Vereine als Orte politischer Bildung

Vereine tragen auf der Grundlage ihrer Strukturprinzipien das Potenzial in sich, politische Bildung lebensweltlich zu vermitteln. Sie können Demokratie direkt umsetzen und sind damit Orte von non-formaler Bildung. Der Verein wird allerdings als Institution theoretisch vernachlässigt und nutzt empirisch zu wenig die eigenen Bildungspotenziale aus, zudem ist seine Wahrnehmung mit Vorurteilen verknüpft. Eine neue Sichtweise auf den Verein ist nötig.

Vielleicht wäre es einfacher, in diesem Artikel nicht von Vereinen zu sprechen. Vielleicht wird an dieser Stelle eher weitergelesen, wenn hier von Initiativen, Netzwerken oder Interessenvertretungen die Rede wäre. Das klingt irgendwie frischer und auch moderner. Vielleicht aber ist es auch denkbar, einen neuen Blick auf eine Organisationsform zu werfen, die mehr kann als „Vereinsmeierei“ und Abarbeitung von Tagesordnungspunkten. Denn der Verein hat Potenzial und Zukunft, wenn wir ihn als Ort politischer Bildung gestalten.

Der Schwerpunkt der folgenden Betrachtungen liegt dabei auf der Bildungsperspektive. Diese beruht auf einem kritischen Bildungsbegriff, wie er auf der Grundlage der Kritischen Theorie entwickelt und von Helmut Richter in die sozialpädagogische Diskussion eingebracht wurde (2019). Konkret geht es um die Bildung des demokratischen Subjektes, um die Frage, wie und wo wir Menschen zu Demokrat/-innen werden.

In dieser Perspektive ist demokratische Bildung dann immer auch politische Bildung und beides wird hier weitgehend synonym verwendet. Schließlich sei erwähnt, dass vor allem über die Rolle des Vereins für Bildungsprozesse im Kindes- und Jugendalter gesprochen wird, dass es theoretisch aber keine Begründung gibt, die gleichen Bildungspotenziale in dieser Institution nicht auch für Erwachsene zu sehen.

Der Verein als wichtige Institution für Kinder und Jugendliche
Der Verein ist neben der Familie und der Schule die Bildungsinstitution für Kinder und Jugendliche, die freiwillig von fast 50 % der Jugendlichen besucht wird. Die heutigen Kinder und Jugendlichen sind also weiterhin durchaus organisationsfreudig und einer Bindung über eine Mitgliedschaft gar nicht so abgeneigt, wie es ihnen viele Jahre lang unterstellt wurde. Dieser Organisationsgrad unter Jugendlichen ist seit der Weimarer Republik, in der Vereine einen großen Zulauf hatten und Erziehung sich zu einem öffentlichen Gut entwickelte, weitgehend stabil geblieben. 

Nach einer Erhebung von 1927 galten 40 % der Jugendlichen als organisiert (vgl. Mewes 1929: 156). Versucht man heute, die Mitgliedschaft Jugendlicher in Vereinen zu bestimmen, so ist es schwieriger, eindeutige Antworten zu finden. Die Shell-Studien weisen den Verein als Organisationsform neben z. B. Jugendorganisationen und Rettungsdiensten aus, ungeachtet dessen, dass auch diese Organisationen zumeist Vereine sind. Als Schwierigkeit kommt hinzu, dass nicht mehr nach Mitgliedschaft gefragt wird, sondern danach, wie und wo man gesellschaftlich aktiv ist. Beachtet man diese Einschränkungen und zählt die verschiedenen Orte der Aktivität zusammen, können wir aber davon ausgehen, dass fast die Hälfte der Jugendlichen in Vereinen organisiert sind (vgl. Schneekloth 2015: 196).

Vereinsprinzipien als Gelingensbedingungen von politischer Bildung
Für das Erfahren von politischer Bildung ist die reine Mitgliedschaft in einem beliebigen Verein natürlich nicht ausreichend. Die freiwillige, formale, nicht ausschließende Mitgliedschaft ist nur eins der Vereinsprinzipien, die Richter (2016; 2019) als die idealen Prinzipien eines Vereins bezeichnet. Danach müssen Bildungsinstitutionen der Lebenswelt folgende Grundvoraussetzung erfüllen, um deliberative Demokratie umzusetzen und damit Erfahrungsräume für Bildung zu eröffnen: freiwillige Mitgliedschaft, ehrenamtliche Selbstverwaltung, lokale Organisationsstruktur, die Herstellung von Öffentlichkeit, egalitäre Interaktionsformen und Mehrheitsentscheidungen.

