Gesellschaft – Kunst – Politik. Praxen für gesellschaftliche Selbstwirksamkeit

„Eine bessere Welt ist möglich und lässt sich daran erkennen, dass ihr zentraler Maßstab nicht mehr das Beherrschen und Verfügen ist, sondern das Hören und Antworten.“
Hartmut Rosa 

Was kann ein Projekt erreichen, das den Anspruch hat, intersektionale Ansätze als Grundlage aller Angebote mitzudenken, spezifische Zielgruppen und ihre Bedarfe im Blick zu haben, aber dabei nicht zu kategorisieren, Stadt-Land-Beziehungen zu fokussieren, Ansätze der ganzheitlichen kritisch-politischen Bildung zu vertiefen und gleichzeitig sich selbst als Organisation von innen zu reflektieren und diversitätsorientiert weiterzuentwickeln? Ist das nicht viel auf einmal? Wir glauben, nein. Wenn wir uns als Träger die Erlaubnis geben, uns als Lernende zu betrachten und ‚auf dem Weg zu sein‘, wie der Projekttitel schon sagt. Wenn wir uns unserer Rolle als politischer Akteur bewusst sind, dessen Vermögen in der Ressource ‚Zuhören‘ besteht. In einer gespaltenen Welt stellt sich dann die Frage: Wem wollen wir zuhören, wem nicht und wem geben wir Raum und Ressourcen, um eigene Kräfte für gesellschaftliche Selbstwirksamkeit zu entfalten? Die Antwort ist hier deutlich: Denjenigen, die eine Gesellschaft für alle denken. Das heißt nicht, dass wir bei kritischen Nachfragen Angebote und Gespräche verweigern. Es heißt aber, im Zweifel parteilich zu sein. 

Chancen eines Projekts
Es hat viel mit Haltung zu tun – dieses Projekt, das uns seit drei Jahren begleitet und die finanziellen Ressourcen schafft, Angebote an der Schnittstelle politische Bildung, Kunst und soziale Arbeit zu machen. Im Rahmen der von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) getragenen Förderung „Modellprojekte zur Modernisierung und zum Ausbau der Trägerstrukturen der politischen Erwachsenenbildung – Stärkung der Diversifizierung“ ist der riesa efau. Kultur Forum Dresden seit 2019 einer von 17 Projektträgern. Was also haben wir erreicht? Und was davon ist hier berichtenswert? 

Insgesamt fanden, ergänzt durch die Mittel der Richtlinienförderung der bpb als anerkannter Träger der politischen Bildung, in den letzten drei Jahren zahlreiche Seminare und Kurzveranstaltungen statt. Hier reicht das Spektrum inhaltlich von der Ausein­andersetzung mit Formen der Grup­pe­nbezogenen Menschenfeindlichkeit, Angeboten der politisch-historischen Bildung vor allem zur Gewaltgeschichte und ihrem Gegenwartsbezug, Zugängen zu einer ganzen Reihe von aktuellen gesellschaftlichen Themen über künstlerische Formate, Radreisen zu Projekten in ländlichen Regionen, Reiseseminaren nach Polen zum Thema Migrationsgeschichte, Seminaren zu Nachhaltigem Aktivismus und Gewaltfreier Kommunikation im öffentlichen Raum, philosophischen Seminaren mit Bezug zur Lebenswelt der Teilnehmenden usw. Eine vollständige Auflistung wäre zu umfangreich. 

Was sich seit Beginn des Projekts tatsächlich geändert hat, ist insbesondere die Art und Weise, wie die Angebote entstehen. Viel mehr als zuvor haben wir die Eigenschaft übernommen, von der oben die Rede war und die die Bildungsarbeit sich unseres Erachtens zunehmend als Teil der eigenen Identität aneignen sollte: Zuhören. Fast keine Veranstaltung findet ohne Kooperationspartner statt. Zwei Beispiele: 

