Rückenwind für weiteres Engagement

Politische Bildung und Demokratiebildung findet in zahlreichen sozialen Räumen und in vielfältigen Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe statt – so ein zentrales Ergebnis des 16. Kinder- und Jugendberichts. Die Redaktion des Journal hat Akteur*innen aus verschiedenen Organisationen gebeten, den Bericht kurz aus ihrer Perspektive und ihrem jeweiligen Verständnis als Akteur*in politischer Bildung zu kommentieren. Wird das eigene Arbeitsfeld im Bericht adäquat wertgeschätzt und strategisch unterstützt? Welche Themen kommen im Bericht ggf. zu kurz und welche Fragestellungen sollten in der künftigen Debatte um politische Bildung stärker aufgegriffen werden?


Volker Rohde, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugend­einrichtungen e. V. (BAG OKJE) 
In der Arbeit der Einrichtungen und in den Angeboten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) ist politische Bildung selbstverständlich ein wichtiger Bestandteil, wobei sich allerdings viele Akteur*innen in der OKJA mit der konkreten Benennung von politischer Bildung im Rahmen ihrer alltäglichen Tätigkeiten schwertun. Das liegt zum einen an den Settings der OKJA – einer offenen, freiwilligen, an den situativen Interessen der Kinder- und Jugendlichen ausgerichteten Angebotsstruktur, die zunächst wenig mit den gewöhnlichen Erwartungen an politische Bildung zu tun hat. Andererseits haben auch die Adressaten bzw. die Gruppen der Besucher*innen aus vermeintlich ‚bildungsfernen‘ Milieus nicht die üblichen Erwartungen an politische Bildungsarbeit. Betrachtet man wiederum die Partizipation junger Menschen als Grundlage der modernen OKJA, so liegt nahe, dass demokratische politische Bildung ein wesentliches Merkmal der OKJA auch in der Alltagspraxis sein sollte. So gesehen ist politische Bildung auch für die BAG OKJE ein wesentliches Tätigkeitsfeld, auch wenn der Begriff selbst seltener Verwendung findet, da Partizipation und Demokratiebildung bisher die prominenten Begriffe waren, die politische Bildung in der OKJA beschreiben.

Mit dem Jugendbericht erlangt die OKJA eine hohe Aufmerksamkeit und Anerkennung als eines der zentralen Felder der Demokratiebildung. Die Prinzipien der OKJA und deren Bedeutung in Form von situativ-gelegenheitsbezogenen Anlässen informeller politischer Bildung und unmittelbarer Partizipation- und Demokratieerfahrungen werden im Kontext einer demokratischen, politischen Bildung erfreulicherweise sehr deutlich herausgestellt. Der Bericht unterstreicht zudem die Bedeutung von Demokratiebildung und politischer Bildung im Rahmen von Freiwilligkeit, Selbstorganisation und Selbstwirksamkeit als Bestandteil einer ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung (Stärkung von Ermöglichungs- und Aneignungsprozessen). Dies ist angesichts einer aktuell zurecht geführten Diskussion um die verengte Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen als Schüler*innen und Auszubildende im Zuge der Corona-Pandemie besonders hervorzuheben.

Vonseiten der BAG OKJE wird die im Bericht genannte Behebung fehlender empirischer bzw. wissenschaftlicher Erkenntnisse durch Förderung von Wissenschaft-Praxis-Diskursen und -Kooperationen, insbesondere bei der Entwicklung und Evaluation innovativer Ansätze, ausdrücklich unterstützt.

Die konzeptionelle Verbindung von OKJA und Aufsuchender Jugendarbeit ist ein fachlich und strategisch richtiges Signal. Allerdings müsste sie noch geschärft werden, indem beispielsweise die „hinausreichende“ Arbeit in jedes Einrichtungskonzept der OKJA als wesentlicher Bestandteil integriert und mit vorhandenen mobilen, aufsuchenden Angeboten arbeitsteilig verknüpft wird. Gemeinsam könnten Jugendeinrichtungen und aufsuchende (herausreichende) Arbeit als Impuls­geber*innen und Motor von Beteiligung, Mitwirkung und Mitbestimmung von jungen Menschen an kommunalen- und Stadtentwicklungsprozessen agieren und damit ganz praktisch zur Demokratie- und politischen Bildung im Gemeinwesen beitragen.

