Herausforderung Othering

Antiziganismus und dessen Gegenstrategien sind in Wissenschaft und pädagogischer Praxis bis heute unterrepräsentiert. Dabei handelt es sich um ein äußerst aktuelles und akutes gesellschaftliches Problem, das nicht zuletzt in (struktureller) Diskriminierung und offener Gewalt gegenüber Sinti*zze, Rom*nja und anderen Minderheiten mündet. Welche Gegenstrategien zu Antiziganismus gibt es und welche Dilemmata sind damit verbunden?

Antiziganismus heute – zur Aktualität eines alten Ressentiments
Antiziganismus ist ein bereits seit langem bestehendes und äußerst beständiges gesellschaftliches Problem, das schon im Mittelalter nachgewiesen werden konnte (vgl. End 2017: 11) und noch heute hochaktuell ist. So stimmten im Rahmen der Leipziger Autoritarismus-Studie aus dem Jahr 2020 mehr als die Hälfte der Befragten der Aussage zu, Sinti und Roma neigten zu Kriminalität. Mehr als 40 % gaben an, ein Problem damit zu haben, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Nähe aufhalten. Und mehr als ein Drittel würde sie am liebsten „aus den Innenstädten verbannen“ (Decker/Kiess/Schuler u. a. 2020: 65 f.). Für das Jahr 2019 wurden vom Bundesinnenministerium außerdem 78 antiziganistische Straftaten erfasst, darunter Körperverletzungen und (versuchte) Tötungsdelikte (BTS-Drs. 19/19339). Laut einer aktuellen Studie von RomnoKher haben 65 % der in Deutschland lebenden Sinti*zze und Rom*nja bereits selbst Diskriminierung erlebt (vgl. Diepold/Leucht 2021: 83).

Die Zahlen machen deutlich, dass wirksame Strategien zur Bekämpfung von Antiziganismus dringend benötigt werden. Bis heute stellt diese Form der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF, nach dem Bielefelder Soziologen Heitmeyer) in Wissenschaft und pädagogischer Praxis allerdings ein absolutes Randthema dar, zu dem nur wenige Personen – diese dafür umso aktiver – beitragen (z. B. Markus End, Astrid Messerschmidt und Albert Scherr). Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Gegenstrategien zu Antiziganismus. Zentral ist dabei die Frage, ob und wie diese der zugrundeliegenden Wirkweise dieses Denkmusters begegnen. Mit der Analyse und Evaluation vorhandener Konzepte liefert der Beitrag einen Ansatzpunkt für deren Weiterentwicklung und gibt Anstoß für weitere Diskussion.

Begriffsbeschreibung und -kritik
Der Begriff Antiziganismus beschreibt die Homogenisierung und Stigmatisierung von u. a. als Sinti*zze oder Rom*nja wahr­genommenen Menschen, die in sich reproduzierender (struktureller) Diskriminierung bis hin zu Gewalt gegen die Betroffenen münden und ihren historischen Tiefpunkt im Porajmos fanden – dem Genozid an einer halben Millionen Sinti*zze und Rom*nja durch die Nationalsozialist*innen.

Allerdings ist der Begriff ‚Antiziganismus‘ unter Wissen­schaft­ler*innen recht umstritten. Einige lehnen ihn grundsätzlich ab oder problematisieren ihn, da er durch die Fremdbezeichnung ‚-zigan‘ ein ethnisierbares Element enthalte, das die Konstruktion einer als homogen wahrgenommenen Gruppe ‚Anderer‘ bekräftige (vgl. Messerschmidt 2019). Vor diesem Hintergrund gibt es Forderungen nach Alternativbegriffen wie ‚Romaphobie‘ oder ‚Antiromaismus‘. Andere wiederum sind der Ansicht, dass das Ressentiment in Analogie zu anderen Formen der GMF, wie Rassismus oder Sexismus, eigentlich ‚Ziganismus‘ heißen müsste (vgl. End 2013: 49).