Seit einigen Jahren spitzt sich die sogenannte Genderdebatte in Deutschland zu. Geschlechtliche Vielfalt wird in Frage gestellt. Ein weiterer Punkt, der polarisiert, und ein Themenfeld, welches von rechts instrumentalisiert wird. Dies führt bis hin zu physischer Gewalt, auch in Dresden, wo wir verortet sind. Dresden ist 100 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Die Situation in Polen ist für Menschen, die sich für geschlechtliche Vielfalt einsetzen, noch deutlich prekärer. 2020 konzipierten wir auf Anfrage der Aktivistin und Künstlerin Irène Mélix die Bildungsreise „Love not Hate/ Miłość przeciw Nienawiść. Die Situation von LGBTQ* in Polen und Deutschland und deren Kämpfe – eine Reise fürs Fragen, Suchen, Verstehen und Kontaktieren“. Aktive aus Deutschland reisten für eine knappe Woche nach Wrocław und Warschau. Sie besuchten Menschen, die für eine progressive Gesellschaft stehen und nicht nur im Themenbereich LGBTQ* die Demokratie in Polen verteidigen. Diese Reise begleitet uns bis heute. Zahlreiche Kooperationen sind entstanden: Ausstellungen, Bildungsprojekte, deutsch-polnische Vernetzungstreffen, Aufmerksamkeit durch Artikel in Zeitschriften, solidarische Praxen im Bereich Frauenrechte und Demonstrationen. Uns als Träger braucht es da nicht zwingend weiter. Es läuft. 

Der riesa efau ist Mitglied in zahlreichen Gremien: Weltoffenes Dresden (einem Bündnis vor allem kultureller Einrichtungen in Dresden), dem Bündnis gegen Rassismus – für ein gerechtes und menschenwürdiges Sachsen (ein Netzwerk von ca. 45 Dachorganisationen und post-migrantischen Selbstorganisationen) und dem überregionalen #unteilbar-Netzwerk – um nur einige zu nennen. Was folgt daraus? Konkrete Angebote erfordern auch hier wieder vor allem Haltung. Dadurch, dass wir so divers aufgestellt sind, gelingt es uns, Menschen miteinander zu verbinden, die sich thematisch fokussieren müssen, um arbeitsfähig zu bleiben. In einem Prozess von mehr als einem Jahr sahen wir eine zentrale Aufgabe darin, Akteur*innen aus der Lausitz mitein­ander zu verbinden, die an verschiedenen Enden ‚das gute Leben für alle‘ denken und hier teils sehr unterschiedliche Strategien verfolgen. Gemeinsam mit drei regional verorteten Vereinen (Kulturfabrik MEDA in Mittelherwigsdorf, Augen auf e. V. Oberlausitz, Raumpionierstation Oberlausitz) mündeten diese Bemühungen Anfang September 2021 in einer politischen Radreise durch die Lausitz, einem „Nachmittag der Utopien“ mit dem Fokus lebendige Dörfer und im Strang ‚OPEN Neuland LAUSITZ‘ auf dem Überlandfestival in Görlitz. 

Bildung braucht viele Zutaten 
Entscheidend ist Folgendes, und dies gilt für die beschriebenen und weitere hier nicht erwähnte Projekte: Die Vorbereitungszeit selbst war Teil des Zieles. Eine bessere Nachbereitung wäre wünschenswert. Das gerät oft aus dem Blick, wenn wir unsere Arbeit machen. Es geht weniger um Teilnehmendenzahlen und eine hohe Anzahl von Veranstaltungen – eine Erkenntnis, die in der anfänglichen Zwangsentschleunigung durch die Pandemie endlich ihre Umsetzung fand. Es geht mehr um Beziehungsarbeit, Vermittlung, Bedarfsanalyse und das Ziel, Menschen mit unterschiedlichen Fokusgruppen, -themen und Strategien des sozialen Wandels zusammenzubringen. Ganz nach dem Motto ‚Intersektionale solidarische Allianzen‘ schaffen – so der Titel einer Veranstaltung beim Überlandfestival. 

Aber auch wir bleiben zu sehr in unserer Blase. Corona hat auch unsere Welt verengt, keine Frage. Das muss sich (wieder) ändern, und wir arbeiten daran. So wie wir es halt schaffen. Da helfen auch die durch das Projekt finanzierten Klausuren zur Organisationsentwicklung. Unser Jahresmotto für 2022 ist darum folgendes, das wir als riesa efau nun bereichsübergreifend mit Leben füllen wollen: „Wir haben kein Rezept. Aber eine Menge Zutaten, von denen wir wissen, dass wir sie als Gesellschaft brauchen.“

Der Verein

Riesa efau. Kultur Forum Dresden bietet seit 1990 Raum für die schöpferische Auseinandersetzung mit Fragen der Interaktion von Kunst und Gesellschaft. Der Verein ist aktiv in Dresden, ländlichen Räumen Sachsens und im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck:  https://riesa-efau.de/

Die Autorin

Susanne Gärtner ist Projektleiterin, seit 2008 als politische Bildnerin tätig und ehrenamtlich in verschiedenen Initiativen aktiv. Sie hat Soziale Arbeit/Sozialpädagogik in Dresden und Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder) studiert.

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