„Insgesamt betrachtet ist eine ­Revolution eine herrliche Sache!“

Zu einem Gespräch über die Geschichte einer Familie in der DDR, zur Zeit von Mauerfall und Friedlicher Revolution sowie im wiedervereinten Deutschland, trafen sich im Mai 2019 Sigrid und Aribert Rothe sowie – zu einem späteren Zeitpunkt – deren Tochter Astrid Rothe-Beinlich in Erfurt mit Jana Trumann von der JOURNAL-Redaktion. Nicht in einem Generationengespräch, sondern unabhängig voneinander sprachen die Familienmitglieder über die Gleichschaltung in der DDR, die aufkommende Opposition, die Rolle der Kirche, Friedliche Revolution und Nachwendezeit sowie die aktuelle Begehung des Jubiläums vor dem Hintergrund der Rolle politischer Bildung – damals im „einheitlichen sozia­listischen Bildungssystem“ und heute in der demokratisch-pluralistischen Gegenwart.


Journal: Es gibt dieses Jahr viele Veranstaltungen zu Friedlicher Revolution und Mauerfall. Was bedeutet Ihnen dieser 30. Jahrestag?

Sigrid Rothe: Der Jahrestag führt dazu, dass man sich wieder stärker erinnert. Wir waren kürzlich in Erfurt bei einer Veranstaltung, da saß Aribert mit einer anderen Frau, die auch bei der Besetzung der Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989 dabei gewesen ist, auf dem Podium. Das sind für uns ja wirkliche Erfahrungen, die ausgetauscht werden. Auf der anderen Seite stelle ich aber fest, dass bei solchen Veranstaltungen außer Studierenden, die vielleicht gerade ein Seminar zu dem Thema haben, größtenteils unsere eigene Altersgruppe erscheint. Das ist dann wie ein Klassentreffen. Zum großen Teil ist es eine Vergewisserung derjenigen, die dabei gewesen sind, und der Menschen vielleicht, die aus dem Westen hierhergekommen sind, die dann wissen wollen, wie es gewesen ist. Schöner wäre es, wenn es breiter kommuniziert und an die nächs­ten Generationen weitergegeben würde. Das gelingt dann eher über Schul- und Bildungsprojekte.

Aribert Rothe: Ich habe schon viele Studierende oder Schüler/-innen begleitet, die darüber Arbeiten schreiben.

Sigrid Rothe: Wie unsere Enkeltochter, die hat zum Beispiel eine Jahresarbeit über das Grüne Band geschrieben; diesen ehemaligen Kolonnenweg an der Grenze entlang, darüber, wie der sich inzwischen entwickelt hat. Das war sehr interessant.

Aribert Rothe: Unsere älteste Tochter Astrid organisiert jährlich eine Radtour entlang der ehemaligen Grenze. Ich war das letzte Mal dabei. Das sind aber eher einzelne Projekte, die nicht die Masse erreichen. Zu Gedenk- und Jahrestagen habe ich ein gutes Verhältnis. Erinnerung braucht Anlässe, damit das Wissen darum nicht verloren geht. Es ist auch schambehaftet. Die Mehrheitsbevölkerung hat damals begeistert mitgemacht, aber gewehrt hat sich nur eine Minderheit. Es gab natürlich verschiedene Nuancen der Anpassung. Wir wollten auch nicht ins Gefängnis und haben schon gewusst, was wir gerade noch sagen können. Solche Helden waren wir auch nicht. Es ist wichtig sich diese ganzen Nuancen wieder bewusst zu machen. Auch was den Wahlbetrug betrifft: Die meisten haben aus lauter Angst nur den Wahlzettel gefaltet und in die Urne geworfen – das war die verlangte Ja-Stimme.

Sigrid Rothe: Wenn wir jetzt z. B. erzählen, dass ich immer mit „Nein“ gestimmt habe und zuletzt dann nicht mehr gewählt, dann bin ich eine von zwei Prozent der Bevölkerung, wenn überhaupt. Und da ist es ganz klar, dass du keine riesige Resonanz im eigenen Umfeld hast.