Der Politikwissenschaftler Markus End wiederum verteidigt den Begriff Antiziganismus und argumentiert, dass dieser – gerade weil er sich nicht auf eine Selbstzuschreibung, sondern auf eine Fremdzuschreibung bezieht – eine Dekonstruktion und Analyse der Fremdzuschreibung als soziales Konstrukt erlaube (vgl. ebd.: 52). Dieser Argumentation sowie der Begriffsverwendung des Vereins Amaro Foro (vgl. End 2017: 22) folgend wird der Begriff in diesem Beitrag mit der Intention verwendet, dadurch die Verortung des Problems in der Dominanzgesellschaft zu untermauern.

Othering als zentraler Bestandteil von Antiziganismus
Zentrale Bestandteile der Wirkweise von Antiziganismus sind (1) die Konstruktion einer als als homogen wahrgenommenen Fremdgruppe, (2) die Belegung dieser Gruppe mit (i. d. R. negativen) Stereotypen und Vorurteilen und (3) ihre Abwertung und Abgrenzung zur eigenen Gruppe. Zur spezifischen Logik des Antiziganismus gehört dabei, dass einzelnes negatives Verhalten von Personen, die als Mitglieder der Fremdgruppe wahrgenommen werden, als typisch, positives Verhalten hingegen als Ausnahme registriert wird (vgl. Scherr 2017).

Grundlegend für Antiziganismus ist also zunächst die Konstruktion einer als homogen wahrgenommenen Gruppe ‚Anderer‘ und deren (abwertende) Abgrenzung zur eigenen, dominanten Gruppe. In der Wissenschaft wird dieses Konzept, zurückgehend auf Edward Said und Stuart Hall, als ‚Othering‘ bezeichnet. Vor diesem Hintergrund müssen Gegenstrategien zu Antiziganismus essentiell den Wirkmechanismus des Otherings adressieren und dekonstruieren, um dem Problem adäquat begegnen zu können.

Gegenstrategien zu Antiziganismus
Ansätze zur Bekämpfung von (antiziganistischer) Diskriminierung können auf unterschiedlichen Ebenen identifiziert werden. Neben rechtlichen und normativen Regeln wie z. B. dem im Grundgesetz festgelegten Diskriminierungsverbot sind dabei insbesondere Ansätze der politischen Bildung relevant. Diese erlauben – je nach Ausgestaltung – eine Adressierung der dominanzkulturellen Ursachen und der Wirkweise von Antiziganismus sowie die Dekonstruktion der auf Othering beruhenden sozialen Konstruktion eines homogenen ‚Anderen‘, das dem ‚Wir‘ antagonistisch gegenübersteht. Bildungspolitische Ansätze, die sich mit dem Thema Antiziganismus auseinandersetzen, existieren in Deutschland in erster Linie auf Ebene der Zivilgesellschaft und sind meist auf Eigeninitiative der Betroffenen sowie ihrer Organisationen entstanden. Vorhandene Materialien bestehen i. d. R. entweder aus textbasierten Readern zur Weiterbildung und Sensibilisierung der Multiplikator*innen oder aus konkreten Workshop- und Unterrichtsmodulen zur Anwendung in der bildungspädagogischen Praxis.

Antiziganismuskritische Bildungsarbeit
Insbesondere viele jüngere Ansätze zeichnen sich dabei durch die explizite Adressierung der Wirkweise von Antiziganismus und einer Verortung des Problems innerhalb der Dominanzgesellschaft aus. Angelehnt an Ansätze aus der antirassistischen Bildungsarbeit regen sie dominanzgesellschaftlich positionierte Bildungsakteur*innen so zur kritischen Reflexion der eigenen (strukturellen) Eingebundenheit in antiziganistische Gesellschaftsverhältnisse an.

