Promoting Europe: gemeinsam Räume für mehr Begegnung und politischen Austausch schaffen

Die Gesellschaft der Europäischen Akademien beobachtet seit einigen Jahren einen Rückgang der europapolitischen Bildungs­angebote für Erwachsene. Insbesondere berufstätige Erwachsene mittleren Alters, Menschen mit Migrationshintergrund oder sogenannte politikferne Erwachsene nehmen europapolitische Bildungsangebote anscheinend seltener wahr. Die Gründe und Ursachen für die Nicht-Teilnahme dieser Gruppen an politischer Bildung sind vielfältig (vgl. Bremer u. a. 2015; Göhring 2013). Das von der Gesellschaft der Europäischen Akademien durchgeführte Modellprojekt „Promoting Europe – Stärkung und Diversifizierung in der außerschulischen (europa-)politischen Erwachsenenbildung“ nimmt diese Entwicklung genauer in den Blick und erprobt neue Formate und Wege der Ansprache, um bislang kaum erreichte Erwachsene für die politische Bildung (wieder) zu gewinnen.

Den Ausgangspunkt des Projekts bildet der aktuelle Stand der (europa-)politischen Erwachsenenbildung innerhalb der Gesellschaft der Europäischen Akademien, der im Rahmen leitfadengestützter Interviews Ende 2019 und zu Beginn 2020 erhoben wurde. Die Mitgliedseinrichtungen des Verbands wurden zu ihrem Angebot politischer Erwachsenenbildung befragt, bislang im Verband nicht erreichte Erwachsenen-Zielgruppen identifiziert sowie Bedarfe der Einrichtungen in Bezug auf eine weitere Professionalisierung der politischen Erwachsenenbildung ermittelt. Die durchgeführte Analyse des Ist-Zustands zeigte, dass die Mitgliedseinrichtungen ähnliche Hinderungsgründe für eine Teilnahme bestimmter Erwachsenengruppen an ihren Bildungsangeboten annehmen, wie sie auch bereits in früheren Studien zum Thema genannt wurden (vgl. Bremer u. a. 2015: 107 f.; Becker 2011: 67 ff.). 

Hierzu zählen knappe Zeitressourcen berufstätiger Erwachsener; eine fehlende Verwertbarkeit politischer Bildung z. B. in beruflichen Kontexten oder hohe Teilnahmebeiträge. Zudem wurden sprachliche Zugangshürden im Fall von Migrant*innen genannt. In den Augen der politischen Bildner*innen spielen ferner mangelnde Erfahrungswerte mit politischen Themen und/oder Angeboten politischer Bildung eine Rolle. 

Auf Trägerseite erschweren aus Sicht der Einrichtungen vor allem strukturelle Rahmenbedingungen wie Förderrichtlinien, Weiterbildungsgesetze, knappe Personal- und Zeitressourcen, aber auch die teilweise fehlende Nähe der Einrichtungen zu verschiedenen sozialen Milieus, ihren Politikverständnissen und Bildungsbedarfen die adressat*innengerechte Bildungsarbeit für bestimmte Erwachsenen-Zielgruppen. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse wurden und werden im weiteren Projektverlauf Fachtage zu Themen wie Bildungsmarketing und Öffentlichkeitsarbeit, sprachsensible politische Bildung oder zeitgemäße Zielgruppenarbeit durchgeführt, die z. B. sozialräumliche Unterschiede bei der Konzeption, Sichtbarmachung und Durchführung von Bildungsangeboten für diverse Erwachsene berücksichtigen.