Insgesamt stecken in Konsequenzen zu Punkt 10.4.3 des Berichts („Konsequenzen für die Gestaltung der Aneignungsprozesse demokratischer Bildung von Kindern und Jugendlichen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit sowie der Aufsuchenden Jugend(sozial)arbeit“) sehr viele richtige und wichtige Anregungen bzw. Forderungen, wie beispielsweise die weniger projektbezogene, sondern langfristige und regelstrukturelle Finanzierung politischer Bildung. Allerdings darf dieser Punkt, wie die Erkenntnisse des gesamten Berichts bzgl. der OKJA, nicht allein zur Selbstvergewisserung dienen. Vielmehr müsste er als Grundlage einer Strategie in Hinblick auf die (kommunal)politische Wirksamkeit des 16. Kinder- und Jugendberichts weiterentwickelt werden, um die lokale Infrastruktur für die demokratisch-politische Bildung vor Ort dauerhaft sicherzustellen.

Eine fachliche Weiterentwicklung wäre es, das Recht auf demokratisch-politische Bildung mit einem Recht auf demokratisch-politisches Handeln zu verbinden; also Demokratiebildung durch den Ausbau von Möglichkeiten demokratischen und politischen Handelns zu fördern. Lernen durch Handeln, Kommunikation und konkretes Einmischen als lebensweltorientierte Bildung von Kindern und Jugendlichen wäre ein willkommenes Signal gegenüber zunehmenden Tendenzen politischer Interventionen, z. B. in das Arbeitsfeld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Politische Bildung zu „predigen“ und gleichzeitig konkretes politisches Handeln junger Menschen einzuschränken, wäre keine gute Idee und würde den Erkenntnissen des 16. Kinder- und Jugendberichtes nicht gerecht werden. 


Lisi Maier, Co-Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings (DBJR)
Der 16. Kinder- und Jugendbericht macht deutlich: Junge Menschen haben ein gesetzlich verbrieftes Recht auf eine politische Bildung, die sie befähigt, zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten heranzuwachsen, und in deren Mittelpunkt ihre Interessen, Wünsche und Bedarfe stehen und nicht die Lösung für gesellschaftliche Probleme.

Jugendverbände und -ringe sind wichtige Akteure der politischen Bildung und dabei im Rahmen der Jugendarbeit und der Jugendverbandsarbeit nach SGB VIII (Sozialgesetzbuch) aktiv, aber auch in den Freiwilligendiensten, in Seminaren der Bundeswehr, in der Jugendsozialarbeit und im Rahmen ihrer Akademien. Sie sind vor allem „Werkstätten der Demokratie“: In ihnen wird Demokratie durch Erleben „gelernt“. Dieses Selbstverständnis bestärkt die Berichtskommission. Eigene Erfahrungen sind nicht nur für funktionale Erkenntnisprozesse von erheblicher Bedeutung, sondern sie ermöglichen auch nachhaltige Effekte bei intentionalen Lernprozessen.

Die Jugendverbandsarbeit schafft Orte politischer Bildung, die durch Selbstbestimmung, Eigen- und Mitverantwortung von jungen Menschen gekennzeichnet sind. Sie ermöglicht eine solide demokratische Sozialisation und die Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Dabei ist Interessensvertretung eines der Wesensmerkmale ihrer politischen Bildung: Kinder und Jugendliche lernen, sich an vereinbarten Werten zu orientieren und diese demokratisch mitzubestimmen. Dieser werteorientierte Ansatz ist ein gesellschaftliches Gegengewicht zu unsolidarischen und undemokratischen Tendenzen.

