Möglichst unaufgeregt

ufuq.de

Der Verein ufuq.de wurde 2007 gegründet und arbeitet bundesweit auf dem Gebiet der politischen Bildung und Prävention zu den Themen Islam, antimuslimischer Rassismus und Islamismus. An der Schnittstelle von pädagogischer Praxis, Wissenschaft und Politik entwickelt der Verein Ansätze zum pädagogischen Umgang mit gesellschaftlicher Diversität und zur Prävention von Polarisierungen in der Migrationsgesellschaft. Ein Schwerpunkt in der Arbeit mit Jugendlichen liegt dabei auf der Förderung von Kompetenzen im Umgang mit Fragen zu Religion, Identität und Zugehörigkeit und der Prävention von islamistischem Extremismus. Mit Beratungen und Fortbildungen wendet sich der Verein an Multiplikator*innen in Schule, Jugendarbeit und kommunalen Verwaltungen und entwickelt Lernmaterialien für Unterricht und Bildungsarbeit on- und offline.

Seit jeher verläuft der Diskurs um Islam und Muslim*innen in Deutschland in mal mehr, mal weniger aufgeregter Form: „Feindbild Islam“ war etwa das Schlagwort in den 1990er Jahren am Ende der Blockkonfrontation; nach den 9/11-Anschlägen von 2001 dominierte dann die tatsächliche und vermeintliche Verbindung von Islam, Islamismus und Terrorismus viele Debatten, was einige Jahre später auch in ausgeprägte Anstrengungen zur Etablierung einer staatlichen und zivilgesellschaftlichen Landschaft der Islamismusprävention mündete. Inzwischen (Stand Frühjahr 2021) ist die öffentliche Erregung um Terrorismus etwas in den Hintergrund getreten. Gleichzeitig haben sich spätestens mit den Fluchtbewegungen um 2016 migrationsfeindliche und rassistische Stimmungen verfestigt, was unter anderem dazu beitrug, dass sich auch die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus, insbesondere mit antimuslimischem Rassismus intensivierte.

In diesem Zeitraum haben sich weder „der Islam“ noch die Religiosität der in Deutschland lebenden „Muslim*innen“ wesentlich verändert. (In diesem Zusammenhang ist auch zu beachten, dass unter das pauschalisierende Etikett „muslimisch“ auch die große Gruppe derjenigen „Muslim*innen“ subsumiert wird, die wenig, gar nicht religiös oder sehr religionskritisch eingestellt sind.) Verändert haben sich jedoch die Formen, in denen über Islam und Muslim*innen gedacht, gesprochen und gestritten wird – und die Formen, in denen diese selbst über sich und die Gesellschaft sprechen. Einen möglichst „unaufgeregten“ Ton in diese Diskurse und Debatten zu bringen, war ein Anliegen von ufuq.de seit der Gründung des Vereins. Auf der einen Seite hieß das, bestehende Fragen und Konflikte nicht auszublenden, die sich zum Beispiel in der Schule, einem der Haupttätigkeitsfelder des Vereins, mit „muslimischen“ Schüler*innen stellen – etwa im Ramadan, bei Klassenfahrten oder zum Nahostkonflikt. Auf der anderen Seite stand im Mittelpunkt unserer Arbeit immer der Blick auf die tatsächlichen Lebenswelten von Jugendlichen, die oft mit Religion gar nichts zu tun haben (sondern oft eher von den sozialen Milieus geprägt sind, in denen sie leben). Außerdem richten und lenken wir den Blick auf die verbreiteten Vorstellungen, Bilder, Stereotypen und die rassistischen Sichtweisen der „nichtmuslimischen“ Mehrheit, die unserer Beobachtung nach in besonderer Weise zur Dynamik der genannten Konflikte beitragen und aus Fragen, die sich im heterogenen Klassenzimmer nun einmal stellen, Konflikte oft erst entstehen lassen.

