Die „Vierte Dimension“

Wie alle intentionalen Bildungsaktivitäten findet Jugendbildungsarbeit immer im Dreieck von inhaltlichen Vorhaben, aktiven Lehrpersonen und den Adressat/-innen statt – das klassische pädagogische Dreieck. Doch was ist mit dem umgebenden physischen und sozialen Raum, in den das Bildungsgeschehen einbettet ist? Das Schulgebäude, der Seminarraum, die Jugendbildungsstätte, die Raumarchitektur und Möblierung, die unausgesprochenen Verhaltensregeln, die historische Vergangenheit des Ortes? Der Blick der pädagogischen Akteure fokussiert sich häufig auf die Bildungsinhalte und didaktisch-methodische Ansätze für die speziellen Zielgruppen – und weniger auf den Ort des Geschehens, den Raum als umfassende Einflussgröße. 

Was ist mit dem Begriff „Raum“ überhaupt gemeint? Warum findet Bildungsarbeit nicht nur an „Orten“ oder „Plätzen“ statt, sondern in „Räumen“? Weshalb lohnt es sich für alle Akteure der Bildungsarbeit, der Wirkung dieses Raumes nachzugehen? Antworten auf diese Frage finden sich insbesondere im Kontext neuerer sozial- und kulturwissenschaftlicher Erkenntnisse, der Soziologie und der Reformpädagogik.

Das Verständnis von Raum nimmt nach heutiger (kultur-)wissenschaftlicher Auffassung – anders als es der Duden definiert – Abschied vom reinen „Behälterraum“, einem „Container“ im Verständnis einer vorgegeben, vorausgesetzten Umwelt. Der forschende Blick sieht heute zusätzlich hin auf das „soziale Gemacht-Sein von Räumen und den Beziehungsraum“ (Löw 1999). Fabian Kessl und Christian Reutlinger bezeichnen den Raum in diesem Verständnis als „ständig (re)produziertes Gewebe sozialer Praktiken“ (2007: 19).

Raum wird in diesem Zusammenhang also als etwas betrachtet, das systematisch mit menschlichen Handlungen (auch neben und innerhalb der materiell-architektonischen Ausstattung) verknüpft ist und auch erst durch diese dynamisch hervorgebracht wird. Daher kann von einer Wirkung von Räumen gesprochen werden, die nicht determinierend ist, sondern einen relationalen Zusammenhang in einem „Wechselspiel von symbolischer Wirkung materialisierter Raumanordnungen und deren permanenter (Re)Konstruktion“ (ebd.: 27) aufweist. Über Räume werden, dieser Auffassung folgend, soziale Positionen der Akteure innerhalb eines sozialen Gefüges performativ hergestellt.

„[D]ie aufmerksame Beobachtung und Rekonstruktion von räumlichen Arrangements zeigt, dass in Räumen wirkmächtigste soziale Differenzierungslinien hervorgebracht und systematisiert werden“ (Köngeter/Cloos 2010: 82). Aus soziologischer Perspektive sind immer dann, wenn Raum und Raumordnung gestaltet und verändert werden, gesellschaftliche Verhältnisse und Machtordnungen relevant. Die Autoren schließen auch die Einflussgröße des Raumes als „Intermediärer Akteur“ (ebd.: 72) ein, was nichts anderes bedeutet, als den Raum als „Dritten Pädagogen“ zu begreifen. Diese Referenz zu reformpädagogischen Ansätzen…

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Die Autorin

Dr. Regina Münderlein ist Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit an der Hochschule Kempten. Sie hat langjährige Erfahrung in der Jugendarbeit, Jugend- und Erwachsenenbildung. Forschungsschwerpunkte: Kooperation von Schule und Jugendarbeit, Demo­kra­tiepädagogik, Jugend als Lebensphase und Lebenswelten von Jugendlichen.

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