Die Berichtskommission sieht Nachholbedarfe darin, dass in Jugendverbänden zwar viele Erfahrungen in demokratischen Prozessen gemacht werden – vor allem durch Gremienarbeit und Interessenvertretung –, diese aber stärker durch Refle­xion und Einbettung in den gesamtgesellschaftlichen Kontext ergänzt werden müssen, um die Bildungsprozesse zu verstärken. Trotz der großen Heterogenität der Jugendverbände empfiehlt sie auch, Standards politischer Bildung zu entwickeln. Bereits 2020 haben sich die im Deutschen Bundesjugendring zusammengeschlossenen Jugendverbände und Landesjugendringe in einem Grundlagenbeschluss zu beiden Punkten bekannt und werden diesen Auftrag annehmen. Dazu wird die Vernetzung mit anderen Trägerstrukturen der politischen Bildung angestrebt.

Für die Implementierung dieser Reflexionsprozesse und Standards können auch unsere Juleica-Schulungen eine wichtige Rolle spielen, denn politische Bildung braucht qualifizierte Fachkräfte – haupt- und ehrenamtliche.


Tim Klausgraber, Internationaler Bund (IB), Zentralstelle Respekt Coaches
Ausgehend von der Überzeugung, dass in jedem Menschen das Potenzial steckt, ein erfüllendes Leben führen zu können, steht der Internationale Bund (IB) dafür, die Menschen gemäß ihrer persönlichen Anlagen zu stärken. Der politischen Bildung kommt dabei im IB eine Doppelrolle zu. Als Querschnittsaufgabe ist sie in allen Geschäfts- und Arbeitsfeldern maßgeblich, als originäres Arbeitsfeld werden vom IB Angebote der politischen Bildung entwickelt und umgesetzt. Politische Bildung im IB basiert auf demokratischen Werten und den Menschenrechten. Für den IB ist die Demokratie keine Selbstverständlichkeit, er begreift sie als eine Daueraufgabe, die politische Bildung braucht. Die politische Bildung im IB wird zudem von der eigenen gemeinnützigen Stiftung „Schwarz-Rot-Bunt“ gefördert. Sie schafft Räume für persönliches Engagement und entwickelt die politische Bildung im IB weiter, indem sie innovative Projekte pro Demokratie und Akzeptanz außerhalb der Regelarbeit erst ermöglicht. Davon ausgehend stimmt der IB der im 16. Kinder- und Jugendbericht formulierten Definition politischer Bildung ebenso zu wie der Feststellung, dass sie weder affirmativ noch neutral sein kann. Im Einklang mit der Berichtskommission versteht der IB politische Bildung als ein Ganzes, das nicht auf Einzel- oder Teilbereiche reduziert werden kann.

Als Herausforderung wird dies in der Arbeit des IB in Hinblick auf das Handlungsfeld der „Extremismusprävention“ spürbar, durch die Beteiligung an der Umsetzung des Bundesprogramms „Respekt Coaches“. Der im Bericht dargestellte Konflikt zwischen der Verhinderungslogik von Extremismusprävention und der Gestaltungslogik politischer Bildung bringt die Unvereinbarkeit dieser Ansätze auf den Punkt. Politische Bildung ist ein Bildungsprozess, der als positiven Effekt die Resilienz gegenüber extremistischen Einstellungen mitbringen kann, sich darin aber nicht erschöpft. Die Reduzierung auf Einzelaspekte erscheint auch deshalb unsinnig, weil sich dies negativ auf den Wert der politischen Bildung für unsere demokratische Gesellschaft auswirkt. Es ist wünschenswert, diese Tendenzen aufzugeben und die politische Bildung in ihrer Gesamtheit zu stärken. Der Bericht verdeutlicht das, wenn er politische Entscheidungs­träger*innen dazu mahnt, die politische Bildung nicht zu instrumentalisieren oder sie zur Neutralität zu verpflichten. Der IB versteht dies als Aufruf, dazu eine klare Haltung einzunehmen und diese auch bei bildungs- und jugendpolitisch Verantwortlichen einzufordern.