Gleichzeitig bietet das Projekt den Mitgliedseinrichtungen des Verbands Raum, um neu und anders zu denken, ihr gewohntes Terrain zu verlassen und somit neben etablierten auch zunächst unkonventionell anmutende Methoden und Formate der Erwachsenenbildung zu entwickeln. Entstanden sind innovative Konzepte wie die Politopian Club Night oder das European Performance Dinner, die sich zum einen stärker an den (antizipierten) (Lern-)Interessen, Lebensgewohnheiten und Alltagsstrukturen von Erwachsenen orientieren und zum anderen mögliche Hemmnisse sowie die der politischen Bildung noch immer inhärente Komm-Struktur durch eine aufsuchende „Wir kommen zu dir“-Haltung ersetzen. Die von den klassischen Settings der Erwachsenenbildung abweichende Atmosphäre der Formate ermöglicht den Teilnehmenden fernab von getakteten Programmabläufen einen zwanglosen und niedrigschwelligen Zugang zu einem Diskurs über politische Themen. Die Politopian Club Night präsentiert politische Bildung einer urbanen Zielgruppe im Late-Night-Format an bekannten, gut besuchten Orten wie Kneipen, Kulturzentren oder Theatern, während das European Performance Dinner sich an Menschen aus dem (häufig ländlichen) Sozialraum vieler Mitgliedseinrichtungen richtet, die mit Angeboten der politischen Bildung bislang kaum in Berührung gekommen sind und die Einrichtungen in ihrer Funktion als Bildungsstätte kaum oder gar nicht erleben.

Diese und weitere Formatideen sollen im Rahmen des Modellprojekts und unter Berücksichtigung der jeweils aktuellen Pandemiebedingungen mit den Mitgliedseinrichtungen erprobt und evaluiert werden. Als mit politischen Bildungsangeboten nur schwer zu erreichen gelten auch Menschen in ländlichen oder strukturschwachen Räumen. Sie leben häufig in Regionen mit einer schwachen (kulturellen und politischen) Infrastruktur, in denen das Angebot politischer Bildung gering, das zivilgesellschaftliche Engagement vor Ort aber häufig groß ist (vgl. Wenzel/Boeser-Schnebel 2019). Das Projekt zielt daher auf eine Stärkung politischer Bildungsarbeit durch eine engere Vernetzung politischer Bildner*innen mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, die eine politische Teilhabe von Menschen in ländlichen Regionen fördern möchten. 

Eine solche Vernetzungsinitiative wird im Projekt in der Modellregion Sachsen-Anhalt realisiert und soll auf andere Regionen – orientiert an den jeweiligen Gegebenheiten – übertragen werden. In Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt werden hierzu Aktive der Bildungslandschaft und der Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt angesprochen und zu den Herausforderungen und Potenzialen politischer Bildung im ländlichen Raum befragt. Im Rahmen von Fachveranstaltungen werden die von den Beteiligten benannten Themen und Bedarfe aufgegriffen, vertieft sowie der wechselseitige Austausch gefördert. Ziel ist der Aufbau eines Kompetenznetzwerks zum Austausch von Wissen und Know-how zur Bildung neuer Kooperationen und der Entwicklung gemeinsamer Bildungsangebote für den ländlichen Raum.

Literatur
Becker, Helle (2011): Praxisforschung nutzen, politische Bildung weiterentwickeln. Studie zur Gewinnung und Nutzbarmachung von empirischen Erkenntnissen für die politische Bildung in Deutschland. Essen/Berlin.

Bremer, Helmut/Kleemann-Göhring, Mark/Wagner, Farina (2015): Sozialraumorientierung und „Bildungsferne“. Aufsuchende Bildungsarbeit und -beratung in der Weiterbildung. In: Bernhard, Christian et al. (Hg.): Erwachsenenbildung und Raum. Bielefeld, S. 105–116.

Wenzel, Florian/Boeser-Schnebel, Christian (2019): Dorfgespräch. Ein Beitrag zur Demokratieentwicklung im ländlichen Raum. Arbeitshilfen für Selbsthilfe- und Bürgerinitiativen Nr. 53. Bonn.


Zitation:
Dickmeis, Eva & Draeseke, Thammo (2021). Promoting Europe: gemeinsam Räume für mehr Begegnung und politischen Austausch schaffen, in: Journal für politische Bildung 3/2021, 53-55.

Die Autor*innen

Eva Dickmeis, Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin, und Thammo Draeseke, Geschichts- und Politikwissenschaftler, koordinieren aktuell für die Gesellschaft der Europäischen Akademien e. V. das Projekt „Promoting Europe“.

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