Jederzeit und überall – der Podcast in der politischen Bildung

2020 war das Jahr des Podcasts. Mit dem Virologen Christian Drosten ist der Podcast als Format der Informations- und Wissensvermittlung aus seiner Nische herausgetreten – eng verbunden mit der Nutzung des Smartphones als Medium. Jederzeit und überall kann man Podcasts anhören, wobei es eine Dominanz des „Unterwegs-Hörens“ gibt. Podcasts werden auf dem Weg zur Arbeit oder beim Sport gehört. Man mag meinen, dass durch das „Zuhause-Bleiben“ in der Pandemie der Podcast eher weniger genutzt wird. Tatsächlich aber führt der zunehmende Wissens- und Unterhaltungsdurst dazu, dass das Angebot stark zunimmt.

Die Basis des Podcasts ist das Radio und in besonderer Weise das „Feature“, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde (vgl. Bunnenberg 2019). Das Feature ist ein weitgehend freies Format, von mehreren Minuten bis zu einer Stunde Dauer. Genauso ist es mit Podcasts, von denen viele allerdings im Segment bis 30 Minuten Dauer liegen.

Wo kommt die Bezeichnung Podcast eigentlich her? Das Kofferwort aus Broadcast und iPod wurde 2004 von dem britischen Journalisten Ben Hammerseley eingeführt und 2005 zum Wort des Jahres im New Oxford American Dictionary gekürt (vgl. ebd.). Podcasts lassen sich verhältnismäßig leicht produzieren und durch das Internet verbreiten. Die Produzenten sind unabhängig von Sende­anstalten des Rundfunks. Einerseits hängt damit der Siegeszug des Podcasts zusammen, andererseits lassen sich Podcasts gut als Zweitverwertungskanal monetarisieren. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an privat produzierten Podcasts (User Generated Content), die auf der Graswurzelidee beruhen. Podcasts übernehmen in diesem Fall die Funktionen, die durch Massenmedien nicht abgedeckt werden, z. B. vertiefendes (Fach)wissen anzubieten (vgl. Mocigemba 2007: 62).

Die Podcast-Landschaft im Allgemeinen
Der rasante Aufstieg des Podcasts im Jahr 2020 wird nicht nur positiv gesehen. Kenner*innen der Podcast-Szene monieren, dass es mittlerweile so viele Inhalte und Sendungen gibt, dass man schnell die Übersicht verliert. Das Nischendasein ist vorbei. Es ist zu vermuten, dass Ende 2021 klarer sein wird, welche Podcasts durchhalten. Viele Podcasts sind interessant, überleben aber nicht lange (vgl. Mocigemba 2007). Eine sehr gute Quelle, um sich allgemeiner zu informieren, bietet ein Abonnement des Podcasts „Über Podcast – Das Podcastmagazin“ von Deutschlandfunk Kultur. Er ist Ende 2019 ins Leben gerufen worden und rezensiert einzelne Podcasts; die meisten Folgen widmen sich einzelnen Themenschwerpunkten. Darüber hinaus liefert das Format viele Hintergrundinformationen über Macher*innen, Produzent*innen, aus der Szene und zu Trends (siehe Literaturverzeichnis). Eindrücklich werden nicht nur die Inhalte der Podcasts rezensiert, sondern auch reflektiert, von wem sie gemacht werden und zu welchem Zweck. Dies ist in Zeiten, in denen tatsächlich jede*r Produzent*in werden kann, und zugleich im Zeitalter der Fake News eine wirklich hervorzuhebende Leistung des Magazins.

Welche Kategorien von Podcasts gibt es?
Im Feld der Podcasts tummelt sich eine Vielzahl an professionellen wie semiprofessionellen Anbietern. Es gibt gängige Plattformen, die mit guten Podcasts versuchen, ihr Alleinstellungsmerkmal zu bewahren. Auch ist das Radio-to-go eine Form, die den Podcast-Markt einerseits bereichert, andererseits aber auch überschwemmt: Die Rundfunkanstalten produzieren eigene, manchmal themenbezogene und in sich abgeschlossene Podcasts ausgewählter Sendungen. Auf jeden Fall boomt der Unterhaltungspodcast. Das Top-5-Ranking der gängigen Plattformen wie Spotify, aber auch von Goldmedia vom Januar 2021, zeigt auf den vorderen Plätzen Unterhaltungspodcasts wie „Baywatch Berlin“, „Gemischtes Hack“, „Fest und Flauschig“ etc.

Die Übersicht 1 gibt einen knappen Überblick über die gängigen Formate. Diese treten in der Praxis üblicherweise nicht in Reinform auf, sondern werden vielfach kombiniert:

Podcasts werden auf zentralen Plattformen angeboten, über die man sie abonnieren oder einzelne Folgen hören kann, auf Websites von Institutionen oder auch in den Mediatheken von Rundfunk­anstalten.

