Gemeinsam für Europa

Interview mit Pamela Brandt, Projektverantwortliche für den Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)

Seit 2002 gibt es den Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung. Mittlerweile hat er sich zu einer festen Informationsgröße im Vorfeld von Wahlen etabliert: Insgesamt wurde er im Vorfeld von Wahlen über 71 Millionen Mal genutzt. Der Wahl-O-Mat ist ein Frage-und-Antwort-Tool, das zeigt, welche zu einer Wahl zugelassene Partei der eigenen politischen Position am nächsten steht. 38 Thesen können mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“, „neutral“ oder „These überspringen“ beantwortet werden – alle zur Wahl zugelassenen Parteien können auf die gleiche Weise antworten. So können die Nutzer/-innen die eigenen Antworten mit denen der Parteien abgeglichen, der Grad der Übereinstimmung mit den ausgewählten Parteien wird errechnet. Zur Europawahl am 26. Mai 2019 wird sich der Wahl-O-Mat mit ähnlichen Wahltools in ganz Europa als VoteMatchEurope vernetzen. So können die User als zusätzliche Option sehen, welche Partei in Europa ihnen am nächsten steht.

Journal: Frau Brandt, wie entstand die Idee eines europaweiten Wahl-O-Mat und welche Staaten und Institutionen sind an Erarbeitung und Umsetzung beteiligt?

Pamela Brandt: Die ersten Anfänge des Projektes VoteMatchEurope, eine europäische Kooperation von Wahltools wie dem Wahl-O-Mat, gab es schon bei der Wahl zum Europäischen Parlament 2009. Wir hatten im Rahmen von NECE (Networking European Citizenship Education), eines Netzwerks europäischer politischer Bildner/-innen, andere Anbieter von dem Wahl-O-Mat ähnlichen Tools in ganz Europa kennengelernt und uns mit ihnen über unsere Erfahrungen ausgetauscht. Wir nannten uns als Projekt nach dem englischen Tool VoteMatchEurope. Gemeinsam war uns allen, dass wir ein Wahlinstrument anbieten, das nicht-kommerziell ist, einem überparteilich Bildungsauftrag folgt und Menschen für die Themen der Wahl, die Parteien und ihre Positionen interessiert.

Unser erstes gemeinsames Projekt war zur Europawahl 2009: am Ende des Wahl-O-Mat-Ergebnisses konnte man auf eine Europakarte klicken und dort die anderen europäischen VoteMatches ausprobieren. Damals waren wir aber noch nicht sehr viele.

Der Wahl-O-Mat zur Europawahl wird am 3. Mai 2019 unter www.wahl-o-mat.de online gehen. Von dort kommt man zum VoteMatch Europe unter www.votematch.eu und kann Informationen zum Projekt abfragen.

Alle Informationen, Zahlen und Fakten, Dossiers und Beiträge der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zur Europawahl sind unter www.bpb.de/wahlomat abrufbar.

Zur Europawahl 2014 hatten wir unser Netzwerk bereits weiter ausgedehnt und waren mittlerweile 14 Partner: die bpb mit dem „Wahl-O-Mat“, dazu der „StemWijzer“, der Erfinder des Tools aus den Niederlanden. Belgien mit „De Stemtest“, Bulgarien „Glasovoditel“, Frankreich „Vote & Vous“, Griechenland „VoteMatch“, Großbritannien „VoteMatch UK“, Italien „Cabine Electorale“, Lettland „Pielaiko Partiju“, Österreich „Wahlkabine“, Polen „Latarnik Wyborczy“, Slowakei und Tschechien mit „Volební kalkulačka“ und Spanien mit „Elecciones.es“.

Hinter den einzelnen Wahltools stehen ganz unterschiedliche Institutionen: von uns als Bundesbehörde zu Universitäten, NGOs oder Stiftungen in Europa.

