

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Autor*innen

Dr. Caroline Grabensteiner forscht und lehrt an der Pädagogischen Hochschule Wien. Schwerpunkte: Soziale Konstruk­tion medialer Kontexte in Verbindung mit Medienbildung, digital erweiterte Lernumgebungen, Digitalisierung und Bildungsgerechtigkeit sowie Data Literacy.

Nina Grünberger, PhD, arbeitet in Forschung und Lehre an der Pädagogischen Hochschule Wien. Schwerpunkte: Medien­bildung in Zeiten des Digitalen Kapitalismus sowie Verbindung von Digitalität und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Sie ist u. a. im Vorstand der Sektion Medien­pädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungs­wissenschaft e. V. (DGfE) tätig.

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