Das Sprechen für die Jugend(en) im Plural

Benno Hafeneger (2022): Was wir über Jugendliche wissen sollten. Eine Einführung in die Jugendforschung. Frankfurt/M. (Wochenschau Verlag), 158 S., 16,90 €


Über die Jugend wird gerne gesprochen; ihr wird seit jeher ein besonderes Interesse zuteil. Die gesellschaftliche „Dauerkonferenz“, wie der Autor Benno Hafeneger sie bezeichnet, ist in Deutschland schon nahezu traditionell. Das Sprechen über die Jugend von heute ist besonders ausgeprägt. Das führt auf der einen Seite zu teils undifferenziertem Reden über die Jugend, sorgt auf der anderen Seite jedoch auch dafür, dass es sich bei der deutschen Jugendforschung um eine über Jahrzehnte etablierte und elaborierte wissenschaftliche Disziplin handelt. Die Fülle an Wissen, die über Jugend(en) produziert wurde und wird, möchte der Autor mit seinem Einführungsband strukturieren. In der Reihe ‚Grundlagen der Erziehungswissenschaft‘ erschienen, richtet sich die Einführung an Lehrende, Studierende und Interessierte.

Der Band ist in zehn Kapitel gegliedert. Beginnend mit einer Einführung in die Jugendforschung unternimmt der Autor einen gelungenen Klärungsversuch, wie Jugend zu verstehen und was mit Jugendphase zu bezeichnen ist. Im ersten Kapitel wird das Ansinnen des Autors deutlich: Er möchte den Leser*innen auf 158 Seiten einen Überblick über Jahrzehnte der Jugendforschung ermöglichen. Das Nachzeichnen der bedeutenden Entwicklungslinien der Jugendforschung gelingt Hafeneger auch deshalb, weil er neben dem großen Ganzen das Konkrete nicht aus den Augen verliert. So widmet sich der Autor in einem Unterkapitel der Generationensoziologie von Karl Mannheim, die ein Schlüssel sein kann, um weitere Ausführungen zu verstehen.

Auch die Charakterisierung und Analyse fünf ausgewählter Jugendbewegungen im dritten Kapitel ist sehr gelungen. Von den „Halbstarken“ in den 1950er Jahren über die „Occupy-Proteste“ der 2010er Jahre bis hin zur „Jugend in Zeiten von Corona“ zeichnet Hafeneger die jeweiligen gesellschaftlichen Entstehungszusammenhänge der Bewegungen nach und analysiert deren Aktivitäten und Ziele bis hin zu internen Dynamiken und ggf. der Auflösung der Bewegungen.

Dem dritten Kapitel zu „Jugendbewegungen und Protest“ gehen Ausführungen zu „Jugendkultur(en) und Protest“ als Sozialisationsraum voraus. Hafeneger arbeitet dazu u. a. zehn Merkmale von Jugendkulturen heraus. In diesem zweiten Kapitel finden sich zudem wichtige Hinweise zu Digitalität und deren Auswirkungen auf Jugend, die mit Blick auf die in Kapitel 3 betrachteten Jugendbewegungen durchaus ausführlicher hätten ausfallen können. Die weiteren Kapitel sind dem „Erwachsenwerden in Krisenzeiten“ (Kapitel 4) und der exemplarischen Nachzeichnung von Entwicklungslinien zweier Jugendkulturen (Kapitel 5 – „Was wird aus Jugendkulturen“) gewidmet.

