Politisches einfach erklärt?

Für politische Bildungsprozesse stellen unter den Bedingungen einer beschleunigten Digitalisierung veränderte politische Kommunikationsprozesse und Informations- sowie Lerngewohnheiten eine Herausforderung dar. In diesem Zusammenhang besteht ein Konsens darüber, dass politikbezogene Medienkompetenz ein essenzieller Bestandteil politischer Bildung ist, und somit insbesondere die politische Urteils- und Handlungsfähigkeit gefördert werden müssen. Da sich Erklärvideos für Kinder und Jugendliche zu einem etablierten audio-visuellen Format zur Aneignung von politischen Sachverhalten entwickelt haben, stellt sich die Frage, wie diese in politikbezogenen Lernarrangements eingesetzt werden können, um medienkompetentes Handeln zu fördern.

Die Corona-Pandemie hat Schulen und die außerschulische Kinder- und Jugendbildung vor große Herausforderungen gestellt. Die Schließung von Schulen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit sowie der damit verbundene Wechsel vom Präsenz- zum Fernunterricht im Frühjahr 2020 kamen unerwartet. Denn trotz des Strategiepapiers „Bildung in der digitalen Welt“ der deutschen Kultusministerkonferenz (KMK) von 2016, des „Aktionsplans für digitale Bildung“ der Europäischen Kommission von 2018 oder der mit dem Schuljahr 2018/19 postulierten Digitaloffensive der österreichischen Regierung wurden digitale Mittel im Unterricht bis zur einsetzenden COVID-19-Krise nur marginal verwendet. Ein Jahr später fehlt es teilweise immer noch an konkreten pädagogischen Konzepten, und das audio- und videobasierte Lernen hat Defizite in der Ausstattung und der technischen Infrastruktur offengelegt.


Eine politikbezogene Medienkompetenz ist erforderlich



Zwar kann konstatiert werden, dass die digitale Entwicklung im Bildungswesen durch den Online-Unterricht einen Impuls bekommen hat, was beispielsweise an dem inzwischen überarbeiteten Aktionsplan der Europäischen Kommission für 2021–2027 abzulesen ist. Gleichzeitig warnen Bildungswissenschaftler wie Aladin El-Mafaalani vor zu viel Aktionismus: „Denn es ist überhaupt nicht trivial, digitale Medien einzusetzen, mit denen erstens die Kinder wirklich gut oder sogar noch besser lernen, die zweitens von den Lehrkräften akzeptiert, genutzt und gut eingebaut werden und die drittens den gesamten (regionalen) Kontext berücksichtigen, etwa die Internetversorgung vor Ort“ (Lasst die Lehrkräfte in Ruhe 2020: 31 f.).

Dementsprechend reicht es nicht aus, Bildungseinrichtungen mit guten Internetverbindungen und digitalen Endgeräten auszustatten. Vielmehr braucht es didaktische Konzepte, um (digitale) Medienkompetenz in fachspezifischen Kontexten wie der politischen Bildung und damit einen kritisch-reflektierten und verantwortungsbewussten Umgang mit Medien(-inhalten) gezielt zu fördern. In diesen Zusammenhang muss die folgende Auseinandersetzung mit den Einsatzmöglichkeiten von Erklärvideos in politikbezogenen Lernarrangements eingebettet werden.

Digitale Informationsgesellschaft und politikbezogene Medienkompetenz
Kinder und Jugendliche nutzen in ihrem Alltag ganz selbstverständlich digitale Geräte und Anwendungen und kommen dadurch mit gesellschaftspolitischen Sachverhalten in Berührung. Sie wachsen in einer Informationsgesellschaft auf, in der das Informationsangebot stetig vielfältiger und umfangreicher wird. Zudem haben Phänomene wie Fake News, Social Bots und durch Algorithmen hervorgerufene Filterblasen Auswirkungen auf die Ausgestaltung politischer Kommunikationsprozesse, sodass Benno Hafeneger von „epochalen Veränderungen der kommunikativ-politischen Kultur“ spricht (Hafeneger 2019: 138).

Da der Zugang zu Informationen für gesellschaftliche und politische Teilhabe essenziell ist, war Medienkompetenz schon immer ein zentraler Aspekt politischer Bildungsprozesse. Unter den Bedingungen einer beschleunigten Digitalisierung von Gesellschaft und Politik sind jedoch Fähigkeiten gefragt, die zur Orientierung in der Informationsfülle beitragen und die Selektion von relevanten und sachlichen Inhalten unterstützen. Medienkompetenz gilt in diesem Zusammenhang als Schlüsselqualifikation für die Teilhabe an der modernen (digitalen) Gesellschaft und damit für die politische Urteils- und Handlungsfähigkeit (vgl. Gapski/Oberle/Staufer 2017). Dazu gehört letzten Endes auch die „basale Bereitschaft und Kompetenz, etwas überprüfen zu wollen und zu können“ (ebd.: 153).