Ein Manko für Podcasts der politischen Bildung ist zu diesem Zeitpunkt, dass viele leider nicht zentral vertrieben werden. Das schmälert ihre Sichtbarkeit. Es gibt jedoch eine zentrale Suchmaschine für die weite Welt der Podcasts: FYYD, über die man sich einen Überblick verschaffen kann. Die gängigen Plattformen sind Spotify, Deezer, SoundCloud, iTunes podcast, Audible, Google Podcast, YouTube und viele andere mehr.

Podcasts von Akteur*innen der politischen Bildung
Der Podcast ist in der politischen Bildung angekommen. Einige Landeszentralen und die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) haben das Format in ihre Bildungsarbeit aufgenommen. Aktuell sind im Kontext der Einschränkungen ihrer Arbeit im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie verschiedene Akteure der politischen Bildung dazu übergegangen, Podcasts zu Themen der politischen Bildung anzubieten, meist in Form von Vorträgen und Paneldebatten. Übergreifend kann man sagen, dass eine einzelne Frage oder ein Thema pro Folge im Blickpunkt steht und das Interview das gängige Format ist. Die Podcasts stellen nicht nur Themen der politischen Bildung vor, sondern zielen auch auf die spezielle Hörerschaft der jeweiligen Anbieter ab. Z. B. nimmt ein Podcast von Arbeit und Leben die Perspektive der Arbeitnehmer*innen auf oder Landeszentralen für politische Bildung achten darauf, regionale Bezüge herzustellen.

Wie der Überblick zeigt (vgl. Übersicht 2), sind die Macher*innen für explizite politische Bildungs-Podcasts derzeit vielfach die institutionalisierten Akteur*innen der politischen Bildung. Dies sicherlich auch, weil sie verlässlich kontinuierlich arbeiten und somit die regelmäßige Produktion eines Pod­casts gewährleisten können. Die Machart, das Format, aber auch die Macher*innen selbst sind sehr verschieden, weshalb es sich lohnt, sich die einzelnen Podcasts einmal anzuhören.

Jugendliche oder Erwachsene: Wer ist die Zielgruppe?
Ein wichtiger Faktor bei der Produktion von Podcasts ist die Frage, von wem dieses Medium wie genutzt wird. In der JIM-Studie 2020, in der Jugendliche im Alter zwischen 12 und 19 Jahren befragt wurden, wird von knapp einem Fünftel der Befragten angegeben, dass sie regelmäßig Podcasts nutzen (vgl. JIM-Studie, 13). Die Studie erwähnt Podcast-Hören zwar, aber das Hauptaugenmerk bei Jugendlichen richtet sich auf das Hören von Musik. Der Zugriff läuft über das Ranking der Plattformen Spotify, YouTube, oder direkt live bei Radiosendern. Wer also plant, einen Podcast speziell für Jugendliche zu machen, sollte bei Spotify auffindbar sein. Viele Studien zu Podcasts, die die Hörerschaft untersuchen, basieren derzeit weniger auf offiziellen Statistiken als auf Marketing-Analysen. Bei vorsichtiger Einschätzung zeigen sich folgende Tendenzen: E-Books, Audio­books und Podcasts werden meist parallel genutzt und verstärken sich gegenseitig. Bei der Mediennutzung nach Alter kann man festhalten, dass bei der Generation Z (16 – 24 Jahre) Podcasting am beliebtesten ist. Am wenigsten nutzen die Baby-Boomer (56 – 65 Jahre) den Podcast (vgl. Bookwire 2020).

Podcasts zu den Themen Rechtsextremismus, Antisemitismus, Rassismus
Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus sind zentrale Themen in der politischen Bildung. Gerade zu diesen Themenfeldern gibt es Podcasts, die einen Beitrag zur politischen Bildung leisten können. Im Folgenden ein paar Beispiele aus diesem Feld:

Sebastian Dörfler, Redakteur des Deutschlandfunk (DLF), rezensiert in der Ausgabe „Die besten Podcasts des Jahres 2020“ eine Reihe von Formaten, die auf das Thema Rechtsextremismus und Polizeigewalt reagiert haben und alle in sich abgeschlossene Features sind. Zwei sind vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk produziert, einer von der Süddeutschen Zeitung. Der Podcast „Das Leben danach“, produziert vom Mitteldeutschen Rundfunk (mdr), beschäftigt sich mit dem Attentat von Halle. Der Podcast ist mit neun Folgen à ca. 30 Minuten in sich abgeschlossen und spürt dem Attentat bis zum Urteil nach. Er ist als Reportage aufgemacht und diskutiert z. B. das Urteil sehr differenziert. Dörfler moniert, dass Hintergründe oder weiterführende Erklärungen dazu fehlen, warum Personen in rechte Szenen rutschen und wie man damit umgeht. Der Podcast benenne zwar das Problem rechtsextremistischen Terrors, höre aber da auf, wo politische Bildungsarbeit beginnt.

