Gedenkstättenbesuche als Patentrezept der historisch-politischen Bildung?

Prof. em. Dr. Wolfgang Benz war von 1969 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München. Im Anschluss lehrte er von 1990 bis 2011 an der Technischen Universität Berlin und leitete das zugehörige Zentrum für Antisemitismusforschung mit den Schwerpunkten Vorurteils- und Antisemitismusforschung sowie der Erforschung des Nationalsozialismus, in denen er internationale Anerkennung genießt. Er hatte Gastprofessuren an Universitäten in Australien, Bolivien, Mexiko, Nordirland, Österreich u. a. inne. Zudem ist er Mitglied des PEN.

Einige seiner Veröffentlichungen gelten als Standardwerke der Geschichtsforschung zur Zeit des Nationalsozialismus und zu den Abläufen des Holocaust, darunter die mit Hermann Graml und Hermann Weiß herausgegebene „Enzyklopädie des Nationalsozialismus“ (1997), das mehrbändige „Handbuch des Antisemitismus“ (2008 – 2015) ebenso wie die mit Barbara Distel herausgegebene Reihe „Der Ort des Terrors. Die Welt der nationalsozia­listischen Zwangslager“ (2005 – 2009), die als umfassendste Darstellung des NS-Lagersystem gilt und erstmals die verfügbaren Forschungsergebnisse im engeren Sinne der Aufarbeitung zusammenführte.


Die Idee, Besuche in KZ-Gedenkstätten zum Pflichtprogramm für alle in Deutschland lebenden Menschen (wahlweise: Jugendliche; rechtsextreme Straftäter/-innen; Menschen mit Migrationshintergrund; Muslime) zu machen, kursiert mit erstaunlicher Wiedergängerqualität in der deutschen Öffentlichkeit, auch befeuert durch die Ereignisse der letzten Monate.

Nachdem im Dezember 2017 in Berlin junge Muslime eine Flagge mit einem Davidstern verbrannt hatten und im April 2018 im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg mehrere arabisch sprechende Männer einen Mann, der eine Kippa trug, antisemitisch beschimpft und angegriffen hatten, war die Debatte wieder neu entbrannt. Der Angriff hatte bundesweit Empörung ausgelöst, tausende Menschen gingen in mehreren Städten unter dem Motto „Deutschland trägt Kippa“ gegen Antisemitismus auf die Straße. Nur kurze Zeit vorher hatte die Verleihung des mittlerweile abgeschafften Musikpreises Echo an die umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang mit Textzeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ für einen Skandal gesorgt; nach einem anschließenden Besuch in Auschwitz zeigten sich die Delinquenten allerdings spontan geläutert.


Es ist so schrecklich einfach, von unserem selbstgemachten, ­deutschen Antisemitismus abzulenken, indem man mit dem Finger auf andere zeigt



Im Sommer 2018 wurde bekannt, dass eine Besuchergruppe von AfD-Fraktionschefin Weidel in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen „antisemitische und his­torisch unhaltbare Äußerungen“ getätigt hatte, und Ende August folgte das Fanal von Chemnitz: 1.000 Rechtsradikale ziehen durch die Stadt, es kommt zu Übergriffen auf Migrant/-innen. Menschen, die ihre Arme zum Hitlergruß heben, 2018, in einer deutschen Stadt: Das ist das Bild, das von den Protesten in Chemnitz hängen geblieben ist. Die gute Botschaft ist jedoch die, dass Tausende dagegen auf die Straße gehen und sagen: Wir wollen das nicht, das verstößt gegen die politische Kultur in diesem Lande. In unserer Gesellschaft ist Antisemitismus geächtet wie in keinem anderen Land.