Journal: Und das Gespräch wird dann eher abgeblockt?

Sigrid Rothe: Ich denke, für viele war das damals ein übertriebenes Verhalten von uns. Das Normale war eher, dass man sich angepasst verhalten hat. Inzwischen gibt es eine neue Tendenz. Nachdem bei den ersten Jahrestagen hauptsächlich die Erinnerungen von so genannten Bürgerrechtler/-innen im Mittelpunkt standen, wie die Stasi gestürmt wurde, wie die ersten Demos entstanden sind usw., wird neuerdings mehr Augenmerk z. B. auf Betriebsleiter/-innen von DDR-Betrieben gelegt. Wie haben die die Zeit erlebt und wie war das, als alles abgewickelt wurde? Man nimmt also Menschengruppen in den Fokus, die angepasster und stärker systemtragend waren. Das knüpft an das an, was Aribert über die Scham gesagt hatte. „Ja, ich bin Genossin gewesen und da bin ich jetzt lieber erst mal still“. Das verliert sich mit der Zeit und jetzt wird schon häufiger gesagt: „Naja, wir hatten ja auch unsere Berechtigung“.

Aribert Rothe: Über die Rebellen oder Oppositionellen, die sich ja fast ausschließlich im kirchlichen Raum artikuliert haben und auch aus dieser anderen Geisteshaltung inspiriert waren, darüber gibt es ganz viel. Von daher bin ich dankbar für Anlässe, denn diese geben die Möglichkeit, das zu thematisieren. Ich habe als Hochschulpfarrer erlebt, dass die Studierenden darüber eigentlich möglichst wenig wissen wollten. Das war ihnen unheimlich und zu nahe dran. Die waren alle schon ein, zwei Jahre nach der Wende geboren und die Eltern schwiegen eben auch. Die wussten nicht, in welche Unwägbarkeiten und Loyalitätskonflikte sie da hin­eingeraten. Fast die Hälfte der Menschen hier mussten sich ja eine völlig neu berufliche Existenz aufbauen. Wir nicht.

Sigrid Rothe: Wir haben uns auch eine neue Existenz aufgebaut, aber eine andere.

Aribert Rothe: Ja, aber es war schon anders. Sigrid hat die ganze institutionelle Erziehungs-, Paar- und Lebensberatung in Thüringen mit aufgebaut. Und ich die Erwachsenenbildung.

Sigrid Rothe: Ich hatte das Gefühl, endlich kann ich mal nicht nur etwas dagegen machen, sondern dafür. Das war für uns ja eine neue Erfahrung, auf einmal konntest du schöpferisch tätig sein.

Journal: Plötzlich lief die Energie also in eine ganz andere Richtung – spannend!

Aribert Rothe: Wir haben z. B. beide nach der Revolution die ersten zwei Jahre lang Ausbildungskurse für Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule gegeben. Wir haben Kommunikationskurse und so etwas gemacht, das kannten die meisten überhaupt nicht. Also einen Stuhlkreis, nicht bloß diese übliche Frontalunterrichtung, wie das eben in der DDR war. Und auf einmal sollte man sich auch Themen selber erarbeiten. Die Lehrer/-innen sollten auf einmal ihren Unterricht selbst gestalten. Die hatten ja vorher z. B. total perfekte Hefte, wo Frage und Antwort vorgedruckt waren.

Sigrid Rothe: Das war eine solche Gleichschaltung. Also als wir, du in Dresden und ich in Mühlhausen, in die Schule gegangen sind und uns danach erzählt haben, was wir in der dritten Klasse im Zeichenunterricht gemalt haben – genau das gleiche. Dieselben Lieder, Bilder und Bücher.

Aribert Rothe: Und das hat gerade die Lehrer/-innen nach der Wende verunsichert.

Journal: Es ist ja auch schwierig, wenn man sich in einer langjährigen Tätigkeit plötzlich vollständig umorientieren soll.

Sigrid Rothe: Das waren die auf jeden Fall gar nicht gewöhnt.

