World wide antisemitism – Projektwoche gegen Antisemitismus im Internet

Mit dem Modellprojekt „world wide antisemitism – Projektwoche gegen Antisemitismus im Internet” hat der Bildungsträger Spiegelbild aus Wiesbaden im Jahr 2019 ein pädagogisches Konzept entworfen, das die Entwicklungen des Antisemitismus im digitalen Zeitalter zum Gegenstand der pädagogischen Auseinandersetzung macht. Im Folgenden werden die Genese sowie die inhaltliche und methodische Ausrichtung des Projekts umrissen, um es schließlich im Spiegel aktueller Fachdebatten zu betrachten.

Die Ausgangspunkte des Projekts bildeten zum einen unsere eigenen Erfahrungen in der Bildungsarbeit. Seit fünf Jahren setzen wir uns in dem Projekt „Love Speech” mit Hass und Hetze in den Kommentarspalten der Sozialen Netzwerke auseinander. Hier stellten wir jedoch rasch fest, dass die Konzepte und Ansätze zur Bekämpfung der sogenannten Hate Speech oft zu kurz greifen, um der Spezifik und Dramatik des Online-Antisemitismus gerecht zu werden. Antisemitismus als allumfassendes „Weltdeutungssystem” (Schwarz-Friesel) ist keine Ideologie unter vielen. Eben dies wird im Containerbegriff der „Hate Speech” meist verkannt, der als Online-Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit unterschiedliche Ideologien subsumiert, jedoch damit ihre verschiedenen Funktionsweisen unkenntlich macht.

Zum anderen waren wissenschaftliche Studien auslösend und wegweisend für das Projekt „world wide antisemitism”. Hervorzuheben ist die Studie „Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses” von Monika Schwarz-Friesel, in der sie empirisch nachwies, dass sowohl die Qualität als auch die Quantität des Antisemitismus im und durch das Internet in den letzten zehn Jahren massiv zugenommen, sich das „Sag- und Sichtbarkeitsfeld für Antisemitismen im Web 2.0 exorbitant vergrößert” habe (Schwarz-Friesel 2018: 2). Schwarz-Friesel spricht von einer „Omnipräsenz” des Antisemitismus im digitalen Zeitalter. Gleichzeitig ist das Internet die bedeutendste Informationsquelle, ein Freizeitort und ein elementarer Bestandteil der Lebenswelt von Jugendlichen.

Im digitalen Zeitalter werden die Ansprüche der Moderne noch unüberschaubarer und komplexer. Insbesondere in der fragilen Phase der Adoleszenz kann eine antisemitische Weltdeutung mit der damit einhergehenden Komplexitätsreduktion und manichäischen Einteilung in gut und böse vermeintliche Sicherheit, Sinnstiftung und scheinbare emotionale Befriedigung bieten. Angesichts dessen erscheint der Handlungsbedarf der politischen Bildung zu Antisemitismus im digitalen Zeitalter offenkundig.

Pädagogische Grundannahmen
Die Projektwoche ist ein primärpräventives Angebot für Mittel- und Oberstufenklassen. Wir gehen davon aus, dass bei den Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, keine gefestigten antisemitischen Weltbilder vorhanden sind. Das Angebot wurde im Jahr 2019 an zwei Gymnasien und einer integrierten Gesamtschule umgesetzt. Im vergangenen Jahr konnten die Projektwochen wegen der Pandemie nicht stattfinden. Stattdessen wurden verschiedene digitale Workshops zu Verschwörungsmythen und Antisemitismus im Kontext von Corona angeboten. Für das kommende Schuljahr sind wieder Projektwochen an Schulen geplant.


Antisemitismus ist keine Ideologie unter vielen



In der Konzeption der Projektwoche wählten wir einen phänomenologischen Ansatz. Dies bedeutet, dass keine klaren Definitionen, sondern die Erscheinungsformen des Antisemitismus im Vordergrund stehen. Antisemitismus zielt immer darauf ab, Eindeutigkeit herzustellen, und verweigert sich widersprüchlichen und abstrakten Realitäten. Daher ist die Vermittlung von Komplexität eine Grundlage jeglicher Antisemitismusprävention (vgl. KIgA 2013). Freilich existieren eine Fülle hilfreicher Definitionen des Antisemitismus, denen jedoch, je konkreter sie werden, zusehends die definitorische Greifbarkeit ihres Gegenstandes entgleitet.

