Von der Institutionenkunde zur „Sozialpädagogisierung“?

Ein erheblicher Teil der Ostdeutschen sei leider „dauerhaft für die Demokratie verloren“ und noch immer durch die DDR-Diktatur geprägt, so formulierte es jüngst der Ostbeauftragte der abgelösten Großen Koalition, Marco Wanderwitz. Blieb also bei der schnellen Übertragung demokratischer Strukturen in den Osten, für den vor allem westdeutsche Akteure zuständig waren, die Vermittlung demokratischer Werte auf der Strecke? Die Gründungsgeschichte der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung zeigt, dass man es sich mit solchen Zuschreibungen zu einfach macht.

Niemand im Westen war auf den Mauerfall vorbereitet. Als der Hessische Landtag am 13. Dezember 1989 eilig ein „Aktionsprogramm Hessen-Thüringen“ (vgl. Brandes/Eiler/Schiller 2009) aufsetzte, war dies zunächst ein Versuch, den Menschen in den benachbarten DDR-Bezirken eine Besserung der Lebensverhältnisse in Aussicht zu stellen, um sie von der Übersiedlung über die offene Grenze abzuhalten. Erst fünf Tage später trafen sich Vertreter der Bundesministerien und der Länder, um ihre Unterstützung der DDR geografisch zu koordinieren. Für Thüringen wurden vor allem Hessen, daneben Rheinland-Pfalz und Bayern zuständig. Ihren jeweiligen Landesregierungen folgten auch die Zentralen für politische Bildung. Man gehe „gut gerüstet ins Jahrzehnt der deutschen und europäischen Einigung“, so verkündete es Anfang Januar 1990 vollmundig der Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ), Werner Wolf (CDU). 

 „Trockene Schwämme“
In Wahrheit wusste niemand, welche Rolle die politische Bildung im Umbruchsprozess spielen sollte (vgl. zu den Quellen dieses Textes ausführlich Renner 2021). Anfang Januar 1990 hatte das Publikationsreferat der HLZ unter Leitung Klaus Böhmes (SPD) eine Bestellliste für Publikationen erarbeitet, die unter anderem an die Mitglieder des Hessischen Landtages für deren Thüringenreisen überstellt wurden. Durch die Verteilung der Listen kam es bald zu stellenweise 50 Bestellungen pro Tag aus Thüringen: Große Teile der Bevölkerung im Osten erblickten im bundesdeutschen System schnell die sicherste Alternative. Umgekehrt war die Verteilung von Schriften aus Sicht der HLZ die einfachste Möglichkeit, auf die „friedliche Revolution“ zu reagieren.

Der Referatsleiter für „Bildungswesen/Kultur“ und damit zuständig für Lehrkräftefortbildungen, Walter Giere, meinte im März 1990, die Thüringer Bevölkerung sauge alles aus dem Westen gleich einem „trockenen Schwamm“ auf. Sein Vorgesetzter Wolf betonte, in den DDR-Geisteswissenschaften herrsche „tabula rasa“. Eigentlich sprachen sie dabei nicht über die Ostdeutschen, sondern über die alltägliche Arbeit im westdeutschen Wiesbaden. In den ausgehenden 1980er Jahren hatte sich die staatlich-institutionalisierte politische…

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Der Autor

Christoph Renner, Doktorand an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Erstes Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien (Deutsch und Geschichte) mit einer Arbeit über die Gründungs- und Aufbauphase der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung. Seit November 2019 Arbeit am Promotionsprojekt „Sie waren nie ‚blind‘: Bundesbehörden und der Rechtsradikalismus 1968–1994“.

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