Journal: Das glaube ich. Aber woher kam denn Ihre Motivation für diese Angebote? War das Eigeninitiative oder wurden Sie gefragt?

Aribert Rothe: Wir wurden gefragt. Die Kirche war ein Ort der Humanwissenschaften, der Sozialwissenschaften, wo man etwas über Gruppendynamik, über Kommunikationstheorie gelernt hat. Im Rahmen der innerkirchlichen Fort- und Weiterbildung hatten wir auch Trainer/-innen aus der Schweiz oder aus Westdeutschland.

Ich habe z. B. vor der Wende über viele Jahre eine Fortbildung im Bereich Erwachsenenbildung gemacht. Sie hieß aber „Gruppenorientierte Gemeindearbeit“. Die Kirche hat den Begriff „Bildung“ vollkommen weggelassen, weil gemäß Staatsideologie das Bildungsmonopol beim Staat bzw. der Partei lag. Damit will ich sagen, dass das Knowhow in diesen Bereichen ziemlich hoch war. Und deswegen wurden dann die Expert/-innen entweder aus Rheinland-Pfalz oder aber aus der Kirche geholt.

Sigrid Rothe: Es hieß ja auch das „einheitliche sozialistische Bildungssystem“. Das war alles gleichgeschaltet und gruppenbezogenes Arbeiten gab es nicht. Gerade im Bereich Soziale Arbeit gab es sehr viel Umschulungsbedarf, und da haben wir mitgewirkt.

Journal: Wie ist Ihnen der Zugang zu den Teilnehmenden gelungen?

Aribert Rothe: Mit einer akzeptierenden, empathischen Art und Weise. Die Menschen haben auf einmal gemerkt, dass sie ernst genommen werden, weinen können oder sagen, was sie früher nie sagen konnten.

Sigrid Rothe: Wenn man in pädagogischen Arbeitsfeldern gezwungen ist zusammenzuarbeiten, z. B. in einer Fallbesprechung, dann ist es wichtig ins Gespräch zu kommen und sich trotz der unterschiedlichen Sichtweisen irgendwann zusammenzuraufen. Das hat zum Teil Jahre und Jahrzehnte gedauert. Manche wollten gar nicht und andere waren über alternative Perspektiven froh.

Aribert Rothe: 56 Jahre diktaturstaatlicher Schädigung lassen sich nicht so schnell überwinden. Das muss man einfach sagen.

Sigrid Rothe: Gerade Menschen, die daran gewöhnt waren sich anzupassen und die in der DDR unauffällig und linientreu gewesen sind, die haben nach der Friedlichen Revolution zum Teil wieder so eine scheinbare Anpassung vollzogen. Man hat dann gemerkt, dass ihnen manches überhaupt nicht gepasst hat. Sie haben sich aber nicht getraut, ihre tatsächliche Meinung zu sagen.

Aribert Rothe: Insgesamt betrachtet ist eine Revolution eine herrliche Sache! Das macht richtig Spaß.

Sigrid Rothe: Die vielen Möglichkeiten waren toll.

Aribert Rothe: Damals konnten wir ja vieles selber neu entwickeln. Aber man muss auch sagen, dass die ganzen Überlegungen, die hier in den oppositionellen Kreisen und Runden Tischen diskutiert wurden – Sigrid war zum Beispiel am „Runden Tisch Bildung“ –, dann zum Austragungsort der westdeutschen Konzepte wurden. Und da waren viele der alten Kämpfer/-innen sauer. Aber im Prinzip war das klasse, weil unsere Ideen und unser mangelndes Knowhow dadurch strukturiert wurden. Es war nur manchmal schmerzhaft.

Journal: Wo hat dieses politische Handeln, dieses Aufbegehren in Ihrem Leben denn angefangen?