Robert Wistrich bezeichnete Antisemitismus als den ältesten Hass der Welt (vgl. Wistrich 1991). In seinen Erscheinungsformen hat sich der Antisemitismus über die Jahrhunderte diversifiziert und passt sich immer wieder wie ein „Chamäleon” (Schwarz-Friesel) dem Zeitgeist an. Alle noch so unterschiedlichen Varianten des Antisemitismus finden eine Deckungsgleichheit im Verschwörungsglauben. Versatzstücke der Vorstellung, es gäbe machtvolle, geheimnisvolle und aus dem Hintergrund agierende Fädenzieher, zeigen sich in allen Formvarianten judenfeindlichen Denkens.

Die Einstellungsforschung verweist darauf, dass Antisemitismus unabhängig von jeweiligen Zugehörigkeiten existiert, sei es Klasse, Migrationsbiografie, Geschlecht oder Alter (vgl. Zick u. a. 2019). Insofern geht es für uns nicht darum, konzeptionell zielgruppenspezifisch zu arbeiten, da Verschwörungsideologien und der damit korrespondierende Antisemitismus unabhängig von der sozioökonomischen Herkunft einen emotionalen Mehrwert bieten können.

Ein Einblick in die Projektwoche
Vor diesem Hintergrund entschieden wir uns dazu, die Decodierung des Antisemitismus ausgehend von den Verschwörungsfantasien vorzunehmen. Am ersten Tag setzten sich die Jugendlichen zunächst spielerisch mit gängigen (nicht explizit antisemitischen) Verschwörungsideologien auseinander. Es hat sich gezeigt, dass diese Herangehensweise einen einfachen und gleichzeitig eindrücklichen Einstieg in die Funktionsweisen des antisemitischen Denkens und Fühlens ermöglicht. Dies eröffnet Räume, um schließlich die Frage zu diskutieren, warum antisemitische Verschwörungsideologien so verbreitet sind.

Der zweite Tag beleuchtet die Genese der antisemitischen Verschwörungsideologien im 19. und frühen 20. Jahrhundert anhand des Romans „Biarritz” und der „Protokolle der Weisen von Zion”. Hieran anschließend wird das Deutschrap-Video „Telvision” von PA Sports, Kianush und Kollegah analysiert und gefragt, welche historisch-antisemitischen Ideen einer weltweiten Verschwörung in diesem populärkulturellen Beispiel tradiert werden. Dies verdeutlicht die Wirkmächtigkeit des unbewussten, gesellschaftlichen Erbes antisemitischer Weltbilder.

Ein weiterer Themenschwerpunkt in der Projektwoche ist der sogenannte israelbezogene Antisemitismus, der die bedeutendste moderne Variante und Umwegkommunikation der klassischen Judenfeindschaft darstellt. In der Projektwoche erfahren die Teilnehmenden kaum etwas über den „Nahostkonflikt”, da die Israelfeindschaft unabhängig vom Verhalten des jüdischen Staates existiert. Stattdessen wird sich mit den Motivationen und Bedürfnissen auseinandergesetzt, die bei der „Israelkritik” zum Tragen kommen können. Während der ersten Umsetzungen fiel uns auf, dass jede Gruppe, unabhängig von Schulzweig oder Herkunft, ohne Schwierigkeit antisemitische von kritischen Aussagen gegenüber bestimmter israelischer Politik trennen konnte und sich damit von den Protagonisten vieler Feuilleton-Debatten abhob. Eine Ausnahme stellte die Auseinandersetzung mit dem Rapper Felix Blume alias Kollegah dar, der vielen Jugendlichen unter anderem mit seiner Palästina-Dokumentation als Stichwortgeber diente. Hier beobachteten wir häufig eine Gleichzeitigkeit im Erkennen der Problematik vieler seiner Aussagen und einer Legitimierung und Rationalisierung seines Antisemitismus.

