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Solidarität in der Arbeitswelt

Lernprozesse in kollektiven Widerstandserfahrungen

„Der aktuelle Sprachgebrauch tendiert dahin, jede beliebige ­Hilfeleistung als ‚Solidarität‘ zu bezeichnen; wenn aber zur ­‚Solidarität‘ mit Erdbebenopfern oder mit Hungernden aufgerufen wird, so verschwimmt jegliche Differenz zwischen ‚Solidarität‘ und ‚Wohltätigkeit‘.“ (Bayertz 1998: 49)


Der Begriff Solidarität hat gegenwärtig Konjunktur: nicht als Zustandsbeschreibung, sondern als Apell. Als warnender Hinweis, die Gesellschaft möge nicht auseinanderbrechen. Zusammenhalt sei gefordert in Notzeiten: Empathie bekunden, staatlichen Anweisungen folgen – wie in der Corona-Krise. Ein großes WIR wurde beschworen: all derer, die durch Impfungen und Masken-Tragen zur Resilienz in Zeiten der Pandemie beitragen. Seitdem wird Solidarität auf alles bezogen: Solidarität mit den Flüchtenden im Ukrainekrieg, mit den Menschen im Nah-Ost-Krieg mit den Notleidenden in der Klima- und Energiekrise und vielen mehr. Zusammenhalt in einer zerklüfteten und von sozialen und ökonomischen Krisen heimgesuchten Gesellschaft – das ist der Kern des heutigen wertorientierten Verständnisses von „Solidarität“. „Solidarität“ scheint sich dabei zu einem anderen Wort für Hilfsbereitschaft oder auch Wohltätigkeit gewandelt zu haben.

In der Entwicklung des Kapitalismus im 19. und in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts meinte Solidarität jedoch etwas anderes und bezog sich vor allem auf die Arbeitswelt. Dieser arbeitsweltliche Ursprung von „Solidarität“ scheint sich verflüchtigt zu haben. Folgt man den darauf bezogenen Debatten so haben sich jene Milieus, die einmal Kollegialität und Solidarität gestiftet haben – unter Stahl- und Bergarbeitern, auf den Werften und an den Fließbändern der Automobilindustrie – in Individualisierung, sozialer Zersplitterung und Pluralisierung von Lebensweisen aufgelöst (vgl. Raphael 2019: 460). Der Begriff und das Verständnis von „Solidarität“ hat sich gewandelt: vom widerständigen Aufbegehren der unterdrückten Klassen gegen Herrschaftseliten zur begrifflichen Neufassung der alten Redewendung „Wir sitzen alle in einem Boot“.

So bilanziert scheint „Solidarität“ seiner widerständigen Stacheln beraubt, von allen Lern- und politischen Bildungsprozessen entleert und bei Bedarf in einen instrumentalisierten Allerweltsbegriff für moralisch durchtränkte Gemeinschaftlichkeit entwertet zu sein. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich habe nichts gegen Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftlichkeit. Doch Solidarität, so wie wir sie im Kontext arbeitsweltlicher Entwicklungen und Erfahrungen verstehen, meint etwas anderes.


Der arbeitsweltliche Solidaritätsbegriff

Richard Detje und ich gehen in unserer Studie (Detje/Sauer 2023) von einem Begriffsverständnis aus, das den Zusammenhang zur arbeitsweltlichen Geschichte festhält. Für uns ist Solidarität keine allgemeine Wertorientierung, keine feste Bestandsgröße…

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Der Autor

Prof. Dr. Dieter Sauer ist Sozialforscher am ISF München und Honorarprofessor für Soziologie. In den letzten Jahren arbeitete er zu den Themen betriebliche Restrukturierung, Krisenentwicklung- und bewusstsein, ­Rechtspopulismus sowie Demokratie und Solidarität in der Arbeitswelt.