Religionspädagogik im Gespräch mit politischer Bildung

Claudia Gärtner/Jan-Hendrik Herbst (Hg.): Kritisch-emanzipatorische Religionspädagogik. Diskurse zwischen Theologie, Pädagogik und Politischer Bildung. Wiesbaden (Springer VS) 2020, 649 S., 69,99 €



Der aus der interdisziplinären Tagung „Zurück in die Zukunft“ 2019 hervorgegangene und erweiterte Sammelband ermöglicht einen breiten Einblick in Auseinandersetzungen um eine kritisch-emanzipatorische Religionspädagogik, die im Diskurs zwischen Theologie, Pädagogik und Politischer Bildung verortet sind. Das in sechs Teile gegliederte, 649 Seiten umfassende Werk, beinhaltet Interviews mit Zeitzeug*innen, wissenschaftliche Texte und Responses ebenso wie Beiträge, in denen Praxisfelder vorgestellt werden. Der erste Teil widmet sich Diskursen rund um den problemorientierten Religionsunterricht, der zweite Teil beleuchtet den Emanzipationsbegriff aus unterschiedlichen Perspektiven. Im dritten und vierten Teil werden Entwicklungen in der Theologie und der Bildungstheorie diskutiert und im fünften Teil Praxisfelder reflektiert, bevor im sechsten Teil ein selbstkritischer Rückblick und weiterführender Ausblick folgt. Die interdisziplinäre Ausrichtung des Bandes verdeutlicht, dass die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen im Selbstverständnis der Religionspädagogik verankert ist, weswegen die Verschränkung mit der politischen Bildung naheliegend ist.

Dem Buch liegt ein Verständnis von religiöser Bildung zu Grunde, das als politisch charakterisiert wird bzw. das Politische als wesentliche Dimension religiöser Bildung betrachtet. Es ist daher auch für politische Bildungsprozesse sowie politikdidaktische Überlegungen interessant und kann hierfür weiterführende Akzente setzen. Bereits in den diskutierten Themen wie Rassismus, Klimawandel, Menschenrechte und globale Gerechtigkeit werden die vielfältigen Schnittstellen zwischen religiöser und politischer Bildung deutlich. In der Vision, politische Spielräume zu eröffnen, die der Versöhnung und Zukunftsgestaltung dienen, „kommen Kritik und Emanzipation in Politischer Bildung und Politischer Theologie überein“ (271). Die wechselseitige Auseinandersetzung der miteinander verwobenen und doch eigenständigen Didaktiken kann sowohl für die Religions- als auch die Politikdidaktik bereichernd sein.

Der gewählte Zugang, neben dem kritischen Blick der Gegenwart auf die Vergangenheit, den kritischen Blick aus der Vergangenheit auf die Gegenwart zu stärken, um von hier aus neue Perspektiven für die Gegenwart und die Zukunft entwickeln zu können, kann auch für die politische Bildung gewinnbringend sein. Der geschichtliche Rückblick verbunden mit systematisch-grundlagentheoretischen Reflexionen legt einen Fokus auf die Jahre um 1968 und bedenkt Fragen, die durch die Diskussion um den problemorientierten Religionsunterricht aufgeworfen wurden. Welcher Stellenwert Problemen von Schüler*innen und – die damit verbundene Frage – welche Rolle Traditionen im Rahmen von kritisch-emanzipatorischen Bildungsprozessen zukommt, können noch weiterführend erörtert werden. Fragen der „ungebührlichen Politisierung von Religionspädagogik bzw. Politikdidaktik“ (633) werden sowohl von der religiösen als auch der politischen Didaktik gestellt und bedürfen weiterer Überlegungen. Insbesondere der fünfte Teil nimmt konkrete politikdidaktische Perspektiven in den Blick, indem kirchlich-religiöse Praxisfelder im Horizont von Theorien kritischer Pädagogik erörtert werden (425). Bildungsorte wie Tage religiöser Orientierung, eine Ferienakademie, Sozialprojekte oder der Religionsunterricht werden bezogen auf die Frankfurter Erklärung und ihren Grundsätzen der Krisenorientierung, Kontroversität, Machtkritik, Reflexivität, Ermutigung und Veränderung diskutiert. Die Ausführungen können zu denken geben, wie an unterschiedlichen Lernorten politisch gelernt wird, worin sich religiöse und politische Bildung unterscheiden und welche Zusammenhänge sich zeigen. Der Fokus auf die Frankfurter Erklärung gibt den einzelnen Beiträgen eine gemeinsame Orientierung. Bezüge darüber hinaus und konkrete didaktische Präzisierungen sind bei den meisten Beiträgen noch ausständig und können im Dialog der Religionsdidaktik und der Politikdidaktik weiter entfaltet werden.

Die Bedeutung einer kritisch-emanzipatorischen Religionspädagogik verstärkt in den religionspädagogischen Diskurs einzubringen, ist ein hohes Verdienst des umfangreichen Buches. Die Auswahl der Themen und Autor*innen verdeutlicht, dass der Diskurs weder binnentheologisch noch ausschließlich wissenschaftlich geführt werden möchte. Vielmehr werden Perspektiven aus der Praxis und der Theorie miteinander verschränkt und das Gespräch zwischen Theologie, insbesondere der Religionspädagogik, und der politischen Bildung vertieft. Neben dem interdisziplinären auch den internationalen Zugang in die Auseinandersetzung um eine kritisch-emanzipatorische Bildung einzubeziehen, wäre ein weiterer lohnender Schritt.

Wie auch Claudia Gärtner und Jan-Hendrik Herbst in ihrem Rückblick feststellen (613), spiegeln sich in den einzelnen Artikeln unterschiedliche Ansätze und Entwürfe ohne einheitliches Begriffsverständnis. Der Sammelband ist somit kein theoretischer Gesamtentwurf kritisch-emanzipatorischer Religionspädagogik, sondern erörtert unterschiedliche Perspektiven und Ansätze, die es in Zukunft noch weiter miteinander zu diskutieren gilt, wobei die Begriffe „Kritik“ und „Emanzipation“ ein Problembewusstsein bewahren. Der Politik- sowie der Religionsdidaktik ist zu wünschen, dass sie die in dem inspirierenden Werk benannten Themen und Fragestellungen aufgreifen, sich weiter mit kritisch-emanzipatorischen Bildungsprozessen beschäftigen und den durch das Buch eröffneten Diskurs gemeinsam fortführen.


Zitation:
Stockinger, Helena (2021). Religionspädagogik im Gespräch mit politischer Bildung. Rezension zu: Claudia Gärtner/Jan-Hendrik Herbst (Hg.): Kritisch-emanzipatorische Religionspädagogik. Diskurse zwischen Theologie, Pädagogik und Politischer Bildung, in: Journal für politische Bildung 1/2021, 65-66, DOI https://doi.org/10.46499/1669.1813.

Die Autorin

Dr. Helena Stockinger ist Professorin für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts (Lehrstuhlvertretung), Ludwig-Maximilians-Universität München.

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