Im Wissen, dass das Selbstverständnis, eine heterogene Migrationsgesellschaft zu sein, in Deutschland noch nicht allzu ausgeprägt ist, werben wir daher in unserer Arbeit mit pädagogischen Fachkräften und anderen Multiplikator*innen für die Einsicht, dass Fragen und Konflikte zu deren Werden schlicht dazugehören. Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie (nicht ob) dieser Prozess nachhaltig und inklusiv gestaltet werden kann, in der Schulklasse genauso wie in der Gesellschaft. So wird es sicher noch etwas dauern, bis auch Frauen mit Kopftuch überall Lehrer*innen sein können und zur Selbstverständlichkeit in Polizei und Behörden gehören. Umkehrbar ist dieser Prozess aber nicht. Im Zuge solcher Entwicklungen wird – gerade auch in Schule und Jugendarbeit – die Anzahl von Fragen und Konflikten möglicherweise noch zunehmen. Das kann durchaus positiv interpretiert werden, könnte es doch damit zu tun haben, dass die Jugendlichen der dritten oder vierten Generation sehr viel stärker als noch ihre Eltern und Großeltern dazugehören wollen. Diese Zugehörigkeit fordern sie ein, nicht selten mit Betonung auf biografische, kulturelle oder religiöse Besonderheiten, für die einige von ihnen auch zu streiten bereit sind. Weil das aber nicht immer in gleich verständlicher und mitunter in durchaus provokativer Weise geschieht, geraten sie damit derzeit noch allzu schnell unter Islamismusverdacht.

Eine Kurzformel, die seit jeher die Arbeit zur Islamismusprävention von ufuq.de begleitete, lautet dementsprechend: „Wer über Islamismus reden will, darf über Islamfeindlichkeit nicht schweigen“ (ufuq.de 2010). Zwar sprechen wir heute meist über antimuslimischen Rassismus, aber die bestehende Wechselwirkung zwischen Diskriminierungserfahrungen auf der einen sowie der Ideologie, den Motiven und der Attraktivität, die verschiedene Spielarten des Islamismus in Deutschland und Europa auf Jugendliche ausüben können, auf der anderen Seite sind inzwischen zum Allgemeingut der Theorie- und Praxisdiskurse im Themenfeld geworden.

Damit ist allerdings auch ein Spannungsfeld genannt, das uns in dieser gesamten Zeit und zuletzt zunehmend beschäftigt hat: Die nicht unerheblichen öffentlichen Mittel, die uns (und anderen Trägern) in den vergangenen zehn Jahren für unsere Arbeit zur Verfügung gestellt wurden (etwa im Programm „Demokratie leben!“ des BMFSFJ), dienten in erster Linie der Islamismusprävention und sollten anti-demokratischem und gewalttätigem Extremismus und Radikalisierungstendenzen vorbeugen, vor allem unter „muslimischen“ Jugendlichen. Das bringt die Gefahr ihrer Stigmatisierung mit sich. Denn wenn universelle Prävention sich an eine spezifische Zielgruppe richtet, stellt sie diese unweigerlich unter Generalverdacht. So lässt sich festhalten, dass die „Islamismusprävention“ in den vergangenen Jahren selbst zu einer Stimmung und zu Wahrnehmungen beigetragen hat, die immer dann besonders wirksam und sichtbar werden, wenn – wie zuletzt nach dem Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty – alle möglichen Fragen, Probleme und Konflikte in der Schule mit „muslimischen“/migrantischen Jugendlichen vor allem unter dem Blickwinkel von Islamismus diskutiert werden (und nicht etwa aus der Perspektive von Jugendlichen mit Diskriminierungserfahrungen). Auch wenn wir also in unserer pädagogischen Praxis bestehende Bilder und Ressentiments zu Islam und Muslim*innen reflektieren und ihnen aktiv begegnen, tragen wir im Rahmen von Islamismusprävention unweigerlich zu deren Verbreitung bei.