Aribert Rothe: Ich denke, eine wesentliche Wurzel ist bei mir die Kirchlichkeit, in der Barmherzigkeit und viele andere Essentials einen totalen Gegenentwurf zur Staatsdoktrin boten. Ich habe schon in der dritten Klasse einen Club für politische Witze gegründet. Drei Leute waren wir da, glaube ich. Ich habe mich immer „dagegen“ gefühlt. Dann gab es den Opa in Lübeck, der spielte auch eine große Rolle. Und dann hat uns die 68er-Bewegung erwischt, natürlich nur in der Enklave der evangelischen Studentengemeinden. Hier fand man eine neue Reflexionsebene, wo moderne Philosophie, moderne Theologie, Soziologie und all diese verbotenen Sachen greifbar wurden.

Journal: Haben Sie sich auch dort kennengelernt?

Aribert Rothe: Ja. Aber bei dir, Sigrid, ist der Zugang noch ein bisschen anders.

Sigrid Rothe: Schon vor der Schulzeit, als ich angefangen habe zu buchstabieren. 1956, da habe ich noch Transparente gelesen: „Her mit der Wiedervereinigung Deutschlands“. Und in meiner Familie war die Ost-West-Grenze immer ein Thema. Meine Oma kommt aus Schlesien und die Schwester meines Vaters hat im Krieg als Krankenschwester gearbeitet, einen englischen Offizier kennengelernt und einen „Feind“ geheiratet. Sie sind dann nach Australien ausgewandert. Meine Oma hatte auch noch einen Bruder im Westen, und da gab es immerzu Briefe und Päckchen hin und her und man hat sich damit beschäftigt, was hinter dem Eisernen Vorhang ist.

Auf der anderen Seite ist mein Vater in die Partei eingetreten, worüber es viele Auseinandersetzungen in der Familie gab. Ich habe als Kind schon gemerkt, dass hier irgendetwas verlogen ist. Aber die eigentliche Politisierung, das war für mich dann schon 1968, als ich das erste Mal bei dem Volksentscheid über die sozialistische Verfassung mit „Nein“ gestimmt habe. Dem ist schon vorausgegangen, dass ich mich in der Oberschulzeit mit dem Potsdamer Abkommen beschäftigt habe, dass mir die SPD sehr gut gefallen hat. Ich hatte versucht, das Godesberger Programm von einer Brieffreundin im Westen zu bekommen, es ist jedoch abgefangen worden.

Journal: Welche Rolle spielt in Ihren Augen heute politische Bildung?

Aribert Rothe: Politische Bildung ist überhaupt nicht zu überschätzen angesichts des Wahlverhaltens und der diffusen Informationssituation, von Fake News und so weiter, dieser Aufsplitterung in deine Wahrheit und meine Wahrheit. Auch die Unsicherheit für Kinder und Jugendliche, nicht zu wissen, was jetzt Quatsch ist und was seriös, wenn sie sich im Internet informieren wollen. Ich denke, dass Orientierungswissen heute wichtig ist.

Sigrid Rothe: Für mich war immer Wahrhaftigkeit ein Schlüsselwort, nicht das richtige Leben im Falschen leben können. Ich war immer auf der Suche nach Menschen, mit denen ich unverstellt kommunizieren konnte. Wo nicht Heuchelei oder sich-Verbiegen aus ideologischen Gründen im Vordergrund steht. Dass man Dinge tut, die man eigentlich verachtet oder die man gar nicht möchte. Also in der Wahrheit leben, frei und solidarisch leben – die ganz klassischen Begriffe. Die waren für mich persönliche Lebensmaximen, die mir immer wichtig waren und an denen ich auch vieles messe.

Journal: Es wäre sehr wünschenswert, dass politische Bildung ein freies, aufrichtiges und solidarisches Leben für uns alle ermöglicht. Herzlichen Dank für die spannenden Einblicke in Ihr Leben und politisches Handeln.


Einen Tag später fand das Gespräch mit Astrid Rothe-Beinlich statt, der ältesten Tochter von Sigrid und Aribert Rothe.


Journal: Ich habe gestern mit Ihren Eltern gesprochen und sie u. a. gefragt, was dieser 30. Jahrestag für sie bedeutet. Für sie ist es ein Tag der Erinnerung, an dem die Ereignisse mit damaligen Mitstreiter/-innen diskutiert werden. Jüngere Menschen sind dabei weniger vertreten, was so nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre.

