Politische Inszenierungen analysieren

Die Sorge gegenüber einem Wiedererstarken rechtsextremistischer Tendenzen ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Wie in der Zeit des Nationalsozialismus spielen Selbstinszenierungen rechtsextremistischer Gruppen eine wichtige Rolle. Im Sinne historisch-politischer Bildung stellt sich die Frage, wie Lernende anhand historischer Quellen nationalsozialistischer Propaganda unterstützt werden können, kritisch mit aktueller politischer Inszenierung umzugehen.

Bei einer von mir durchgeführten empirischen Studie (vgl. Rechberg 2020) zeigte sich eine zentrale Herausforderung: In dieser Untersuchung habe ich die Orientierungen von Lernenden untersucht, die über das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg geführt wurden, das als zentraler Schauplatz der Inszenierung des Nationalsozialismus gelten kann. Die dort errichteten Bauten zielen vor allem durch ihre Größe auf eine Demonstration von Macht. Anhand von 36 Gruppendiskussionen mit insgesamt 206 Schülerinnen und Schülern wurde rekonstruiert, dass die Jugendlichen sich zum Teil von der Inszenierung distanzierten, ihr zum Teil aber auch folgten. Letzteres widerspricht dem Leitziel „Nie wieder!“, das zum Lernen über den Nationalsozialismus in Deutschland als Konsens aufgefasst werden kann (vgl. z. B. Adorno 1972). Auf Grundlage der Ergebnisse meiner Untersuchung werde ich im Folgenden Anregungen formulieren, wie diesem Problem begegnet werden kann. 

Lernende brauchen Unterstützung beim Wissenstransfer
Schülerinnen und Schüler brauchen Hilfe beim Wissenstransfer, wie beispielsweise von historischem Wissen in die politische Gegenwart (vgl. Reinmann/Mandl 2006). Besonders bei wenig strukturierten Wissensgebieten wie Geschichte stellen sich leicht Verständnisfehler ein. Grundsätzlich wird empfohlen, ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten (vgl. Spiro u. a. 1992). Entsprechend werden in der historisch-politischen Bildung zum Nationalsozialismus die Perspektiven der Opfer und der Täter einbezogen. Die Auseinandersetzung mit mehreren Perspektiven ist zwar notwendig, erhöht jedoch auch die Komplexität des Lernprozesses und damit den Schwierigkeitsgrad für die Lernenden. Untersuchungen zu komplexen Lernkonzepten haben gezeigt, dass ihr Erfolg u. a. davon abhängt, ob die Lernenden ausreichend eng durch die Aufgabenstellung geleitet werden (vgl. Stark 2000). Je schwächer die Lernvoraussetzungen der Schüler*innen sind, desto eher empfiehlt sich ein kleinschrittiges Vorgehen (vgl. Köller 2008). 

Mit wachsender Komplexität steigt der Bedarf zur Anleitung
Die Auseinandersetzung mit NS-Propaganda bringt insbesondere das Risiko mit sich, dass die Perspektive der Täter*innen von den Lernenden unkritisch übernommen wird (vgl. Jelitzki/Wetzel 2010). Um Überforderungen zu vermeiden, empfiehlt sich auch hier, die Komplexität der Lernherausforderungen zu berücksichtigen. Nationalsozialistische…

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Der Autor

Dr. Karl-Hermann Rechberg ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Praxis­forschung und Evaluation an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Dort forscht er seit 13 Jahren in den Bereichen Soziale Arbeit, Bildung und kirchliche Arbeit.

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