Ausgehend von Verschwörungsideologien bietet jeder Tag der Projektwoche einen eigenen inhaltlichen Schwerpunkt, wobei alle sehr unterschiedlich, allerdings gleichzeitig eng miteinander verwoben sind und aufeinander aufbauen. Der Fluchtpunkt der Projektwoche liegt im Transfer des Erlernten auf den Bereich der Sozialen Netzwerke. Hier kann die antisemitismuskritische Sensibilität in selbsterfahrenden Methoden, wie in der Simulation von Kommentarspalten, erprobt und können die Spezifika der Online-Kommunikation erlebt und gemeinsam reflektiert werden.

Am letzten Tag der Projektwoche nähern sich die Teilnehmenden den vielschichtigen Auswirkungen des Antisemitismus auf Betroffene, um schließlich gemeinsam Handlungsperspektiven im Kampf gegen Antisemitismus in der Schule zu erarbeiten.

Das Konzept im Spiegel aktueller Fachdebatten
Im Zuge der Fachdebatten um Intersektionalität und Rassismuskritik wird verstärkt dafür plädiert, antimuslimischen Rassismus in der Antisemitismusprävention zu berücksichtigen. So wurde während verschiedener Projektvorstellungen auf einer Fachkonferenz im Hessischen Innenministerium von Kolleg*innen aus der politischen Bildung auch unser Projekt dahingehend hinterfragt, ob man Antisemitismusprävention machen könne, ohne gleichzeitig konzeptionell zu antimuslimischem Rassismus zu arbeiten. Auf diese Weise würden Widerstände muslimischer Jugendlicher, sich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen, vermindert.

Aus einer subjektorientierten sowie aus einer inhaltlich-analytischen Perspektive halten wir dies für problematisch. Zunächst ist es fragwürdig, antizipierend Opferkonkurrenzen bei muslimisch sozialisierten Jugendlichen zu bestimmen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass essentialisierende Gruppenkonstruktionen integraler Bestandteil des antimuslimischen Rassismus sind. Ferner können in oben angeführter Kritik die Konturen der projektiven Auslagerung des Antisemitismus der Dominanzgesellschaft auf muslimisch wahrgenommene Menschen erscheinen. In diesem Zusammenhang sollte man die Wechselwirkungen zwischen Antisemitismus und Rassismus durchaus berücksichtigen, jedoch ohne die struktur-ideologischen Unterschiede zu nivellieren. Marina Chernivsky spricht davon, dass die „Thematisierung von Antisemitismus [...] zwar gesondert, aber nicht isoliert von anderen Diskriminierungen erfolgen” muss (Chernivsky 2020: 209).


Antisemitismuskritische Sensibilität



Wie bereits dargestellt, gehen wir davon aus, dass ein Verschwörungsdenken für alle Jugendlichen attraktiv sein kann und es in einer kritischen Bildungsarbeit darum gehen muss, defizitäre Gruppenzuschreibungen zu vermeiden. Überdies sind unsere Erfahrungen aus den ersten Projektwochen zur dargestellten Kritik gegenläufig. Auch in einer dezidiert auf Antisemitismus ausgerichteten subjektorientierten Pädagogik ist es möglich, die Widerstände und spezifischen Dis­kri­mi­nie­rungserfahrungen von Jugendlichen zu erkennen, ernst zu nehmen und im Bildungskontext zu bearbeiten.

Wir möchten Widerstände in der Auseinandersetzung ferner dadurch abbauen, dass wir Antisemitismus nicht als eine identifizierende Kategorie thematisieren, sondern Jugendliche dabei begleiten, sich als Akteur*innen in einer von Antisemitismus durchzogenen Gesellschaft wahrzunehmen.

