Überzeugt Flagge zeigen

Alexander Wohnig (Hg.): Politische Bildung als politisches Engagement. Überzeugungen entwickeln – sich einmischen – Flagge zeigen. Frankfurt/M. (Wochenschau Verlag) 2020,
208 S., 24,90 €


Dass die Gliederung eines Sammelbands etwas irreführend ist, kommt vor. So verhält es sich auch in dieser Festschrift für Frank Nonnenmacher, deren Gliederung eine Dreiteilung verspricht: Biografisches im historischen Kontext, das Werk und seine schulpraktische Wirkung. Nun findet sich aber im Biografie-Teil bereits Theoretisches, z. B. Benedikt Widmaiers Überlegungen zur Rehabilitation der „pädagogischen und politischen Potentiale in einer Gruppe“ (63) und Marcel Studts Beitrag zu Rolf Schmiederer, dessen Inklusion in den Band insofern verwundert, als es sich weitestgehend um einen Wiederabdruck eines Texts mit nur oberflächlichem Nonnenmacher-Bezug handelt, und im Theorie-Teil ist Praktisches zu lesen (z. B. Ralph Blasche und Alexander Wohnig über politische Aktionen und außerschulisches Lernen basierend auf Nonnenmachers Didaktik). 

Dass dann im Praxis-Teil auch noch Theoretisches geboten wird – Heiko Knoll zur „Notwendigkeit einer materialistischen Bildungstheorie“ (178) –, ist aber wohl nicht herausgeberischer Nachlässigkeit zuzurechnen, sondern der Vielfalt der Beiträge, die auf die bleibende Relevanz und Anschlussfähigkeit Nonnenmachers verweisen. Zudem verweigert sich der Band einer Dreiteilung auch wegen der engen Verbindungen zwischen Biografie, Theorie und Praxis, die sich in Leben und Werk Nonnenmachers finden, wie z. B. Klaus Moegling und Christoph Bauer im Band deutlich machen.

Insbesondere in den Beiträgen, die seine Biografie in den Blick nehmen, wird nicht nur das, sondern auch der Respekt vor Nonnenmacher als Person in seinen unterschiedlichen Rollen deutlich. Seine Frau und Weggefährtin Eva Fischer zeichnet das Bild eines Mannes, der auf genau die richtige Art und bei den Richtigen aneckte: Bei Schulleiter*innen, Schulämtern, Hochschulrektoren und AfD-Abgeordneten. Dieses Anecken, das machen die im Band vertretenen Kolleg*innen, Freund*innen, Doktorand*innen und Studierenden deutlich, ist aber kein Anecken um des Aneckens willen, sondern ist dem auch biografisch motivierten Eintreten für die eigenen Prinzipien und für andere zu verdanken, dem im Untertitel zitierten „Flagge Zeigen“. Dieses Engagement ist auch Antriebskraft hinter Nonnenmachers Engagement für die Anerkennung der sogenannten „Berufsverbrecher“ und „Asozialen“ als Opfer des Nationalsozialismus, worauf der Beitrag von Dagmar Lieske ausführlicher eingeht (der anders als der Beitrag von Fischer offenbar vor der formellen Anerkennung der Opfer durch den Bundestag im Frühjahr 2020 verfasst wurde, die auch maßgeblich Nonnenmachers und Lieskes Einsatz zu verdanken ist).

Es liegt in der Natur einer Festschrift, dass sie den Blick zurückwirft, was im Band z. B. durch den Beitrag von Gerd Steffens auf das „Gedankenfluidum der Zeit“ (41) und den Einfluss auf junge Lehrkräfte in den 1970ern gewinnbringend geschieht. Was sich wie ein roter Faden durch den Band zieht, ist dabei auch eine gewisse Nos­talgie für einen Typ von Pädagog*innen, den Nonnenmacher verkörpert, nämlich den der „68er“, die noch „mehr Wert auf die Ausgestaltung der Lehre und die Betreuung von Studierenden als auf das Einwerben von Drittmitteln“ (7) legten, die als Lehrer*innen „eine neue, umwälzende Sicht der Dinge“ (36) an die Schule brachten und die spätestens seit den 1970ern „eine Außenseiterposition in der didaktischen ,Community‘“ (68) einnahmen. 

Der verständliche Frust über diese Marginalisierung wird allerdings erfreulicherweise produktiv gewendet, etwa bei Juliane Hammermeister, die Nonnenmacher mit Gramsci anreichert, und bei Andreas Eis, der in die Debatte um politische Bildung als Fach oder als überfachliches Prinzip und die universitäre Lehrer*innenbildung interveniert. Er fordert die gesellschaftstheoretische Fundierung des Fachs und wünscht sich eine Aufwertung der universitären Politiklehrer*innenbildung. Eis‘ wohl kontroversere Forderung nach einem integrativen Hauptfach „Politische Bildung“ in der Lehrer*innenbildung findet interessanterweise aktuell Zuspruch aus der Pädagogik im Ruf nach der „Ein-Fach-Lehrkraft“ (vgl. W. Böttcher in Ausgabe 60 der Erziehungswissenschaft), zöge umgesetzt aber wohl erheblichen organisatorischen Aufwand mit sich. 

Schwerer würde ich allerdings die Frage gewichten, ob nicht Lehramtsstudierende gerade die Möglichkeit, zwei unter­schiedliche Fächer zu studieren und zu unterrichten, wertschätzen. Der zweite Beitrag Blasches, der Nonnenmachers Brüder-Buch im Deutschunterricht einsetzt, macht deutlich, welche Möglichkeiten sich ergeben, wenn Deutschlehrer*innen auch Politiklehrer*innen sind. Die Inklusion solcher schulpraktischen Perspektiven, die mit Sicherheit Nonnenmachers von Sylvia Heitz vermuteten Wunsch nachkommen, dass „die Spurensuche nach seinem ‚Nachlass‘ weniger in Bibliotheken, als in die Klassenzimmer von heute“ (75) führe, ist begrüßenswert. Leider bleibt allerdings der Blick in die Klassenzimmer in den Beiträgen recht abstrakt – vielleicht ist die Bibliothek dann doch zu verlockend (der Beitrag von Knoll versammelt im Literaturverzeichnis mehr als 50 Einträge). An diesen Stellen wird auch deutlich, dass der Band, um Dopplungen zu vermeiden, vermutlich davon profitiert hätte, in einem eigenen Beitrag einen kurzen Einblick in das Werk Nonnenmachers zu geben, z. B. als Auszug aus dessen Habilitationsschrift, deren fehlende Verlagsveröffentlichung im Band zurecht beklagt wird.

Der interessante Band regt schließlich eindrücklich an, Nonnenmacher zu lesen. Noch mehr aber, und das ist sein besonderer Verdienst, lädt er dazu ein, das Gelesene anzuwenden und weiterzudenken, in poli­tik­didaktischer Theoriebildung, in der Hochschulbildung und in der Schule, in der Reflexion und Planung des Unterrichts – und im politischen Engagement.



Zitation: 
Heil, Matthias (2021). Überzeugt Flagge zeigen. Rezension zu: Alexander Wohnig (Hg.): Politische Bildung als politisches Engagement. Überzeugungen entwickeln – sich einmischen – Flagge zeigen, in: Journal für politische Bildung 2/2021, 70-71.

Der Autor

Matthias Heil promoviert an der Universität Heidelberg zum Thema Schule und Revolution.

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