Astrid Rothe-Beinlich: Ich habe ja selbst als 16-Jährige zu denen gehört, die in der besetzten Stasi-Zentrale in Erfurt die Bürger/-innenwache mitgemacht haben. Und das ist schon etwas, wo z. B. heute die Grüne Jugend sagt, da laden wir die Astrid ein, die war damals in unserem Alter. Es gab da einen Hungerstreik, um die Vernichtung der Akten zu verhindern. Ich durfte nicht mitmachen, weil ich noch nicht 18 war. Das ist eine prägende Erfahrung.

Wenn wir jetzt öffentlich davon erzählen, dann kommen schon einige Interessierte. Aber es ist ein sehr überschaubares Publikum und viele fragen, was sie denn heute noch damit zu tun haben. Wir kennen eher das Gefühl der Benachteiligung der Eltern, die sagen, dass sie damals mit ihrer Meinung ein Stück weit zu kurz gekommen sind. Wir erleben nach wie vor eine große Reserviertheit gegenüber Westdeutschen, die sich im Osten auch noch 30 Jahre später erklären müssen, wo sie eigentlich herkommen. Man muss nicht nur konstatieren, dass wir hier relativ viel latenten (Alltags-)Rassismus erleben, sondern auch eine – sicher erfahrungsgeprägte – teilweise feindliche Haltung gegenüber Menschen, die, verkürzt gesagt, hierher kommen und uns erklären wollen, „wie es läuft“.

Dieses Benachteiligungsgefühl vieler meiner ostdeutschen Mitmenschen hat natürlich Ursachen – wenn man an Generationen denkt, die plötzlich von Arbeitslosigkeit betroffen waren, vor allem Frauen, die immer in Vollzeit erwerbstätig waren und nie danach gefragt wurden, wie eigentlich ihre Kinder betreut werden. Plötzlich wurden die nach der Wende darauf reduziert, Mutter zu sein. In der DDR sind die Kinder selbstverständlich mit ein oder anderthalb Jahren in den Kindergarten gegangen.

Man muss die Lebensrealität dieser Menschen anerkennen und sich damit auseinandersetzen, warum sie heute so reagieren. Das ist auch unsere Aufgabe. Viele haben eine oder mehrere Benachteiligungserfahrungen gemacht. Ein Beispiel dafür ist der große Unterschied zwischen den Ost- und Westlöhnen. Wenn wir uns nur mit Gleichgesinnten und Gleichaltrigen treffen und erzählen, wie toll das war, als wir vor 30 Jahren singend mit der Kerze in der Hand vor die Stasi-Zentralen gezogen sind, dann bestätigen wir uns mitunter nur selber und da müssen wir aufpassen.

Journal: Wo sehen Sie denn hier Ansatzpunkte?

Astrid-Rothe Beinlich: Man kann unheimlich gut mit Schulklassen arbeiten. Als Landtagsabgeordnete habe ich natürlich den Vorteil, dass viele Schulklassen in den Landtag kommen und ich auch aus meiner Geschichte erzählen kann. Es ist aber genauso wichtig, diejenigen zu befragen, die in der DDR gelebt haben und nicht nur die „Opfer“ oder die „Revolutionär/-innen“ waren, sondern die sich ganz normal in gewisser Weise mit dem Staat arrangiert haben. Die individuellen Biographien der Ostdeutschen werden gefühlt zu wenig gewürdigt.

Ich veranstalte als Abgeordnete gemeinsam mit DAKT – Die Andere Kommunalpolitik Thüringen e. V. dieses Jahr zum zehnten Mal eine Radtour. Wir nennen das „Grenzerfahrung“. Wir fah­ren jeweils drei Tage mit den Fahrrädern entlang des ehemaligen Todesstreifens, jetzt das Grüne Band. Dort haben wir uns mit ehemaligen Flüchtlingen und Zwangsenteigneten, genauso aber auch mit ehemaligen Grenzoffizieren getroffen, die aus ihrer Sicht geschildert haben, wie sie es erlebt haben, dort im Sperrgebiet zu stehen oder zu leben. Man muss es natürlich gemeinsam einordnen.