Interesse für den National­sozialismus wecken
Die Vorstellung, dass zwecks unmittelbarer Einsicht in das Wesen des NS-Unrechtsregimes automatisch Einsichten und Lerneffekte generiert werden, ist einleuchtend, aber unfruchtbar, wenn dazu eine Verpflichtung besteht. In der DDR war es üblich, Schüler/-innen in Sachsenhausen, Ravensbrück oder Buchenwald Appell stehen zu lassen, um schuldbewusste Betroffenheit und antifaschistische Gesinnung zu erzeugen. In der Bundesrepublik hatten Richter die Idee, jugendlichen Delinquenten einen Besuch in der Gedenkstätte zu verordnen, um sie auf den rechten Weg zurückzubringen. Junge Neonazis verlassen die Gedenkstätte nach dem erzwungenen Besuch aber in der Regel nicht geläutert, sondern im Zorn der Selbstbestätigung über ihre Strafe. Für die außerschulische Bildung gilt das Gleiche. Auch sie muss die natürliche Abneigung gegen belastete Geschichte an „langweiligen“ historischen Orten des Verbrechens überwinden.

Wie also interessiert man junge Menschen für die Geschichte des Nationalsozialismus? Man muss junge Menschen ernstnehmen. Das bedeutet, dass man ihnen die Mühen der Beschäftigung mit der Geschichte des Nationalsozialismus zumutet. Das Mitleid mit Anne Frank ist eine Möglichkeit der Annäherung – mehr aber nicht. Die Botschaft der Zeitzeugen kann einen Zugang eröffnen, der genutzt werden muss. Aber dann folgt Arbeit, die unter Anleitung selbst zu leisten ist.

Unbefangenheit und Anleitung
Der authentische Ort der KZ-Gedenkstätte bietet die Möglichkeit, sich der Geschichte des Nationalsozialismus mit touristischer Neugierde anzunähern. Die Betonung liegt auf Neugierde, und touristisch ist hier nicht negativ zu verstehen. Dieses Herangehen erlaubt nämlich die Unbefangenheit des Entdeckens. Die his­torischen Orte des Nationalsozialismus sind überwiegend – soweit sie Orte der Verfolgung sind – als Gedenkstätten gestaltet, d. h. sie bieten erklärende Ausstellungen und Vertiefungsangebote durch Filme, Aufzeichnungen von Zeitzeugen, Fachgespräche oder die Möglichkeit, unter Anleitung der Gedenkstättenpädagogik Fragestellungen zu entwickeln und vor Ort zu bearbeiten.

Der Besuch einer KZ-Gedenkstätte erfordert aber Vor- und Nachbereitung. Die Zeit ist vertan, wenn der Besuch von Dachau, Neuengamme oder Flossenbürg am Ende des Schuljahres oder Semesters als subventionierter Ausflug ins Programm genommen wird, weil die Noten gemacht sind und man sich die Zeit bis zu den Ferien vertreiben muss. Zur pädagogischen Katastrophe wird der Ausflug dann, wenn auf die Kraft der Selbsterklärung des Ortes vertraut wird, wenn jugendliche Besucher mit dem Befund allein gelassen sind.


Es gibt hier keinen neuen Antisemitismus. Es ist der alte, der Bodensatz in der Gesellschaft



In der politischen Bildung sind Phantasie und Kreativität zu stimulieren. Etwa über die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die Mehrheit der Deutschen sich die Wünsche und Ziele einer Minderheit zu eigen machte. Dazu muss einiges beachtet werden: Um sicheres Grundwissen zu vermitteln, darf der Nationalsozialismus nicht auf Terror und Verfolgung reduziert werden. Die Verlockung, die die Ideologie der Volksgemeinschaft bot, erklärt die Teilhabe vieler am Unrechtsregime und ermöglicht es zu verstehen, wie Nationalsozialismus als Herrschaftsform funktionierte.