Tatsächlich bekamen (und bekommen) wir über die Jahre hinweg eine Vielzahl von Anfragen aus Schule und Jugendarbeit in der Sorge, es könnte sich bei der einen oder anderen Positionierung oder Verhaltensform von Jugendlichen womöglich um islamistische Ideologie oder um Jugendliche unter Einfluss islamistischer Akteure handeln. Fast immer haben wir festgestellt: Die an uns gestellten Fragen, die Probleme und Konflikte waren real, hatten aber mit Islamismus beinahe nie zu tun (sehr oft haben sie nicht einmal mit „Islam“ zu tun). Die hierin zum Ausdruck kommende pauschale Fokussierung der öffentlichen Erregung auf den Islamismus hat aber nicht nur zur Stigmatisierung junger Muslim*innen beigetragen, sie hat immer wieder auch dazu geführt, dass sich Pädagog*innen nicht mehr zuständig fühlen, wenn sie sich vor herausfordernde Situationen gestellt sehen. Im Zweifel wurde dann der Ruf nach einer vermeintlich notwendigen Islam- und Islamismusexpertise erhoben, statt sich auf die „ganz normalen“ pädagogischen Methoden und Haltungen zu besinnen, die zum alltäglichen fachlichen Repertoire in der Arbeit mit mitunter schwierigen und provokativ auftretenden, aber ebenso „ganz normalen“ Jugendlichen gehören.

So geht es bei Konflikten mit Jugendlichen oft darum, dass – etwa im Ramadan – einige andere abwerten, weil diese anders denken und handeln, als sie selbst es für richtig halten. Darüber lässt sich mit Jugendlichen sehr gut sprechen – und zwar ohne dass theologische Aspekte eine Rolle spielen müssen. Auch eine Folge kontrovers geführter Debatten ist, dass vielen Akteuren schon die Vorstellung fremd ist, dass Lehrerinnen mit Kopftuch gute und glaubwürdige Vertreterinnen von Grundrechten im Allgemeinen und der Religionsfreiheit im Besonderen sein könnten. Weitere Beispiele solcher Debatten ließen sich schnell auflisten. Sie zeigen vor allem, wie groß der Bedarf nach sachorientierter, abwägender und möglichst „unaufgeregter“ Auseinandersetzung ist.

Für Träger wie ufuq.de öffnete sich zuletzt ein naheliegender Weg aus dem „Präventionsdilemma“. Im Zuge der jüngeren gesellschaftlichen und politischen Diskurse über Rassismus, Diskriminierung und Diversität und im Wissen darum, welch große Rolle diese Diskurse für Radikalisierungsprozesse und deren Prävention spielen, können wir unsere Arbeit in Pädagogik und politischer Bildung zunehmend von der Engführung auf Islamismusprävention lösen und um die Arbeit zu Islam (in Schule und Migrationsgesellschaft), antimuslimischem Rassismus und phänomenübergreifende Formen von Antipluralismus erweitern. Letztere lesen wir – ebenso wie zunehmend polarisierte Debatten, Hate Speech oder Verschwörungsdenken – in erster Linie als Ausdruck für schwindende gesellschaftliche Bindungskräfte. Demgegenüber versuchen wir Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit bei Jugendlichen zu schaffen und Ambiguitätskompetenzen zu fördern, denn diese sind (nicht nur bei Jugendlichen) essentiell für eine Gesellschaft, in der Diversität gelingen soll.

 „Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“, schrieb Antonio Gramsci. Vielleicht sind es ja gerade die Jugendlichen, die hier einen Weg weisen: „Wie wollen wir leben?“ (in der Klasse, in der Schule, im Kiez oder der Gesellschaft) heißt bis heute der Titel unserer Workshoparbeit. Und es ist überraschend, beruhigend und manchmal sehr beglückend zu sehen, wie Jugendliche, versehen mit dem Vertrauen, dem Raum und der Zeit, die es braucht, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, zu Antworten kommen, die sich hinter Grundgesetz und Menschenrechtscharta nicht zu verstecken brauchen. 


Zitation:
Müller, Jochen (2021). Möglichst unaufgeregt. Pädagogische Arbeit und Islamismus­prävention von ufuq.de im Spiegel migrationsgesellschaftlicher Entwicklungen, in: Journal für politische Bildung, 48-50, DOI https://doi.org/10.46499/1671.2099.

Der Autor

Dr. Jochen Müller ist Islamwissenschaftler, Mitbegründer und Co-Geschäftsführer von ufuq.de. Er konzipiert Materialien und Fortbildungen im Themenfeld von Islam, antimuslimischem Rassismus und (universeller) Islamismusprävention.

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