Gelingt Prävention im Kontext von Linksextremismus?

Anne-Kathrin Meinhardt, Birgit Redlich (Hg.): Linke Militanz. Pädagogische Arbeit in Theorie und Praxis. Frankfurt/M. (Wochenschau Verlag) 2020, 240 S., 29,90 €


Gewissermaßen reflexhaft ist in den Debatten um Extremismusprävention immer wieder angemerkt worden, dass auch Projekte zur Verhinderung der Radikalisierung linker Jugendlicher zu fördern sind. Wichtig sei, sich gegen Linksextremismus genau so entschieden zu positionieren wie gegen Rechtsextremismus und islamistischem Extremismus. Im Rahmen des Bundesprogramms „Initiative Demokratie stärken“ wurden ab dem Jahr 2010 Modellprojekte gegen Linksextremismus auf Bundesebene gefördert. Ab 2015 wurde diese Förderlinie im Programm „Demokratie leben!“ fortgeführt. Auf Seiten der Träger der Kinder- und Jugendhilfe in einem weiteren Sinn stieß diese Forderung überwiegend auf Vorbehalte.

Die Beiträge des vorliegenden Bandes können als eine Zwischenbilanz zu den Versuchen betrachtet werden, Projekte gegen Linksextremismus in der Landschaft der Prävention zu etablieren. Der Band ist strukturiert nach Beiträgen aus wissenschaftlicher, pädagogischer und theaterpädagogischer Perspektive. Die Artikel im ersten Teil beschäftigen sich vor allem mit der Klärung von Begrifflichkeiten, wobei einerseits eine kritische, gelegentlich eine distanzierende, anderseits jedoch auch eine adaptierende Auseinandersetzung mit der Extremismus­theorie erfolgt, nach der Rechts- und Linksextremismus die beiden entgegengesetzten Pole des politischen Spektrums bilden, sie strukturelle Gemeinsamkeiten aufweisen und zumindest teilweise jenseits der demokratischen Bandbreite eingeordnet werden. Die Herausgeberinnen erläutern ihre Arbeitsdefinition von Linksradikalismus als Bezugnahme „auf das Theorievokabular des klassischen Parteikommunismus und Marxismus-Leninismus, des Antifaschismus – oft vermengt mit postkolonialistischen, globalisierungskritischen und ökologischen Motiven“ (16). Dieser Definitionsversuch lässt die Schwierigkeiten erkennen, Grenzen zu bestimmen, was in einer liberalen, pluralen Gesellschaft als legitime Kritik an Gesellschaft, Politik und Staat zu bewerten ist und ab wann Kritik diese Grenze überschreitet. Forscher*innen und Akteur*innen der Linksextremismusprävention streben mit der Einführung des Begriffs der Linken Militanz an, eine Lösung für diese Problematik zu finden. Linke Militanz wird als „spezifisch linksradikaler Habitus mit dem Ziel kämpferischen (aber nicht zwangsläufig gewalttätigen), tatorientierten Handelns“ (16) beschrieben, verbunden mit linksradikalen Absichten und Zielen.

Die Ansätze zur Klärung der Begriffe durchziehen sowohl die Beiträge aus wissenschaftlicher Perspektive als auch diejenigen, in denen Erfahrungen aus Modellprojekten reflektiert werden. Die Texte belegen die Notwendigkeit einer Selbstreflexion, um sich über die Ansätze und die Praxis verständigen zu können. So wird konstatiert, dass die Kritik an Ungleichheit, Ausgrenzung, Diskriminierung, Entsolidarisierung, Ökonomisierung, Herrschaft, Fremdbestimmung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – die als zentrale Elemente linker Gesellschaftskritik ausgemacht werden (40 – 47) – keineswegs mit einer prinzipiellen Ablehnung der Demokratie und der Menschrechte einhergehen. Kritisch werden die Formen des Protests und der Stellenwert von Gewalt in linken Milieus markiert. In den Argumenten linker Akteure spiele die Differenzierung von Gewalt gegen Sachen und Personen, das Theorem struktureller Gewalt als Legitimation von Gegengewalt und die Rechtfertigung z. B. von Blockaden als ziviler Ungehorsam eine zentrale Rolle. Aus diesen Befunden der Forschung wird gefolgert, dass sich präventive Maßnahmen insbesondere an gewaltaffine Gruppierungen richten sollten.

Mehrere Beiträge aus wissenschaftlicher Perspektive untersuchen politische Orientierungen von linksaffinen Jugendlichen, Einflussfaktoren auf extremistische Einstellungen bei Jugendlichen, Radikalisierungsprozesse und die Wechselbeziehungen zwischen linkem Protest und Polizei. Oder auch die Schritte des Ausstiegs aus linken Szenen, wobei dieser sehr einfach erscheint: „Ich bin einfach nicht mehr zu den Demos gegangen“ (91).

Im Kapitel zu den pädagogischen Perspektiven werden, die Beiträge zu theaterpädagogischen Perspektiven eingeschlossen, insgesamt acht praktische Ansätze aus Modellprojekten vorgestellt. Auffällig ist, dass immer wieder erwähnt wird, dass es sehr schwierig gewesen sei, einen Zugang zur Zielgruppe „linksaffine Jugendliche“ zu erreichen. Die Praxiskonzepte reichen von der Fokussierung auf die Vermittlung von demokratischen Schlüsselkompetenzen über Beratungs- und Fortbildungsangebote für Multiplikator*innen bis zur Entwicklung einer Ausstellung zum Antisemitismus in linken Bewegungen. Der Ansatz der Prävention wird in diesen Beiträgen reflektiert und überwiegend als pro-demokratische Bildung interpretiert.

Dieser Sammelband ist ein aufschlussreicher und aspektreicher Beitrag zu den Schwierigkeiten von präventiven Angeboten im Kontext des Linksextremismus. Deutlich wird, dass es auf theoretischer und praktischer Ebene notwendig ist, sich immer bewusst zu sein, dass eine demokratisch legitimierte Gesellschaftskritik und Bestrebungen, eine demokratische Gesellschaft durch demokratisches Engagement weiterzuentwickeln, nicht diskreditiert werden dürfen, dass sich eine starke Demokratie jedoch immer auch gegen gewaltförmige Angriffe positionieren muss. Dass die Debatte um entsprechende Konzepte weitergehen muss, wird auch daran deutlich, dass die Herausgeberinnen darauf verzichten, in einem Resümee den Ertrag bisheriger Debatten und Projekte herauszuarbeiten. Aus Sicht des Rezensenten sollte in weiteren Überlegungen das Konzept der menschen- und demokratiefeindlichen „Brückennarrative wie Antisemitismus, Antifeminismus oder Verschwörungsdenken“ (136) aufgegriffen werden, die in allen Formen des Ex­tremismus anzutreffen sind, um aufzuklären und mit alternativen Narrativen Jugendliche zu gewinnen. 

Zitation:
Waldmann, Klaus (2021). Gelingt Prävention im Kontext von Linksextremismus? Rezension zu: Anne-Kathrin Meinhardt, Birgit Redlich (Hg.): Linke Militanz. Pädagogische Arbeit in Theorie und Praxis, in: Journal für politische Bildung 1/2021, 66-67, DOI https://doi.org/10.46499/1669.1813.

Der Autor

Klaus Waldmann ist leitender Redakteur des JOURNAL.

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