Ulrika Engler, Direktorin der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung
In der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung ist natürlich drin, was draufsteht: zu 100 Prozent politische Bildung. Das ist unser Auftrag, das ist unser Anliegen. Als staatliche Institution für politische Bildung verstehen wir uns als Fach-, Service- und Netzwerkstelle für politische Bildung in Niedersachsen.

Unser Profil lässt sich am besten mit „jung – digital – divers“ auf den Punkt bringen. Als jüngste Landeszentrale, die vor gut vier Jahren wieder gegründet wurde, liegen unsere Schwerpunkte auf folgenden Themenfeldern: Demokratie stärken, politische Medienkompetenz, (digitale) Jugendbeteiligung und Diversität.

Ich begrüße es sehr, dass der Kinder- und Jugendbericht den Schwerpunkt auf politische Bildung gesetzt hat. Ich halte ihn für einen wegweisenden, fachlich sehr fundierten Bericht für und über die politische Bildung. Die klare Positionierung zur Bedeutung politischer Bildung für Demokratie stärkt die gesamte politische Bildung in ihrer pluralen Ausprägung.

Es gäbe viele Punkte herauszugreifen und zu würdigen. Ich möchte mich auf einige konzentrieren, die vor dem Hintergrund unseres Profils besonders bedeutsam sind. Angesichts von Entwicklungen der letzten Jahre wie beispielsweise des offen zutage tretenden Rechtsextremismus, Rassismus, Sexismus und Antisemitismus ist die klare Positionierung des Berichts essentiell: Politische Bildung kann nicht „neutral“ sein, sondern basiert auf demokratischen Werten und den Menschenrechten.

Erfreulich ist auch, dass der Bericht die unterschiedlichen Ansätze von politischer Bildung und Extremismusprävention hervorhebt. Es ist wichtig, politische Bildung in ihrer Ausrichtung als Förderung politischer Teilhabe und nicht in der Gefahrenabwehr zu verorten.

Im Zusammendenken von politischer Bildung und Medienbildung greift der Bericht im Grunde unseren Ansatz auf. Auf unserer Plattform www.politische-medienkompetenz.de reflektieren wir dieses Zusammenspiel und stellen Material für die Praxis bereit. Das konsequente Einfordern der Beteiligung Jugendlicher sowohl an der politischen Bildung als auch insgesamt an demokratischen Prozessen überzeugt ebenfalls. Politische Bildung muss auf Beteiligung ausgerichtet sein. Damit bestätigt uns der Bericht in zentralen Punkten unserer Arbeit und gibt uns Rückenwind für die Weiterentwicklung unseres Ansatzes.

Neben viel Zustimmung möchte ich eine Anregung mit auf den Weg geben: Politische Bildung muss sich meiner Meinung nach grundlegend diversitätsbewusst und diskriminierungskritisch aufstellen, wenn sie das Ziel einer gleichberechtigten Teilhabe aller ernst nimmt. Dies wird zwar in Ansätzen bedacht, aber nicht konsequent durchdekliniert. Hier sehe ich viel Reflexions-, Diskussions- und vor allem Handlungsbedarf – sowohl auf struktureller Ebene als auch für die Gestaltung der Bildungsangebote. 

Zitation:
Rohde, Volker; Maier, Lisi; Klausgraber, Tim & Engler, Ulrika (2021). Rückenwind für weiteres Engagement. Stimmen zum 16. Kinder- und Jugendbericht, in: Journal für politische Bildung 3/2021, 26-33, DOI https://doi.org/10.46499/1671.2095.

Stimmen zum 16. Kinder- und Jugendbericht

Volker Rohde, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugend­einrichtungen e. V. (BAG OKJE) 

Lisi Maier, Co-Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings (DBJR)

Tim Klausgraber, Internationaler Bund (IB), Zentralstelle Respekt Coaches

Ulrika Engler, Direktorin der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung

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