Was ermöglichen diese Prinzipien? Die Freiwilligkeit garantiert die Teilnahme ohne Zwang: Die Mitgliedschaft kann jederzeit wieder beendet und die Institution verlassen werden, ohne formale Konsequenzen zu befürchten. Mit der Mitgliedschaft hingegen wird eine Bindung eingegangen, und Kinder und Jugendliche können auf die Gestaltung von Inhalten und Strukturen der Vereine Einfluss nehmen. Das Ehrenamt stärkt das Prinzip der Solidarität, da es nicht auf der Grundlage von Lohn oder administrativer Macht ausgeübt wird. Die lebensweltliche Orientierung wird durch das Prinzip der lokalen Begrenzung gesichert. Die Verankerung in der Kommune impliziert gleichzeitig eine Distanzierung von der den Vereinen vielfach vorgeworfenen „Vereinsmeierei“, d. h. einer gleichsam familiär-blutsgebundenen Selbstrekrutierung immer derselben Personen. Zu einer solchen Distanzierung gehört ebenso, dass sich Vereine insgesamt ihrer lokalen Verankerung in der Kommune bewusst sind und daher die dort ansässige Bevölkerung wegen ihrer Betroffenheit als Bezugsebene für ihre Aktivitäten und für die Mitgliedschaft anerkennen. Der Verein agiert demzufolge in der Öffentlichkeit und ist damit Teil der organisierten und nicht-vermachteten Öffentlichkeit der Kommune, die sich im Verein widerspiegelt (vgl. Riekmann 2011). 

Vereine sind damit ein Ort der politischen Bildung, in denen eine Vergesellschaftung der Individuen auf Basis von Interaktion stattfindet. Der Verein hat nicht wie die Schule die Aufgabe, auf die Erwerbsarbeit vorzubereiten, und steht damit nicht unter Qualifikationszwang. Er kann sein Potenzial in der Interaktion realisieren; damit wird „anders und anderes gelernt“ (Düx u. a. 2009: 262).


Fast 50 Prozent der Jugendlichen besuchen Vereine



Es geht bei Vereinen nicht um die Funktion einer „Schule der Demokratie“, d. h. es geht nicht um eine Vorbereitung auf etwas, was dann im „wirklichen Leben“ relevant wird, sondern um eine Umsetzung von Demokratie im Hier und Jetzt, legitimiert über den § 12 der UN-Kinderrechtskonvention, wonach bereits Kinder und Jugendliche das Recht haben, an allen Entscheidungen beteiligt zu werden, von denen sie im Alltag betroffen sind. Denn grundsätzlich wird Demokratie gelernt, indem man Demokratie im Alltag praktiziert. Man lernt durch Erfahrungen (vgl. Dewey 2000). Man erfährt, dass man Rechte hat, auf die man sich beziehen kann, man erlebt Gremien und Verfahren, die auch im Konfliktfall eine demokratische Aushandlung ermöglichen, und im Diskurs mit anderen Menschen, in denen nur das bessere Argument eine Rolle spielt (vgl. Richter u. a. 2016), fühlt man sich anerkannt und erlebt sich als gleichberechtigte/-r Gesprächs­partner/-in. Diese konkreten demokratiebildenden Erfahrungen kann unser politisches System Jugendlichen derzeit nur wenig bieten. Um demokratische Erfahrungen zu ermöglichen bedarf es aber Institutionen, in denen die Mitbestimmung in einem substantiellen Sinne definiert und strukturell durch Rechte, Gremien und Verfahren verankert ist. Welche Rolle spielt nun der Ort für eine so konturierte politische Bildung?

Die Lokalität als Grundprinzip einer fortschrittlichen Bildungsinstitution
Spätestens mit dem Siegeszug des Sozialraumbegriffes in der Bildungsarbeit ist deutlich geworden, dass diese konzeptionell nicht unabhängig davon gesehen werden kann, in welchem Raum sie stattfindet. Schwerpunkt der Diskussion ist dabei der theoretische Begriff der „Aneignung“ (Deinet/Reutlinger 2004). In den Blick geraten hierüber weniger geplante und formalisierte, als vielmehr non-formale und informelle Bildungsprozesse, die direkt von den Subjekten ausgehen. Es sind selbstbestimmte Auseinandersetzungen mit der Umwelt, inklusive einer Umgestaltung und Umdeutung von (öffentlichen) Räumen. Der von Kindern und Jugendlichen genutzte öffentliche Raum ist zunächst einmal lokal und begrenzt. Die lokale Ebene ist damit ein wesentlicher Teil ihrer Lebenswelt, sie wird als gestaltbar erlebt und bietet damit das Potenzial, sich als Teil der Gesellschaft zu erfahren.

