Politische Partizipation in den Augen von Jugendlichen aus Armutsverhältnissen

Unter Rückgriff auf Theorien Bourdieus werden die Orientierungen von Jugendlichen aus Armutsverhältnissen auf politische Partizipation rekonstruiert. Die Befragten beschreiben diese als Praxis, welche Fachwissen über und Beziehungen in etablierte politische Strukturen voraussetzt. Beides können die Jugendlichen eigenen Erzählungen nach nicht vorweisen. Diese Orientierungen entstehen auch, weil ihnen ihr Handeln in Freizeitstätten zwar als demokratische, nicht aber als politische Praxis widergespiegelt wird.

Seit einigen Jahren wird eine erhöhte politische Aktivität von Jugendlichen wahrgenommen, die jedoch weiterhin durch soziale Selektivität (vgl. Schneekloth/Albert 2019) geprägt ist. Dabei zeichnen viele Studien ein ähnliches Bild: Jugendliche aus Armutsverhältnissen – soweit sie wahlberechtigt sind – wählen seltener, sind seltener in politischen Organisationen aktiv und besuchen seltener Demonstrationen, wie sich jüngst auch bei Fridays for Future zeigte (vgl. Sommer u. a. 2019). Die genannten Studien orientieren sich indes überwiegend an etablierten politischen Partizipationsformen, indem sie Teilnahmeintensität sowie Interesse daran messen. Steht die Messung etablierter politischer Partizipationsformen im Vordergrund, gerät das eigene Verständnis der armutsbetroffenen Jugendlichen von politischer Partizipation jedoch in den Hintergrund. Sie können die eigenen Perspektiven auf politische Partizipation nicht formulieren, sondern müssen sich an bereits bestehenden Definitionen von politischer Partizipation messen lassen (vgl. Bremer/Kleemann-Göhring 2010).

Demgegenüber wurden in einer eigenen explorativen Studie die Orientierungen Jugendlicher aus Armutsverhältnissen in Hinblick auf politische Partizipation in qualitativen Interviews erhoben. Zentrale Ergebnisse der Studien werden in diesem Beitrag dargestellt. Mit dieser Studie war auch die Frage verbunden, welche Bedeutung die Jugendlichen außerschulischen Freizeitstätten als Orte der Demokratiebildung zuschreiben und welche Implikationen sich aus den Orientierungen für Demokratiebildung in den Freizeitstätten ableiten lassen. Um diesem offenen Forschungsanspruch gerecht zu werden, bedurfte es einer Definition von politischer Partizipation, die sich nicht an etablierten Formen orientiert. Daher wurde auf den Ansatz von Pierre Bourdieu zurückgegriffen, der Formen politischer Partizipation als wandelbar versteht und deren Legitimation in gesellschaftliche Machtkämpfe einbettete (vgl. Bourdieu 2013).

Politische Partizipation bei Pierre Bourdieu
Pierre Bourdieu bezeichnete etablierte Formen politischer Partizipation als Praxen des politischen Feldes. Das politische Feld meint einen Mikrokosmos mit eigenen feldspezifischen Regeln (vgl. Bourdieu 2013: 97 ff.). Die Grenzen des politischen Feldes trennen unpolitische Lai*innen, die den…

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Der Autor

Oscar Yendell, M. A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mannheim, Arbeitsgruppe für Unterrichts­qualität in heterogenen Kontexten.

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