Ausblick
Judenfeindschaft ist in der jüngsten Vergangenheit aggressiver geworden. In der Politik und der Zivilgesellschaft reagiert man mit einer verstärkten Thematisierung des Antisemitismus. Dennoch ist das tatsächliche Wissen in der Gesellschaft über diese Ideologie gering und gerade Professionelle aus der Bildungsarbeit und der Jugendarbeit zeigen sich im Umgang mit judenfeindlichen Äußerungen und antisemitischer Diskriminierung häufig überfordert und unwissend. Insbesondere im digitalen Zeitalter ist die Vermittlung einer grundsätzlichen Medienkritikfähigkeit wichtiger denn je. Wir haben mit der Projektwoche ein Konzept entwickelt, das diese Entwicklungen berücksichtigt und sich in verschiedenen Umsetzungen bewährt hat. Nun geht es darum, das Projekt auf die Multi­pli­kator*innen-Ebene zu heben, damit die Projektarbeit in den Regelunterricht eingebettet werden kann. Um dieses Ziel zu erreichen, bieten wir im Schuljahr 2021/22 eine Weiterbildung für Lehrer*innen an. Ihnen wird Raum geboten, sich mit dem Konzept auseinanderzusetzen und sich die dazugehörigen Methoden anzueignen. Diejenigen, die tagtäglich mit den Jugendlichen im Kontakt stehen, müssen Sicherheit im Umgang mit Antisemitismus erlangen, da es ein Fehler ist, diesen lediglich auf außerschulische Träger zu externalisieren. Diesbezüglich konstatierten Samuel Salzborn und Alexandra Kurth:
„Antisemitismus in der Schule ist ein öffentliches Thema, dem sich manche schulischen Akteure entziehen möchten. Wenn man sich des Themas nur anlassbezogen und sporadisch, beispielsweise in einer Projekt­woche, annimmt, kann man Diskussionen über die Frage vermeiden, ob einzelne Kolleg(inn)en im eigenen Lehrkörper Antisemit(inn)en sind, ob es Schüler/innen gibt, bei denen Antisemitismus ein manifestes Problem darstellt, das nicht mehr pädagogisch gelöst werden kann, oder auch, ob Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien überhaupt den Ansprüchen genügen um mittel- und langfristig eine Minimierung von Antisemitismus herbeizuführen” (Kurth/Salzborn 2019: 3).

Weitere Informationen unter: www.wwa-spiegelbild.de

Literatur
Chernivsky, Marina (2020): Antisemitische Diskriminierung im Bildungswesen. In: Killguss, Hans-Peter/Meier, Marcus/Werner, Sebastian (Hg.): Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Grundlagen, Methoden & Übungen. Frankfurt/M., S. 298–320.

Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (2013): Widerspruchstoleranz. Ein Theorie-Praxis-Handbuch zu Antisemitismuskritik und Bildungsarbeit. Berlin.

Kurth, Alexandra/Salzborn, Samuel (2019): Antisemitismus in der Schule. Erkenntnisstand und Handlungsperspektiven. Wissenschaftliches Gutachten. Berlin/Giessen. Verfügbar unter: https://www.tu-berlin.de/fileadmin/i65/Dokumente/Antisemitismus-Schule.pdf.

Schwarz-Friesel, Monika (2018): Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses – Kurzfassung. Berlin. Verfügbar unter: https://www.linguistik.tu-berlin.de/fileadmin/fg72/Antisemitismus_2-0_kurz.pdf.

Wistrich, Robert (1991): Antisemitism: the longest hatred. New-York.

Zick, Andreas/Küpper, Beate/Berghan, Wilhelm (2019): Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19. Bonn.

Alle Internetquellen abgerufen am 01.03.2021.



Zitation:
Alting, Thure (2021). World wide antisemitism – Projektwoche gegen Antisemitismus im Internet, in: Journal für politische Bildung 2/2021, 72-75, DOI https://doi.org/10.46499/1670.1961.

Der Autor

Thure Alting arbeitet als Bildungsreferent für „Spiegelbild – Politische Bildung aus Wiesbaden“. Ferner ist er an der Hochschule RheinMain in der Lehre tätig. 

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