Journal: Eine ernsthafte Verständigung darüber, wie diese gravierenden gesellschaftlichen Umbrüche individuell wahrgenommen wurden und wie sie die jeweiligen biographischen Hintergründe berühren, hat also in Ostdeutschland und in Westdeutschland sowie miteinander eigentlich nicht stattgefunden?

Astrid Rothe-Beinlich: Ja, genau. Blickt man zum Beispiel zurück auf die Phase des Anschlusses der DDR an den Westen und die Verhandlungen dazu, dann war für mich damals nicht klar, was ich überhaupt mit dem Westen zu tun hatte. Ich konnte das überhaupt nicht verstehen. Ich hatte nicht die Erfahrung eines gemeinsamen Deutschlands, meine Eltern gehören schon der Nachkriegsgeneration an. Warum sollte ich mich mit einem Land vereinigen, von dem ich überhaupt nichts wusste?

Ich war keine, die den Anschluss an den Westen wollte. Hätte nicht auf die Revolution im Osten auch eine Bewegung im Westen folgen müssen, statt dieser Angleichung? Ich habe damals mit dafür gekämpft, eine eigene Verfassung auf den Weg zu bringen. Ich hätte es auch wichtig gefunden, eine neue Verfassung gemeinsam zu schreiben und sich nicht einfach nur anzupassen. So hätten sich auch die Menschen im Westen stärker mit den Umbrüchen auseinandersetzen müssen.

Journal: Das gemeinsame Gespräch, das Miteinander-Reden ist also ein wichtiger Aspekt politischer Bildungsarbeit, um zu gegenseitiger Verständigung zu gelangen?

Astrid Rothe-Beinlich: Ja klar, weil man sich tatsächlich oft nicht versteht. Das habe ich in meiner politischen Arbeit auch oftmals gemerkt. Z. B. gibt es von Ost- und West-Politiker/-innen, wenn man die frauenpolitische Perspektive von zuvor aufgreift, durchaus unterschiedliche Perspektiven auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ich will natürlich Kinder nicht nur den Verwertungsinteressen oder dem Arbeitsleben unterwerfen, aber darum geht es nicht. Es geht ja darum, das Gefühl, das Selbstverständnis zu haben, sich frei entscheiden zu können, ob und wie man mit Kindern leben und arbeiten möchte. Dieses Gefühl hatte ich mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit aus der DDR kommend, als das Frauen aus dem Westen hatten, weil die eben ganz lange ein anderes Rollenbild vorgelebt bekommen haben.

Journal: Wie haben Ihre Eltern Ihr politisches Interesse und Ihr Unrechtsbewusstsein geweckt? Haben sie das unterstützt?

Astrid Rothe-Beinlich: Das belegt vielleicht eine Szene sehr gut: Ich wollte immer Lesen lernen und habe mit sechs auch schon sehr gut lesen können. Ich werde nie vergessen, wie mein Vater zu mir gesagt hat, „Astrid, das ist schön, dass du jetzt lesen kannst, aber das hilft dir gar nichts, du musst lernen zwischen den Zeilen zu lesen“. Und dann gab es für mich gefühlt einen riesigen Streit zwischen meinen Eltern, weil meine Mutter der Meinung war, dass man das einem sechsjährigen Kind nicht sagen kann. So bin ich halt groß geworden, dass unsere Eltern ganz viel ausdiskutiert haben.

Mit sieben Jahren habe ich gemeinsam mit meinem Vater Wandzeitungen gestaltet, die ich nie aufhängen durfte, und damit musste ich mich auseinandersetzen. Mich hat das total angetrieben und ich fand es immer toll, anders zu sein als die anderen. Für mich waren meine Eltern immer ein Stück weit meine Held/-innen. Ich habe mich zwar auch wahnsinnig mit den beiden gestritten, aber wir haben immer alles gemeinsam diskutiert.

Journal: Spannend, Ihre Eltern haben ähnliche Impulse für ihr politisches Engagement beschrieben. Ganz herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben. 