Erklärvideos im Kontext veränderter Informations- und Lerngewohnheiten
Die veränderten Rezeptions- und Produktionsbedingungen spiegeln sich in der seit einigen Jahren ungebrochenen Popularität von kostenlosen Videoportalen wider. Unbestritten ist in diesem Zusammenhang die Bedeutung der 2005 gegründeten Plattform YouTube als „Leitmedium und digitaler Kulturort“ von Kindern und Jugendlichen (Rat für Kulturelle Bildung 2019: 7). Diese Einschätzung geht nicht nur auf die Häufigkeit, sondern auch den Zweck der Nutzung zurück, für den nicht mehr allein Unterhaltungsaspekte entscheidend sind. Vielmehr gewinnt die lernbezogene Nutzung u. a. zu politischen Sachverhalten an Bedeutung, und das heißt, dass viele Kinder und Jugendliche Online-Videoportale regelmäßig und selbstverständlich vor allem in informellen und non-formalen Lernkontexten verwenden. Bestätigt wird dieses veränderte Informations- und Lernverhalten durch den von der deutschen Bundesregierung in Auftrag gegebenen 16. Kinder- und Jugendbericht, der sich schwerpunktmäßig mit der Förderung demokratischer Bildung befasst. Darin wird allgemein festgestellt, dass Kinder und Jugendliche politische Bildung in allen sozialen Räumen erleben, wobei Medien als digitalem Bildungsraum ein eigenes Kapitel gewidmet wird (vgl. BMFSFJ 2020).

Ein besonders attraktives Format, das Zugang zu politischen Themen bietet, stellen Erklärvideos dar. Diese sind aus medienpädagogischer Sicht von anderen filmischen Artefakten wie z. B. Video-Tutorials oder Lehrfilmen abzugrenzen und lassen sich als „eigenproduzierte Filme, in denen erläutert wird, wie man etwas macht oder wie etwas funktioniert bzw. in denen abstrakte Konzepte erklärt werden“, definieren (Wolf 2015: 123). Da in Erklärvideos komplexe, fachspezifische Inhalte oder Begriffe wie Parlamentarismus oder die Europawahl in kompakter, leichtverständlicher Form vermittelt werden, fühlen sich vor allem junge Nutzer*innen von dem audiovisuellen Lernformat angesprochen. Zu der breiten Akzeptanz der Videos trägt der orts- und zeitunabhängige Zugang wesentlich bei, der anders als der Fachunterricht eine individuelle und autonome Rezeption der Inhalte ermöglicht.

Entscheidenden Anteil an der Reichweite der audiovisuellen Formate haben darüber hinaus die Akteur*innen der Videoplattformen, die eine breite Zielgruppe ansprechen und Einfluss auf den Meinungsbildungsprozess nehmen (vgl. den Beitrag von Lutz Frühbrodt in diesem Journal). Sie generieren gerade beim jungen Publikum Aufmerksamkeit durch ihre Inszenierung und den an die Alltagskommunikation angelehnten Sprachgebrauch. Erklärvideos zu politischen Begriffen und Inhalten werden inzwischen aber auch zunehmend von Trägern politischer Bildungsarbeit wie der Bundeszentrale für politische Bildung (vgl. den Beitrag ABDELKRATIE – Politische Bildung auf YouTube in diesem Journal) oder der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung produziert und angeboten. Der Bandbreite an Anbietern entsprechend ist die Qualität und Tiefe der Erklärungen sehr vielfältig.


Kritische Analysefähigkeit



Vor diesem Hintergrund ist zu bedenken, dass die Rezeption von Erklärvideos in informellen Kontexten keine nachhaltigen Lernprozesse garantiert. Das Erklären als zentrale sprachliche Handlung ist der direkten Wissensvermittlung in formalen Bildungskontexten sehr ähnlich. Es findet weder ein Meinungsdiskurs statt noch bestehen Möglichkeiten zur Interaktion. Durch die Reduzierung komplexer Sachverhalte kommen differenzierte Begriffsdiskussionen genauso zu kurz wie problemorientierte Zugänge zu politischen Themen, was aber wesentliche Elemente politikbezogener Kompetenzen sind.