Allerdings lassen sich in den Materialien auch Inhalte identifizieren, die – mit dem Ziel einer anschließenden Dekonstruktion – selbst antiziganistische Stereotype und Vorurteile reproduzieren. Dies sind z. B. Assoziationsspiele zu Gegenständen, die explizit antiziganistische Bilder hervorrufen sollen (vorgeschlagen werden hier z. B. Spielzeug-Geigen und -Wohnwagen). Sie laufen damit jedoch Gefahr, antiziganistische Bilder nicht nur zu (re)produzieren, sondern unbeabsichtigt zu ihrer Weiterverbreitung beizutragen (vgl. Scherr 2013).

Das Dilemma antiziganismuskritischer Bildungsarbeit
Die beiden oben skizzierten Ausrichtungen bildungspädagogischer Materialien stehen für ein zentrales Dilemma der politischen Bildungsarbeit zum Thema Antiziganismus. Auf der einen Seite geht mit auf einer Reproduktion antiziganistischer Bilder beruhenden Strategien das Risiko einher, die dominanzgesellschaftliche Annahme von ‚uns versus die Anderen‘ zu reproduzieren (vgl. End 2017: 49 f.). Auf der anderen Seite stehen Ansätze, die allgemeiner die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen adressieren, der berechtigten Forderung Betroffener gegenüber, Antiziganismus explizit als eigene Form der GMF anzuerkennen.

Relevanz der historischen Bildung
Wissenschaftler*innen wie auch Selbstorganisationen weisen in diesem Kontext auf die Relevanz einer zeithistorischen Bildungskomponente hin. So fordert Messerschmidt beispielsweise die Ausbildung einer „zeitgeschichtlichen Reflexivität“ (2019: 15) auf Basis einer Wissensvermittlung über die nationalsozialistische Verfolgung und den Porajmos. Dies kann auch ein Weg sein, um, wie vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gefordert, ein Problembewusstsein für Antiziganismus und die damit einhergehenden Gefahren zu schaffen, damit dieser systematisch auf allen Ebenen bekämpft werden kann.

Weitere Herausforderungen
Eine weitere Herausforderung der politischen Bildungsarbeit, die in der wissenschaftlichen Diskussion zum Thema bislang allerdings kaum Aufmerksamkeit erfahren hat, ist die Situation Betroffener im Bildungssetting. So ist vorstellbar, dass die Reproduktion und Diskussion antiziganistischer Vorurteile für selbst Betroffene nicht nur unangenehm sein, sondern auch Retraumatisierungen hervorrufen kann. Auf diese Möglichkeit haben z. B. verschiedene betroffene Aktivist*innen in Reaktion auf die am 29. Januar 2021 vom WDR ausgestrahlte Sendung „Die letzte Instanz“ hingewiesen, die im Nachgang massiv für ihre antiziganistischen Inhalte kritisiert worden war.

Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Ausgestaltung der Bildungsangebote zu einem hohen Maß von den jeweiligen Multiplikator*innen, deren Kenntnisstand und Sensibilität sowie ihrer eigenen Positionierung abhängt. Vor diesem Hintergrund muss auch der teilweise erhebliche Spielraum, den die Materialien zur individuellen Ausgestaltung lassen, Gegenstand weiterer Diskussion sein.

Anforderungen an „gute“ Gegenstrategien
Die oben skizzierte Analyse der Gegenstrategien zu Antiziganismus weist auf einige zentrale Faktoren hin, die in der politischen Bildungsarbeit zum Thema berücksichtigt werden sollten. Dies sind 