Zitation:
Trumann, Jana (2019).  „Insgesamt betrachtet ist eine ­Revolution eine herrliche Sache!“ Zwei Generationen einer Familie schauen auf 30 Jahre Friedliche Revolution und Mauerfall, in: Journal für politische Bildung 4/2019, 24-31.

Im Interview

Sigrid Rothe ist 1950 in Mühlhausen geboren. Nach Abitur und Berufsabschluss als Industrienäherin hat sie ein Studium der Ergonomie und Arbeitsgestaltung an der TH Karl-Marx-Stadt und eine Ausbildung zur Ehe- und Lebensberaterin absolviert. Von 1972 bis 1974 war sie Abteilungsleiterin für Wissenschaftliche Arbeitsorganisation im VEB Textilwerk Burgstädt, 1979-1991 Referentin für Eltern- und Familienarbeit des Ev.-Luth. Landeskirchenamtes in Sachsen, anschließend bei der Evangelischen Frauen- und Familienarbeit der Ev. Kirchenprovinz Sachsen; 1991-2010 war sie Mitarbeiterin und Leiterin der von ihr mitbegründeten Psychologischen Beratungsstelle für Erziehung-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung Erfurt und ab 1996 bis 2005 Vorsitzende der LAG Erziehungs-, Ehe- und Familienberatung in Thüringen; seit 2010 ist sie freiberuflich als Referentin und psychologische Beraterin tätig. Seit 1968 engagierte sie sich in der Evangelischen Studentengemeinde und der kirchlichen Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung; 1982-1991 Mitglied im Kuratorium der Ev. Akademie Meißen; 1989 Mitbegründerin der Bürgerbewegung „Demokratischer Aufbruch“, Mitarbeit im Erfurter Bürgerkomitee und am Runden Tisch Bildung des Bezirkes Erfurt.

Dr. Aribert Rothe ist 1952 in Dresden geboren. Nach Abitur und Ausbildung zum Maschinenbauer begann er 1970 das Studium der Technologie in Karl-Marx-Stadt und studierte von 1971 bis 1976 Theologie an der Universität Leipzig. Dort war er von 1978 bis 1984 Gemeindepfarrer mit dem Schwerpunkt offene Jugend- und Bildungsarbeit. 1984-1992 war er Stadtjugendpfarrer in Erfurt und engagiert in Basisgruppen der Friedens- und Umweltarbeit. Er war Gründer des Jugendzentrums OASE und seiner UMWELTGRUPPE und 1988 Thüringer Regionalsprecher des Grün-Ökologischen Netzwerks ARCHE. 1989 gehörte er dem Leitungskreis der Bürgerbewegung Demokratischer Aufbruch und der Untersuchungskommission Amtsmissbrauch und Korruption an. Ab 1992 war er Beauftragter für Ev. Erwachsenenbildung und von 1995 bis 2011 im Vorstand der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (DEAE). 1999 wurde er an der FSU Jena über Evangelische Erwachsenenbildung in der DDR und ihren Beitrag zur politischen Bildung promoviert. 2006-2012 war er Hochschulpfarrer und Leiter der Erfurter Stadtakademie „Meister Eckhart“. 

Astrid Rothe-Beinlich, Jahrgang 1973, ist seit 1987 in der kirchlichen Umweltbewegung engagiert. 1989 war sie in der Bürgerwache der besetzten Stasi-Zentrale in Erfurt aktiv. Seit 2004 ist sie mit Unterbrechungen Stadträtin in Erfurt, seit 2019 Frak­tionsvorsitzende und seit 2009 Landtagsabgeordnete für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Thüringer Landtag. Dort ist sie u. a. Parlamentarische Geschäftsführerin und Sprecherin für Bildung, Jugend, Aufarbeitung, Integration, Justiz und gegen Rassismus.

Die Autorin

Dr. Jana Truman ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Erwachsenenbildung/Politische Bildung an der Universität Duisburg-Essen und Mitglied der JOURNAL-Redaktion. Ende Mai 2019 hat sie in Erfurt die beiden Gespräche für das JOURNAL geführt.

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