2014 hatten wir uns im Vorfeld auf 15 gemeinsame Thesen geeinigt, die wir allen Parteien in den beteiligten Ländern zur Beantwortung schickten. Nach dem Wahl-O-Mat-Ergebnis konnten dann etwa die deutschen Nutzer/-innen mit einem weiteren Klick ihre Antworten – zu den gemeinsamen 15 Thesen – mit denen der Parteien aus den anderen EU-Ländern vergleichen.

Zu dieser Europawahl 2019 wollen wir noch weitergehen und hoffen, mit Wahltools in allen 27 Mitgliedstaaten zusammenarbeiten zu können. Auf die gemeinsamen Thesen haben wir uns schon geeinigt, das weitere Vorgehen ist in Arbeit. Da wir, wie in der EU, demokratisch das Projekt erstellen wollen, dauert es ein wenig, aber wird dadurch auch von allen getragen.


„Die Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern ist ­großartig und hat unsere Arbeit enorm bereichert“



Journal: Unterstützt die Europäische Union (EU) den Wahl-O-Mat?

Pamela Brandt: Bei der letzten Wahl 2014 hat das Projekt VoteMatchEurope von der Europäischen Kommission eine Grundtvig-Förderung für die Kosten der gemeinsamen Arbeitstreffen erhalten. Das aktuelle Projekt 2019 wird nicht gefördert, da leider keiner der Partner die personelle oder finanzielle Möglichkeit hatte, sich mit der aufwändigen Suche nach passenden Programmen und die Ausarbeitung der Anträge zu befassen. Wir versuchen es aus eigener Kraft mit sehr viel persönlichem Engagement.

Journal: Musste international viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, um die Idee eines europaweiten Wahl-O-Mat zu etablieren?

Pamela Brandt: Die Idee des VoteMatchEurope wurde von allen begeistert aufgenommen. Wir haben jedoch lange diskutiert, wie das Ergebnis unserer Arbeit aussehen soll. Nach dem nationalen Ergebnis bekommen die Nutzer/-innen ein Ranking des besten Ergebnisses in der EU, also welche Partei in Europa die größten Übereinstimmungen zu den Antworten auf die gemeinsamen EU-Thesen hat.Das ist besonders für Menschen mit mehreren Staatszugehörigkeiten spannend oder einfach auch für Menschen, die sich für die Politik eines EU-Landes besonders interessieren oder diesem nahestehen.

Journal: Wer entscheidet am Ende, welche Thesen letztendlich von den Parteien beantwortet werden, und sind in allen Ländern der EU dieselben Thesen zu lesen?

Pamela Brandt: Die Verantwortlichen der VoteMatchEurope-Partner aus 18 Ländern haben sich im Sommer im Rahmen einer NECE-Konferenz in Marseille getroffen und die gemeinsamen Thesen quasi basisdemokratisch erarbeitet. Diese 16 Thesen werden in allen Ländern des VoteMatchEurope dieselben sein und allen Parteien zur Beantwortung vorgelegt. Aber jedes nationale Wahltool wird auch eigene Thesen haben.

Die Wahl-O-Mat-Nutzer werden zur Europawahl daher wie gewohnt 38 Thesen beantworten – von denen dann nur 16 gemeinsame EU-Thesen sein werden – und dann am Ende ihr Wahl-O-Mat-Ergebnis erhalten: also die größte Übereinstimmung der eigenen Standpunkte mit denen der in Deutschland zur Wahl zugelassenen Parteien. Erst mit einem weiteren Klick und Link auf das Europa-Tool, dem VoteMatchEurope, können die Nutzer/-innen ihre Standpunkte dann zu den 16 gemeinsamen EU-Thesen mit allen Parteien in Europa vergleichen.

Journal: In Deutschland ist der Wahl-O-Mat mittlerweile eine Institution. Wie läuft die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern, und wie wird die zu erwartende Resonanz im EU-Ausland auf das Tool eingeschätzt?