Ähnlich gelagert ist der Podcast „Deutsche Abgründe“ der Süddeutschen Zeitung zum NSU-Prozess. Auch in dieser Podcast-Erzählung ist laut Dörfler Kontextualisierung das Problem: So wird z. B. weder die Fassungslosigkeit in der Gesellschaft historisch kontextualisiert noch aufgezeigt, dass rechtsextremer Terror Teil der bundesrepublikanischen Geschichte ist. Deutlich wird aber, dass die Sprache über den NSU – z. B. der Begriff „Döner-Morde“ – oder die Nachfrage, ob und wie kriminell die Opfer angeblich waren, bereits das Problem selbst beschreiben.

Der dritte Podcast „Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau“ wurde vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) produziert und beschäftigt sich mit dem Asylbewerber Oury Jalloh, der 2005 in einer Gefängniszelle in Deutschland starb. Sein Tod ist bis heute nicht aufgeklärt. Die fünf Folgen à ca. 30 Minuten dokumentieren als Feature die Arbeit der Journalistin Margot Overath. Die Dokumentation nimmt u. a. die Frage auf, wieviel Rechts­extremismus es in unseren politischen Institutionen gibt. Der Fall selbst und die durch ihn ausgelösten Fragen sind hier sehr beeindruckend zusammengefasst. Diese drei Produktionen zeigen, wie Pod­casts sich einem zentralen Themenfeld der politischen Bildung widmen.


Bei der Generation Z ist Podcasting am beliebtesten



Darüber hinaus gibt es zu diesem Themenkomplex noch weitere interessante Podcasts, zum Beispiel die insgesamt dreizehnteilige Podcast-Reihe der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) unter dem Obertitel „Rechtsextreme Rückzugsräume“. Zu empfehlen ist darüber hinaus der Kulturpodcast „Kunst trifft digital“, in dem u. a. Sebastian Krumbiegel (Die Prinzen) ins Gespräch mit einer bunten Mischung diverser Gesprächspartner*innen geht. Besonders hinzuweisen ist auf Folge 12 in Staffel 2 mit dem Titel „Über den Rassismus in uns allen“. In dieser Folge ist Mo Asumang zu Gast und man erfährt viel über ihre besondere Art, sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus einzusetzen. (Mo Asumang hat u. a. das Buch „Mo und die Arier“ verfasst, für das sie sich direkt unter Nazis begeben hat.) Das Attraktive: Hier sitzen keine politischen Bildner*innen im Sinne des Expertenwissens am Mikrofon.

Wer sich einen Überblick darüber verschaffen möchte, wie unterschiedlich Podcasts sein können, dem sei empfohlen, in die beschriebenen sehr verschiedenen Podcasts zu diesem Themenfeld hineinzuhören. Über die Suche bei FYYD.de kann man eine Vielzahl weitere Podcasts zu den genannten Themen recherchieren. Zentral bleibt dabei, dass man sich überlegen muss, welches Format und welche Länge von Interesse ist. Will man sich inhaltlich weiterbilden oder Fragen der politischen Bildung im Allgemeinen verfolgen?

Zu guter Letzt steht für Multipli­kator*innen der politischen Bildung immer die Frage im Raum, ob man selbst podcasten will, um so einen größeren Adressat*innenkreis zu erreichen. Da crossmediale Verbreitung immer wichtiger wird, sollte man darüber nachdenken, ob es sich lohnt, in dieses Feld einzusteigen. Ressourcen bindet es allemal.

Literatur
Bookwire (Hg.) (2020): Listen & Read. The Battle for Attention. Eine Analyse zum Konsumverhalten von E-Book-, Audiobook- und Podcast-Nutzern. Frankfurt/M.

Bunnenberg, Christian (2019): Let’s talk about … History Podcasts. In: Public History Weekly, Heft 30, https://public-history-weekly.degruyter.com/7-2019-30/history-podcasts/

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hg.) (2020): JIM-Studie 2020. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland, https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2020/JIM-Studie-2020_Web_final.pdf

Mocigemba, Dennis (2007): Sechs Podcast-Sendetypen und ihre theoretische Verortung. In: Kimpeler, Simone/Mangold, Michael/Schweiger, Wolfgang (Hg.): Die digitale Herausforderung. Wiesbaden, S. 61–73.

Vassilian, Larissa (2019): Podcasting! Von erfahrenen Podcastern lernen. Bonn.

Alle Internetquellen abgerufen am 20.02.2021.


Zitation:
Debus, Tessa (2021). Jederzeit und überall – der Podcast in der politischen Bildung, in: Journal für politische Bildung 2/2021, 32-36, DOI https://doi.org/10.46499/1670.1954.

Die Autorin

Dr. Tessa Debus ist Politik­wissenschaftlerin und Verlegerin des Wochenschau Verlags. 

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