Identitätspolitische Spaltung europäischer Gesellschaften

Eine Studie des Excellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster liefert aufschlussreiche Daten zu identitätspolitischen Debatten in europäischen Ländern um Zugehörigkeit und Bedrohung. Befragt wurden ca. 5.000 Menschen in Deutschland, Frankreich, Polen und Schweden. 

Die Auswertung der Interviews führte zur Identifikation von zwei klar voneinander abgrenzbaren Gruppen, die in der Studie als „Verteidiger“ und als „Entdecker“ klassifiziert werden. Die Gruppe der „Verteidiger“ steht für ein enges Konzept der Zugehörigkeit zum eigenen Land. Dazu gehören Menschen, die im Land geboren sind, die Vorfahren in der ethnisch-nationalen Mehrheit haben und/oder der dominanten Religion angehören. „Verteidiger“ sind heimatverbundener und bevorzugen populistische Parteien, unterstützen antipluralistische politische Konzepte, politische Regelungen sollen einen einzigen Volkswillen ausdrücken. „Verteidiger“ fühlen sich durch Fremde wie Muslime und Geflüchtete bedroht. Sie haben ein Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität und sie sind unzufriedener mit der Demokratie und misstrauischer gegenüber politischen Institutionen.

„Entdecker“ lehnen ein enges Konzept der Zugehörigkeit nach ethnisch-religiösen Kriterien ab. Sie fühlen sich durch Fremde nicht bedroht, Zuwanderung und wachsende Vielfalt verstehen sie als Chance und plädieren für eine Gesellschaft mit unterschiedlichen gleichberechtigen Lebenskonzepten. Sie orientieren sich an pluralistischen Ideen, Politik ist für sie ein Aushandlungsprozess und Kompromiss zwischen unterschiedlichen Interessen. Ihre Haltung ist auf Offenheit und Veränderung ausgerichtet.

Für Deutschland werden in der Studie 14 % „Entdecker“ und 20 % „Verteidiger“ identifiziert, also etwa ein Drittel der Befragten lässt sich eindeutig den beiden Kategorien zuordnen. Interessant ist, dass sich für Polen 45 % „Entdecker“ und 27 % „Verteidiger“ bestimmen lassen. Diese Daten sind so zu interpretieren, dass für die Gesellschaft in Polen unter identitätspolitischer Perspektive eine deutlichere Spaltung konstatiert werden muss als für die deutsche. Die Autor*innen weisen grundsätzlich darauf hin, dass Identitätskonflikte schwerer verhandelbar sind, wenn Vorstellungen von Identität religiös und fundamentalistisch gerahmt sind.

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Der Autor

Klaus Waldmann ist leitender Redakteur des Journal

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