Aufsuchende politische Bildung

Menschen aus strukturell benachteiligten Sozialräumen sind mit klassischen Angeboten der politischen Bildung nur schwer erreichbar. Dies haben die Karl-Arnold-Stiftung e. V. (KASt) und das Deutsche Institut für Community Organizing (DICO) erkannt und mit einer Verbindung des Ansatzes Community Organizing und Elementen der aufsuchenden politischen Bildung eine Demokratiewerkstatt im Kölner Norden geschaffen. Community Organizing ist dabei ein parteipolitisch und konfessionell unabhängiger Prozess, um leistungsorientierte Teilhabe auf breiter gesellschaftlicher Basis von unten zu organisieren. Dieser Prozess beginnt mit „gesellschaftlicher Web-Arbeit“. Es gilt, neu zu entdecken, wie politische Teilhabe verstetigt werden kann – vor allem auch mit Menschen und Gruppen, denen es die Gesellschaft nicht zutraut. Mit dem Fokus auf aufsuchende Arbeit wurde diese Struktur in Köln im Rahmen einer Demokratiewerkstatt gefestigt, indem Angebote der politischen Bildung bedarfs­orientiert und niederschwellig integriert und ausgebaut werden. Vor allem die Ausbildung von Multiplikator*innen, die die Bedarfe ihrer Community kennen und entwickeln helfen, steht dabei im Fokus.

Für eine weiterführende, nachhaltige Etablierung der Themen Politik und politische Teilhabe in der Arbeit mit der Zielgruppe ist eine Verstetigung und Systematisierung notwendig, die im Rahmen des von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) geförderten Projekts „Etablierung von Elementen der politischen Bildung in subkulturellen Kontexten“ angestrebt wird. Die Durchführung erfolgt durch die Karl-Arnold-Stiftung e. V. in Kooperation mit dem DICO an den Standorten Köln und Berlin. In beiden Städten existieren etablierte Bürgerplattformen, die durch das DICO begleitet werden. In Köln kann auf die Erfahrungen der bereits bestehenden Zusammenarbeit der Projektpartner im Rahmen der Demokratiewerkstatt aufgebaut werden. Diese Erfahrungen werden durch das Projekt ausgebaut, verstetigt und dienen als Grundlage für die Etablierung ähnlicher Strukturen am Projektstandort Berlin.

Ziele des Projekts
Konkrete Ziele des Projektes sind Professionalisierung von zivilgesellschaftlichen Akteuren im Hinblick auf eine eigenständige Planung, Beantragung und Durchführung von niederschwelligen politischen Bildungsangeboten in eigener Trägerschaft sowie die Gewinnung und Ausbildung von Multiplikator*innen aus der Zivilgesellschaft als Referent*innen der politischen Bildung. Das Projekt dient zudem der Erprobung und Verstetigung von Elementen der aufsuchenden politischen Bildung. Zur exemplarischen Darstellung der konkreten Umsetzung werden im Folgenden Beispiele des Projektstandortes Köln vorgestellt.

Professionalisierung der Strukturen
Die subkulturelle Arbeit wird durch großes ehrenamtliches Engagement in Vereinen und Initiativen der Zivilgesellschaft gewährleistet. Für eine nachhaltige Etablierung von Themen und Elementen der politischen Bildung ist eine Professionalisierung der Strukturen notwendig. Für eine erfolgreiche Ansprache der Zielgruppe und eine nachhaltige Verankerung der Arbeit ist es zudem erforderlich, mit Dozent*innen zu arbeiten, die einen ähnlichen (sub)kulturellen Hintergrund haben. Dies trifft für die aktuell in den Vereinen engagierten Ehrenamtlichen zu. Für den Ausbau der Arbeit und eine Fokussierung auf Themen, Elemente und Didaktik der politischen Bildung ist die Gewinnung von weiteren Multiplikator*innen und eine Ausbildungsreihe notwendig. Als Projektleiter wurde für das Projekt mit Puya Ba­gheri ein Akteur aus der Zivilgesellschaft im Kölner Norden hauptamtlich eingestellt. Er hat bisher ehrenamtlich in Köln-Chorweiler Outline e. V. – Verein zur Förderung urbaner Jugendkultur geleitet und ist als Multiplikator im Sozialraum sehr gut vernetzt.