Das Sprechen über die Jugend ist ein zentrales Motiv in Hafenegers Überlegungen – hier sind wir bei der eingangs erwähnten „Dauerkonferenz“. Dieses Motiv ist deshalb so wichtig, weil es hilft, zu verstehen, wie Gesellschaften auf junge Generationen blicken (Kapitel 6) und auch, wie sich Jugend mit einer eigenen Sprache selbst verortet. Hafeneger bietet in Kapitel 6 beispielsweise eine „Kleine Typologie der Generationenangebote“ an, die auf lediglich neun Seiten einen kritischen Blick auf die Etikettierung von Jugend durch Jugendstudien und der Gefahr der Verkürzung wissenschaftlicher Erkenntnisse wirft. Solche Etikettierungen können beispielsweise „boulevardeske sowie denunzierende Formulierungen“ (97) wie Helikoptereltern oder Zuschreibungen, wie Generation X, Y etc. sein. Hier wirft der Autor auch einen Blick auf Zuschreibungen, die die aufkommende Digitalität mit sich bringt (Stichwort „Generation Facebook“). Der Autor reflektiert in der gebotenen Kürze die Verbindung von wissenschaftlichen mit feuilletonistisch-journalistischen Diskursen und betont die Notwendigkeit differenzierter Perspektiven bei der Charakterisierung von Generationen.

Kapitel 7 fokussiert dann das Reden über Jugend – auch in Abgrenzung zu Kindheit und Erwachsenenalter – und die Entwicklung von (Sprach-)Bildern, die mit Jugend assoziiert werden. Das darauffolgende achte Kapitel widmet sich unterschiedlichen Jugendbildern. Es verbindet die vorhergehenden Kapitel 6 und 7 mit Menschenbildern, welche Generationen, Gesellschaften und Epochen prägen. Im abschließenden zehnten Kapitel bietet Hafeneger einen Ausblick, indem er aus unterschiedlichen Perspektiven offene Fragen und Diskurse formuliert. So plädiert er u. a. dafür, kapitalismuskritischen Stimmen durchaus Gehör zu schenken, weil das derzeit „dominierende neoliberale Wirtschaftsmodell mit seinen regulierten Finanzmärkten (…) nicht in der Lage [ist, J. O.], große Teile der jungen Generation auszubilden (…), ihnen stabile und sichere Lebens- und Existenzbedingungen zu ermöglichen“ (141). Dieses abschließende Kapitel ist auch deshalb so gelungen, weil er sowohl Politik und Gesellschaft in den Blick nimmt, indem er beispielsweise ein „Diagnoseangebot“ formuliert, wonach sich „Politik (…) in einem Zustand dauerhaften Krisenmanagements“ (143) befindet. Er spart dabei die Jugendforschung als solche nicht aus und mahnt sie zum verantwortungsvollen Umgang mit erhobenen Daten an. 

Für Hafeneger kann das Reden über, aber auch mit der Jugend als Gradmesser für offene Gesellschaften verstanden werden, denn offenes Reden über und mit Jugend gibt es nur in Demokratien, während Autokratien ihre Jugend formen. Diese Beobachtung ist in einer Zeit, die von Krisen geprägt ist und in der populistische Forderungen nach Politiken der starken Hand und der nationalen Abschottung auf der Tagesordnung stehen, bedeutender denn je.

Benno Hafeneger ist es ein Anliegen über Jugenden (im Plural!) zu sprechen und die Debatten über Jugenden zu rationalisieren. Er übt dabei Kritik an generalisierenden Typisierungen von Generationen („Generation Corona“ o.ä.) und nimmt die Jugendforschung in die Pflicht, ihre Forschung präzise auszuwerten und zu einem differenzierten Diskurs über Jugenden beizutragen. Dabei liefert er, gewissermaßen im Vorbeilaufen, eine scharfsinnige Gesellschaftsanalyse. Mit „Was wir über Jugendliche wissen sollten“ ist es Hafeneger gelungen, einen konzisen Überblick über die Jugendforschung zu verfassen. Dabei verleiht Hafeneger dem Werk den Charakter einer Einführung und setzt Schwerpunkte, insbesondere in Bezug auf das Aufwachsen junger Menschen in krisenhaften Zeiten. Lehrenden und Studierenden und all jenen, die eine erste Orientierung im Universum der Jugendforschung suchen, sei dieses Werk wärmstens empfohlen.

Der Rezensent

Prof. Dr. Jens Ostwaldt ist Professor für Soziale Arbeit am Institut für Sozialwissenschaften der IU Internationale Hochschule Berlin. Er forscht zu unterschiedlichen Formen von Radikalisierung und Möglichkeiten der Prävention.

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