Pamela Brandt: Die Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern ist großartig und hat unsere Arbeit enorm bereichert. Wir machen alle als politische Bildner/-innen in unseren jeweiligen Ländern ein sehr ähnliches Wahltool. Daher konnten wir viele Erfahrungen teilen und die unterschiedlichen Lösungen in den anderen Ländern diskutieren und dadurch viel besser unsere eigene Arbeit evaluieren. Besonders fruchtbar waren die Unterschiede und die Diskussionen über die Vor- oder Nachteile der verschiedenen Tools. Das hat unsere Arbeit am Wahl-O-Mat enorm vorangebracht. Wir achten bei diesem Projekt sehr darauf, dass wir alle auf Augenhöhe arbeiten und gemeinsam das Projekt vorantreiben. Das ist manchmal mit so vielen Partnern, der großen räumlichen Distanz und der verschiedenen Sprachen nicht ganz einfach, aber nur so kann etwas Gemeinsames gelingen. Zudem hoffen wir, dass die europaweite Vernetzung der Tools, die Themen und Positionen dieser Europawahl weiter in die Öffentlichkeit bringt.

Journal: Wie kann der Wahl-O-Mat ihrer Meinung nach in der außerschulischen politischen Bildung gut eingesetzt werden? Gibt es besonderes Material zum europaweiten Wahl-O-Mat?

Pamela Brandt: Der Wahl-O-Mat wurde 2002 erstmals in Deutschland gestartet, gerade um junge Menschen und sogenannte politikferne Zielgruppen zu erreichen. Daher erstellen zu jedem Wahl-O-Mat etwa 20 jungen Menschen zwischen 18 und 26 Jahren zusammen mit Politikexpert/-innen die Thesen des Wahl-O-Mat. Nur so gelingt es uns, dass die 38 Wahl-O-Mat-Thesen möglichst lebensnah und verständlich große politische Themenfelder und Fragen der aktuellen Wahl darzustellen.

So können wir in der Tat viele Menschen erreichen, die kein großes politisches Vorwissen haben oder – etwa wie in Schulen – von Expert/-innen angeleitet werden. In unserem Bereich www.wahl-o-mat.de/unterricht bieten wir auf der Webseite der bpb eine große Auswahl von Materialien zum Einsatz des Wahl-O-Mat an, der für den Unterricht, aber auch für die Erwachsenen- und Jugendbildung, bei Events oder Veranstaltungen geeignet ist. Das Besondere daran ist, dass diese Vorschläge und Anleitungen von Lehrenden, Teamenden und politischen Bildner/-innen selbst erstellt wurden, die verschiedenen Ideen mit dem Wahl-O-Mat in der Praxis ausprobiert haben.

Eine sehr große Auswahl an Materialien der schulischen und außerschulischen Bildung zur Europawahl stellt die bpb selbstverständlich online und auch zum Bestellen auf ihrer Webseite unter www.bpb.de/europawahl bereit.

Journal: Der Brexit beschäftigt aktuell die ganze Welt. Planen Sie den Wahl-O-Mat mit oder ohne Großbritannien? Muss die kleine Möglichkeit, dass die Briten doch in der EU bleiben, berücksichtigt werden?

Pamela Brandt: In der Tat, eine schwierige Frage. Zurzeit arbeiten wir ohne das VoteMatch-Team aus Großbritannien. Falls sie doch bei den EU-Wahlen teilnehmen sollten, werden wir jedoch eine Möglichkeit suchen, sie wieder in das Projekt einzubinden.

Zitation:
Journal für politische Bildung (2019). Gemeinsam für Europa. Der Wahl-O-Mat als internationales Kooperationsprojekt zur Europawahl. Interview mit Pamela Brandt, Projektverantwortliche für den Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), in: Journal für politische Bildung 1/2019, 72-75.

Im Interview

Pamela Brandt ist Redakteurin in der Online-Redaktion der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und Projektverantwortliche für den Wahl-O-Mat. Neben multimedialen und inhaltlichen Angeboten für die Webseite www.bpb.de ist sie seit 2004 Projektleiterin des Wahl-O-Mat. Sie studierte Geschichte, Französisch, Pädagogik und Journalismus in Hamburg, Paris und Bordeaux und arbeitete anschließend für verschiedene Fernsehsender und Zeitungen.

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