Aktuelle Bezüge statt ­moralischer Betroffenheit
Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus darf sich auch nicht in einzelnen Teilaspekten, die beispielsweise gerne in Projektarbeit behandelt werden, erschöpfen. Historische Fakten sind zwar im Internet abrufbar, aber ihre Interpretation ist nicht im Selbstbedienungsverfahren möglich: Zusammenhänge sind verantwortlich zu erarbeiten. Aktuelle Bezüge, z. B. zu Rechtspopulismus, Nationalismus und Fremdenfeindschaft, und ethische Fragestrategien oder Problematisierungen gesellschaftlicher Entwicklungen wie beispielsweise der kulturelle Hintergrund von Zuwandererfamilien und ggf. daraus resultierende Haltungen dürfen nicht dem Ziel, genügendes und handhabbares Wissen zu erwerben, im Wege stehen.

Es ist selbstverständlich, dass die Berufung auf einen Migrationshintergrund, auf die Herkunftsfamilie und die Sozialisation kein Grund ist, sich von der Beschäftigung mit Judenfeindschaft und Völkermord oder dem Nationalsozialismus generell freistellen zu lassen. Und nein, es gibt hier keinen neuen Antisemitismus. Es ist der alte, der Bodensatz in der Gesellschaft. Der wird nicht schlimmer, aber es ist schlimm genug, dass es ihn überhaupt gibt. Die Wissenschaft sagt, dass es momentan in Deutschland keinen Anstieg von Antisemitismus gibt; das widerspricht aber teils sicher emotionalen Befindlichkeiten. Die Zuwanderer sind nicht gekommen um Antisemitismus zu forcieren, aber es ist so schrecklich einfach, von unserem selbstgemachten, deutschen Antisemitismus abzulenken, indem man mit dem Finger auf andere zeigt. Religion spielt im Alltagsleben der Mehrheit in diesem Lande keine Rolle, aber als Waffe zur Ausgrenzung anderer erlebt sie eine regelrechte Renaissance.


Nationalsozialismus muss vom Odium der Sensation oder vom Ruch des gruseligen Events befreit werden



„Holocaust-Erziehung“ ist nicht nur ein schreckliches Wort, unter diesem Begriff wird nach manchmal seltsamen Rezepten und unter dem Postulat moralischer Betroffenheit, das verewigt werden soll, zu viel des Guten getan. Da es mit wachsendem zeitlichen Abstand zu den Verbrechen des Nationalsozialismus immer schwerer wird, neue Generationen dafür zu interessieren, sind Mitleid mit den Opfern, Abscheu vor den Tätern, allgemeine Erwägungen über das Böse in der Welt (als das der Nationalsozialismus dann verallgemeinert wird) nicht ausreichend, um Nachgeborene zu überzeugen. Notwendigkeiten und Chancen, sich zu interessieren, müssen immer wieder klargemacht und begründet werden. Aktuelle Bezüge bietet die Tagespolitik leider zuhauf.

Zudem muss der Nationalsozialismus vom Odium der Sensation oder vom Ruch des gruseligen Events, als das er medial zu oft angeboten wird, befreit werden. Nationalsozialismus ist kognitiver Lehrstoff und grundsätzlich nicht anders zu vermitteln als andere Fachgebiete. Und die Geschichte des Nationalsozialismus darf in der politischen Bildung nicht mit moralischen Postulaten befrachtet werden. Die ethischen Einsichten ergeben sich aus überzeugend vorgetragenem Fachwissen zwangsläufig. 

Zitation:
Benz, Wolfgang (2018). Gedenkstättenbesuche als Patentrezept der historisch-politischen Bildung? In: Journal für politische Bildung 3/2018, 40-43.

Der Autor

Prof. em. Dr. Wolfgang Benz war von 1969 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München. Im Anschluss lehrte er von 1990 bis 2011 an der Technischen Universität Berlin und leitete das zugehörige Zentrum für Antisemitismusforschung mit den Schwerpunkten Vorurteils- und Antisemitismusforschung sowie der Erforschung des Nationalsozialismus, in denen er internationale Anerkennung genießt.

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