Dieser selbstverständliche Bezug zur lokalen Kommune geht im Erwachsenenalter häufig verloren. Der Lebens-Ort als Ort der Gemeinschaft und Verständigung wird negiert oder sogar als irrelevant abgetan. Damit verlieren wir im Laufe des Aufwachsens unseren Ort politischer Bildung. Die Kommune wird dann nur noch als territorialer Raum verstanden, als konkreter Sozialraum, nicht jedoch als Gemeinschaft, die miteinander interagiert (vgl. Richter 2016: 48). Wie oben in den Vereinsprinzipien erläutert, ist der Verein die Institution, die die Verbindung von Raum und Identität wiederherstellen kann und in der eine Inklusion der repräsentierten Bevölkerung stattfindet. Die Vielfalt von Vereinen sichert dann die Diversität des öffentlichen Diskurses. Als öffentliche Orte sind Vereine damit Orte der Selbstvergewisserung und Bildung, durch die und mit denen Interessen und Bedürfnisse in die kommunale Öffentlichkeit vermittelt werden. Anliegen von Kindern und Jugendlichen werden so erst sicht- und wahrnehmbar.


Vereine sichern die Diversität des öffentlichen Diskurses



Die beschriebenen Potenziale des Vereins werden allerdings empirisch zu wenig genutzt. Forschungsergebnisse legen nahe, dass Vereine die gesellschaftliche Beteiligung ihrer Mitglieder/-innen nicht substantiell deliberativ so gestalten, dass die Kinder und Jugendlichen an allen Entscheidungen, von denen sie im Alltag betroffen sind, strukturell beteiligt werden, obwohl sie sich als Werkstätten der Demokratie verstehen (vgl. Riekmann 2011; Ahlrichs 2019).

Es gibt sogar Entwicklungen, die auf eine Entdemokratisierung der Vereine hindeuten: die sogenannte Familiarisierung und die Dienstleistungsorientierung/Verbetrieblichung. Vereine entwickeln sich entweder zu „Ersatz-Familien“ mit einer Tendenz zu einer homogenen Mitgliedschaft und zu Entscheidungsverfahren, die auf Verwandtschafts- oder Freundschaftsbeziehungen basieren; oder Vereine werden zum Betrieb, sie ersetzen das Ehrenamt durch bezahlte Arbeitskräfte, und die Mitglieder werden zu Kunden, die lediglich Angebote abfragen.

Es bedarf damit dringend einer Selbst-Bewusstwerdung und einer konsequenten Demokratisierung der Vereine, wenn sie demokratische Bildung vermitteln wollen. Die Zivilgesellschaft selbst, aber auch die Wissenschaft der politischen Bildung müssen diese Potenziale erkennen und sie nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen. 

Literatur
Ahlrichs, Rolf (2019): Demokratiebildung im Jugendverband: Grundlagen – empirische Befunde – Entwicklungsperspektiven. Weinheim u. a.

Deinet, Ulrich/Reutlinger, Christian (Hg.) (2004): „Aneignung“ als Bildungskonzept der Sozialpädagogik. Beiträge zur Pädagogik des Kindes- und Jugendalters in Zeiten entgrenzter Lernorte. Wiesbaden.

Dewey, John (2000) [1916]: Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Weinheim u. a.

Düx, Wiebken/Prein, Gerald/Sass, Erich/Tully, Claus J. (2009): Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement. Eine empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter. Wiesbaden.

Mewes, Bernhard (1929): Die erwerbstätige Jugend. Eine statistische Untersuchung. Berlin u. a.

Richter, Elisabeth/Richter, Helmut/Sturzenhecker, Benedikt/Lehmann, Teresa/Schwerthelm, Moritz (2016): „Bildung zur Demokratie – Operationalisierung des Demokratiebegriffs für pädagogische Institutionen“. In: Knauer, Raingard/Sturzenhecker, Benedikt (Hg.): Demokratische Partizipation von Kindern. Weinheim u. a., S. 106 – 129.

Richter, Helmut (2016): Pädagogik des Sozialen: Bildungsbündnis in Demokratiebildung. In: Widersprüche, Heft 142, S. 47 – 59.

Richter, Helmut (2019): Sozialpädagogik – Pädagogik des Sozialen. Grundlegungen, Institutionen und Perspektiven der Jugendbildung. Wiesbaden.

Riekmann, Wibke (2011): Demokratie und Verein: Potenziale demokratischer Bildung in der Jugendarbeit. Wiesbaden.

Schneekloth, Ulrich (2015): Jugend und Politik: Zwischen positivem Gesellschaftsbild und anhaltender Politikverdrossenheit. In: Albert, Mathias/Hurrelmann, Klaus/Quenzel, Gudrun (Hg.): Jugend 2015. 17. Shell-Jugendstudie. Frankfurt/M., S. 153-200.

Zitation:
Riekmann, Wibke (2020). Vereine als Orte politischer Bildung , in: Journal für politische Bildung 2/2020, 34-37.

Die Autorin

Wibke Riekmann, Dr. phil., ist Professorin für Theorie und Praxis in der Sozialpädagogik an der MSH Medical School Hamburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Jugendarbeit, demokratische und politische Bildung sowie Literalitätsforschung. 

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