Einsatzmöglichkeiten in politikbezogenen Lernarrangements
Im 16. Kinder- und Jugendbericht wird die Herausforderung für die politische Bildung durch die digitale Mediengesellschaft als Dilemma beschrieben. Denn einerseits müssen Plattformen wie Facebook, YouTube und WhatsApp in politische Bildungsprozesse einbezogen werden, um deren jugendliche Nutzer*innen zu erreichen. Andererseits braucht es eine netzkritische Auseinandersetzung mit diesen webbasierten Formaten (vgl. BMFSFJ 2020: 57). Dementsprechend sind Erklärvideos in politischen Lern- und Bildungsprozessen so zu verwenden, dass eine selbstbestimmte und kritische Nutzung angeregt wird. Zu diesem Zweck muss die Reflexion der persönlichen Nutzungsgewohnheiten Ausgangspunkt der Beschäftigung mit den Videos sein. Auf der Ebene der Rezeption ist es dann essenziell, die kritische Analysefähigkeit zu stärken, indem der Informationsgehalt und die Vertrauens­würdigkeit der Aussagen differenziert bewertet werden. Werden darüber hinaus mehrere Erklärvideos zu demselben Thema miteinander verglichen und die Ergebnisse im Anschluss diskutiert, können verschiedene Perspektiven auf politische Themen und Prozesse transparent und erfahrbar gemacht werden. Alternativ besteht die Möglichkeit, dass Lernende im Sinne der Lebensweltorientierung zu einem selbstgewählten politischen Sachverhalt nach Erklärvideos recherchieren. Um zu einer kritisch-selbstbestimmten Medien­nutzung zu befähigen, darf im Rahmen der Recherche eine Auseinandersetzung mit Selektions- und Rankingkriterien von Suchmaschinen auf der Basis von Algorithmen nicht zu kurz kommen. Darüber hinaus ist es notwendig, kommerzielle Absichten in Verbindung mit Erklärvideos in den Blick zu rücken.

Die Ebene der Produktion bietet die Möglichkeit, gestalterisch aktiv zu werden. Die (angeleitete) Eigenproduktion von Erklärvideos zu politischen Sachverhalten folgt einem handlungsorientierten Zugang, indem eine selbstständige und intensive Auseinandersetzung mit den Fachinhalten ermöglicht wird. Für die sprachliche Handlung des Erklärens müssen zudem Annahmen zur Intention des Videos und zur Zielgruppe getroffen werden. Wissen wird auf dieser Grundlage selbst konstruiert und weitergegeben. Durch die Verknüpfung von Informationsgewinnung und -darstellung im Zuge des Produktionsprozesses wird neben der politischen Sachkompetenz die politische Methoden- und Medienkompetenz gefördert. Berührt werden je nach Bildungs- oder Lernarrangement außerdem die politische Urteils- und Handlungskompetenz, insofern eigene Urteile im Rahmen des Videos gefällt und formuliert bzw. dann auch geteilt werden.

Literatur
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hg.) (2020): 16. Kinder- und Jugendbericht, https://tinyurl.com/9c42ufrp.

Gapski, Harald/Oberle, Monika/Staufer, Walter (2017): Einleitung. In: Dies. (Hg.): Medienkompetenz. Herausforderung für Politik, politische Bildung und Medienbildung. Bonn, S. 17–30.

Hafeneger, Benno (2019): Fake News, Verschwörungstheorien und alternative Fakten. Phänomene, Medien und Akteure. In: Barsch, Sebastian/Lutter, Andreas/Meyer-Heidemann, Christian (Hg.): Fake und Filter. Historisches und politisches Lernen in Zeiten der Digitalität. Frankfurt/M., S. 137–154

„Lasst die Lehrkräfte in Ruhe, aber nicht die Schulen“. Ein Gespräch mit dem Erziehungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani über Bildung in Zeiten der Corona-Pandemie. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 35-37/2020, S. 29–32.

Rat für Kulturelle Bildung (2019): Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung. Horizont 2019, https://tinyurl.com/3b7vf38z.

Wolf, Karsten D. (2015): Video-Tutorials und Erklärvideos als Gegenstand, Methode und Ziel der Medien- und Filmbildung. In: Hartung, Anja/Ballhausen, Thomas/Trültzsch-Wijnen, Christine/Barberi, Alessandro/Kaiser-Müller, Katharina (Hg.): Filmbildung im Wandel. Wien, S. 121–131.

Alle Internetquellen abgerufen am 09.02.2021.


Zitation:
Krösche, Heike (2021). Politisches einfach erklärt? Medienkompetenz und der Einsatz von Erklärvideos in politischer Bildung, in: Journal für politische Bildung 2/2021, 48-50, DOI https://doi.org/10.46499/1670.1957.

Die Autorin

Dr. Heike Krösche ist Universitätsassistentin (Post-doc) für Geschichts- und Politikdidaktik am Institut für Fachdidaktik der Universität Innsbruck.

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