  1. die explizite Verortung des Problems in der Dominanzgesellschaft. Dies scheint insbesondere im schulischen Bildungskontext bis heute nicht selbstverständlich zu sein, sodass es hier immer wieder zu Situationen kommt, in denen die Betroffenen selbst (unter Rückgriff auf antiziganistische Argumentationsstrukturen) für ihre Diskriminierung verantwortlich gemacht werden (vgl. Messerschmidt 2019).
  2. Eine Anerkennung von Antiziganismus als eigenständige Form des Rassismus, welche nicht auf der Reproduktion antiziganistischer Bilder basiert, sondern auf der Vermittlung zeitgeschichtlichen Wissens (u. a. über die Verfolgungsgeschichte der Sinti*zze und Rom*nja).
  3. Die Berücksichtigung der Situation Betroffener im Bildungs­setting, z. B. durch vorherige Absprache über die Inhalte der Workshop- und/oder Unterrichtseinheiten. In diesem Kontext sollte außerdem
  4. die Perspektive Betroffener in die Gegenstrategien mit einfließen, z. B. durch die Zusammenarbeit und Absprache mit den Selbstorganisationen Betroffener. Nicht zuletzt ist
  5. insbesondere die Weiterbildung und Sensibilisierung von Multiplikator*innen von großer Relevanz, da die analysierten Materialien großen individuellen Spielraum lassen und eigene Diskriminierungserfahrungen der Multipli­ka­tor*innen nicht immer vorausgesetzt werden können.

Die Analyse von Konzepten der Gegenstrategien gegen Antiziganismus zeigt Dilemmata der politischen Bildungsarbeit auf, die einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema bedürfen. Es ist daher wichtig, das Thema zentraler im wissenschaftlichen und bildungspädagogischen Diskurs zu platzieren, um gemeinsam wirksame Gegenstrategien zu dem Problem identifizieren und weiterentwickeln zu können. 

Literatur
Decker, Oliver/Kiess, Johannes/Schuler, Julia u. a. (2020): Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2020: Methode, Ergebnisse und Langzeitverlauf. In: Decker, Oliver/Brähler, Elmar (Hg.): Autoritäre Dynamiken. Neue Radikalität – alte Ressentiments. Gießen, S. 27–87.

Diepold, Alexander/Leucht, Christoph (2021): Hildegard Lagrenne Stiftung: Perspektiven und Strategien für die gleichberechtigte Bildungsteilhabe von Roma und Sinti in Deutschland. In: Strauß, Daniel (Hg.): RomnoKher-Studie 2021: Ungleiche Teilhabe. Zur Lage der Sinti und Roma in Deutschland. Mannheim, S. 83–88.

End, Markus (2013): Antiziganismus. Zur Verteidigung eines wissenschaftlichen Begriffs in kritischer Absicht. In: Bartels, Alexandra/von Borcke, Tobias u. a. (Hg.): Antiziganistische Zustände 2. Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse. Münster, S. 39–72.

End, Markus (2017): Das soziale Phänomen des Antiziganismus. Theoretisches Verständnis, empirische Analyse, Präventionsmöglichkeiten. Bielefeld.

Messerschmidt, Astrid (2019): Kontexte des Antiziganismus und Perspektiven antiziganismuskritischer Bildung. In: Anastasopoulos, Charis (Hg.): Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online (EEO); Fachgebiet/Rubrik: Interkulturelle Bildung, Geschichte und gesellschaftliche Bedingungen interkultureller Bildung. Weinheim und Basel.

Scherr, Albert (2017): Anti-Roma-Rassismus. In: Fereidooni, Karim/El, Merad (Hg.): Rassismuskritik und Widerstandsformen. Wiesbaden, S. 307–318.

Scherr, Albert (2013): Als Kollektiv definiert. Risiken und Nebenwirkungen einer Aufklärungspädagogik gegen Antiziganismus. In: iz3w, heft 01/02, S. 28–31.


Zitation
Walter, Lisa (2021). Herausforderung Othering. Problembereiche der politischen Bildungsarbeit gegen Antiziganismus, in: Journal für politische Bildung 3/2021, 4-7, DOI https://doi.org/10.46499/1671.2091.

Die Autorin

Lisa Walter ist Politikwissenschaftlerin, Soziologin (B.A.) und Migrationswissenschaft­lerin (M.A.). Nach zweijähriger Praxistätigkeit beim Flüchtlingsrat NRW untersucht sie aktuell im Rahmen ihres Dissertationsprojektes den Wandel in der Asylpolitik. Mit Gegenstrategien zu Antiziganismus beschäftigte sie sich erstmals intensiv im Rahmen ihrer Masterarbeit

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