Teilhabestrukturen im Lebensumfeld etablieren
Gemeinsam mit Outline e. V. aus Köln-Chorweiler sowie Mitgliedern der Bezirksvertretung und Vertreter*innen der Stadt Köln wird eine legale „Hall of fame“ etabliert. Eine „Hall of fame“ bezeichnet eine Wand oder Fläche, die von der Stadt zur freien Gestaltung von Graffiti zur Verfügung gestellt wird. Hierfür wurde ein Arbeitskreis, bestehend aus Ehrenamtler*innen, Politiker*innen der Bezirksvertretung und städtischen Mitarbeiter*innen zur Abstimmung über das Vorhaben ins Leben gerufen. Die Ehrenamtler*innen lernen hierdurch praxisorientiert, eigene Interessen zu artikulieren und in einem politischen Prozess auf kommunaler Ebene strategisch umzusetzen. Die gewonnenen Erfahrungen werden durch kurze Bildungsmodule über kommunalpolitische Strukturen begleitet und eingeordnet. Durch eine Weitergabe der Erfahrungen der Ehrenamtler*innen in ihren jeweiligen Peergroups gelingt eine non-formale Vermittlung von Inhalten politischer Bildung, ein Erfolg in der Umsetzung eigener Interessen trägt zudem bei den Teilnehmenden und ihrem Umfeld zur Akzeptanz politischer Prozesse bei. Die „Hall of fame“ ist bereits von der Bezirksvertretung Köln-Chorweiler befürwortet und durch den Rat der Stadt Köln bewilligt worden, aktuell wird die konkrete Umsetzung mit der Verwaltung verhandelt.

„Abgecheckt“
In der Reihe „abgecheckt“ führen Ehren­amtler*innen mit in Subkulturen bekannten Künstler*innen Interviews durch. Die Gespräche zeigen den künstlerischen Werdegang der Künstler sowie die dazu notwendigen Ressourcen auf und binden Themen der gesellschaftlichen Partizipation ein. Es werden unterschiedliche Subkulturen abgedeckt und somit eine interessante Bandbreite zugänglich gemacht, um ein breites Identifikationspotenzial zu schaffen. Die Interviews werden intensiv vor- und nachbereitet und als Video­blog über die sozialen Medien von Outline e. V. und der Karl-Arnold-Stiftung verbreitet. Hierdurch können Themen der politischen Bildung Zielgruppen erreichen, die damit bisher selten in Berührung gekommen sind. Zudem wurde unter Beteiligung der Künstler*innen die Aktion „Meine Stimme zählt“ durchgeführt, in der Erstwähler*innen erfolgreich zur Kommunalwahl im September 2020 aufgerufen und über den Wahlvorgang sowie die zur Wahl stehenden Kandidaten*innen und Parteien informiert wurden.

Ausbildung von Multiplikator*innen
Die in den oben beschriebenen Projektmodulen besonders engagierten Ehrenamtler*innen werden in der nächsten Projektphase in Themen und Methoden der politischen Bildung geschult. Ziel ist die Entwicklung eigener niederschwelliger Angebote zur politischen Bildung für die jeweiligen Communities und die anschließende eigenständige Durchführung als nebenamtliche Referent*innen.

Weitere Informationen zum Projekt: 
https://www.facebook.com/Karl-Arnold-Stiftung- 103030191501661
https://www.instagram.com/karl_arnold_stiftung/?hl=de


Zitation:
Kotscha, Florian (2021). Aufsuchende politische Bildung, in: Journal für politische Bildung 1/2021, 56-57, DOI https://doi.org/10.46499/1669.1812.

Der Autor

Florian Kotscha, Leiter des Karl-Arnold-Instituts

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