Erwachsenenerziehung in der Demokratie

„Ich appelliere an Sie alle: Halten Sie sich an die Regeln […]. Erinnern wir uns wechselseitig daran, dass das Abstandhalten, Mund-Nase-Schutz, regelmäßiges Händewaschen […] nicht nur die Älteren […] schützt, sondern unsere offene, freie Gesellschaft als Ganzes.“ Dass in einer Demokratie Politiker*innen erwachsenen Menschen Orientierungen zumuten wie hier Angela Merkel in ihrer Bundestagsrede vom 30.9.2020, muss überraschen. Denn nicht zu Unrecht gehen wir davon aus, dass zwar Kinder und Jugendliche zu erziehen sind, Erwachsene als mündige Menschen aber sich selbst bilden, d. h. ihre eigenen Orientierungen finden, insbesondere was ihre politischen Überzeugungen anbetrifft.

Dass auch in der Demokratie politische Akteure und nicht zuletzt der Staat bisweilen auf Erziehung zurückgreifen, ist die These dieses Beitrags. Dabei soll unter Erziehung die nachhaltige, sanktionsbewährte Zumutung von Orientierungen verstanden werden. Zumutung, weil die so Erzogenen von alleine nicht darauf gekommen wären, sich diese Handlungsweisen anzueignen; Zumutung, weil diese Handlungsweisen – zum Beispiel eine Maske zu tragen – bisweilen dem Wünschen und Wollen der Menschen entgegenstehen; Zumutung aber auch im Sinne des Zusprechens von Mut, denn die Erziehenden trauen den Zu-Erziehenden zu, sich die gewünschten Orientierungen anzueignen. 

Drei Formen dieser „Massenerziehung“ (Prange/Strobel-Eisele 2015: 207) möchte ich herausarbeiten (siehe ausführlich: Nohl 2022): Zunächst geht es um die politische Erziehung; angesichts der Kehrtwende einer Partei versucht deren Führung, die politischen Kernüberzeugungen der Partei­anhänger*innen zu ändern. Zweitens steht die Demokratieerziehung im Fokus, bei der es nicht um spezifische politische Weltanschauungen, sondern um die Haltung zur Demokratie als solche geht; zur Demokratie werden vor allem jene erzogen, die neu in der Gesellschaft ankommen: Heranwachsende und Einwander*innen. Drittens gibt es Bereiche in der Gesellschaft, die zwar durch Gesetze normiert sind, welche das Verhalten der Menschen aber nicht hinreichend zu steuern vermögen. Hier – etwa bei der Mülltrennung, bei Hartz IV oder eben auch bei der Pandemiebekämpfung – lässt sich Gemeinwohlerziehung beobachten.

Politische Erziehung bei Kehrtwenden von Parteien
Seit der Wiedervereinigung Deutschlands haben mehrere Parteien Kehrtwenden in Fragen vollzogen, die für ihre Identität, vor allem aber für ihre Mitglieder und Anhänger*innen von großer Bedeutung waren: Die PDS und später die Linke haben ihren Frieden mit der repräsentativen Demokratie und zum Teil auch mit der sozialen Marktwirtschaft geschlossen; die SPD hat mit der ‚Agenda 2010‘ wohlfahrtsstaatliche Leistungen massiv zurückgeschraubt; die CDU 2015 sehr kurzfristig eine Wende in ihrer Asylpolitik vollzogen. 

Als die serbische Armee im Sommer 1995 die UN-Schutzzone Srebrenica einnahm und…

Weiterlesen mit JOURNAL+

Lesen Sie diesen und alle weiteren Beiträge aus dem Journal für politische Bildung im günstigen Abonnement.
Mit Ihrem Abonnement erhalten Sie die vier gedruckten Journal-Ausgaben im Jahr sowie vollen Zugriff auf alle Journal+ Beiträge des Online-Angebots.
Jetzt abonnieren
Sie haben das Journal für politische Bildung bereits abonniert?
Jetzt anmelden

Der Autor

Dr. Arnd-Michael Nohl, Professur für Erziehungswissenschaft, insbesondere systematische Pädagogik, Helmut-­Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg.

Ein Beitrag aus

Neu
infomail
Ihre Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an j infomail. Ihre Anmeldung war erfolgreich.

j infomail

Ja, ich möchte j infomail abonnieren und per E-Mail über neue Meldungen zur politischen Jugend- und Erwachsenenbildung informiert werden. Der Bezug von j infomail ist kostenfrei und kann jederzeit beendet werden.