Präsentieren, liken, teilen, kommentieren – Politik auf TikTok

Videoclips in Endlosschleife, kreativ und gelegentlich künstlerisch gestaltet, bietet die App TikTok ihrer schnell wachsenden Community. In Clips von höchstens einer Minute präsentieren die Akteur*innen sich und ihre Anliegen. Zwischen einer Unmenge an lustigen und weniger lustigen Filmchen gibt es Clips mit politischen Botschaften und Videoschnipsel von politischen Gruppierungen: Ansatzpunkte für politische Bildung.

Die Bewegtbild-App TikTok erlebt ein rasantes Wachstum weltweit und auch in Deutschland. Die regelmäßige Nutzung – mindestens mehrmals pro Woche – durch Jugendliche im Alter zwischen 12 und 19 Jahren stieg von 2019 bis 2020 um 19 Prozentpunkte auf 33 % an (vgl. MPFS 2020, 39 f.). Die App zielt darauf, über kurze, selbsterstellte Videoclips von maximal einer Minute Länge miteinander in Austausch und Vernetzung zu treten, und beinhaltet leicht zu handhabende Funktionen für Videoaufnahme und -schnitt. Hauptmerkmal ist der konstante Videostream auf der sogenannten ForYou-Page, die sich Nutzenden unmittelbar nach Öffnen der App offenbart. Video-Inhalte werden dort als dauerhafter Loop präsentiert, der sowohl horizontal – über die Darstellung der Videos als Endlosschleifen – als auch vertikal funktioniert, indem durch Wischen beständig neue Videos auf dem Bildschirm erscheinen. 

Obwohl TikTok in der öffentlichen Wahrnehmung eher mit Kreativität und Fiktion in Verbindung gebracht wird und leicht despektierlich gern als „Tanzapp“ bezeichnet wird, werden regelmäßig auch politische Inhalte in der App produziert (vgl. Medina Serrano/Papakyriakopoulos/Hegelich 2020), so dass sie sich als Ort „für die Distribution, Kommunikation und Aneignung politischer Information bzw. Inhalte […] [be­schreiben lässt], in dem experimentell küns­tle­rische Prozesse der Nutzenden bei der Verhandlung und Verarbeitung politischer Information zum Tragen kommen“ (Ackermann/Dewitz 2020: 88). Im Vergleich zu anderen Social-Media-Plattformen fällt auf, dass TikTok-Nutzer*innen einen besonders hohen Grad an Aktivität aufweisen und sich verstärkt über das Liken, Teilen und Kommentieren von Videos sowie die Erstellung eigener Clips beteiligen (vgl. Omar/Wang 2020: 130) – Praktiken, die Ausdruck von (politischer) Meinungsbildung sind und mittlerweile auch regelmäßig durch die Plattform selbst unterstützt werden.

So wurde am 27. Januar 2021 #NahtZiehsRaus als angesagter Hashtag hervorgehoben, wodurch er prominent in der Suche zu sehen war und mit einer Aufforderung an die Nutzer*innen einherging, Videos zum Thema zu erstellen: „Schreie ihn, singe ihn, tanze ihn … Werde laut und kreativ und zeige deiner Community, wie du den Hashtag #NahtZiehsRaus interpretierst. Gegen Fremdenhass und Rassismus!“ (LautGegenNazis 2021b). Initiiert wurde die Kampagne durch den Verein Laut gegen Nazis e. V. (vgl. LautGegenNazis 2021a). Zur Umsetzung wurden Accounts für den Verein und für den Zentralrat der Juden erstellt, welcher die Hashtag-Challenge mit einem ersten Video und einem selbst kreierten Sound startete (vgl. Zentralrat 2021).

Mit Stand vom 31. Januar 2021 finden sich 256 Videos auf der Plattform, die den entsprechenden Sound verwenden, um sich an der Challenge zu beteiligen. #NahtZiehsRaus versammelt jedoch eine Vielzahl weiterer Videos ohne den Sound und erzielt 8,8 Millionen Videoaufrufe. Eine Angabe dazu, auf wie viele Videos sich diese beziehen, tätigt die App nicht, jedoch entsteht eine Verzerrung in der Wahrnehmung der Partizipation, da viele Nutzende in ihrem Streben danach, auf die ForYou-Page zu gelangen, unabhängig vom tatsächlichen Inhalt ihrer Videos regelmäßig mehrere gefeaturete Hashtags bündeln (s. Abb. 2).

Da es keine inhaltliche Verbindung zwischen diesen gibt, dient die Caption bzw. Kurzbeschreibung eines Videos mitunter weniger der Einordnung der verhandelten Themen, als dass sie dem Wunsch nach Reichweite und Sichtbarkeit auf der ForYou-Page Ausdruck verleiht. Dies spiegelt sich darin, dass verstärkt Hashtags Verwendung finden, die auf die ForYou-Page verweisen (z. B. #foryou, #foryoupage, #fyp, #fy). Die Ankopplung der eigenen Inhalte an aktuelle Trends mithilfe von Hashtags stellt ein gängiges Verfahren der Verschlagwortung auf TikTok dar. Ackermann/Dewitz (2020: 77) zeigen, dass eine thematische Konkretisierung der Videos erst an dritter Stelle nach trend- und viralitätsbezogenen Hashtags getätigt wird. Eher sind es Textinsertierungen in den Videos, die diesen ihre Bedeutung verleihen und zur Klärung des polysemischen Potenzials genutzt werden (ebd. 89). Dies führt dazu, dass eine inhaltliche Recherche auf Basis von Hashtags mitunter schwerfällt, was durch die Kuratierung der Ergebnisse noch verstärkt wird. Die Reihenfolge der angezeigten Videos orientiert sich an dem Verhältnis von Likes, Interaktion und Aktualität und ist als One-Pager mit unendlicher Scrollingoption gestaltet.

Je nach Popularität eines Hashtags haben Videos mit geringer Ausspielung kaum Chancen, über die Suchfunktion gefunden zu werden. Das Hashtag #politik kommt auf knapp 260 Millionen Aufrufe und erzielt mehr als 250.000 Likes für jedes der Top10-Videos. Dabei spielt die Größe eines Accounts weniger eine Rolle für die Verbreitung eines Videos als der Inhalt selbst. So zeigen die Top-10-Videos zu #politik, dass es auch kleineren Accounts gelingen kann, mit einem Video „viral“ zu gehen. So etwa im Falle des FDP-Politikers Wolfgang Heubisch, der mit einem humoristischen Video vom 19. Januar 2021, auf knapp 2 Millionen Views und 350.000 Likes kommt (Heubisch 2021). Für die Viralität eines Inhalts ist entscheidend, wie lange Nutzer*innen bei diesem verweilen und wie intensiv sie mit ihm interagieren. So entsteht nicht selten eine Bevorzugung humoristischer und polarisierender Videos, welche sowohl von Befür­wor­ter*innen als auch von Geg­ner*innen stark kommentiert und mit eigenen Videos (re-)kontextualisiert werden.

Herausforderungen für die politische Bildung
Initiator*innen, Quellen und Motive von Videos und Accounts sind oft nicht (unmittelbar) ersichtlich, woraus sich eine große Herausforderung für die politische Bildung ergibt. Als Beispiel sei auf den TikTok-Account @btw2021 verwiesen, der durch Namens- und Bildgebung suggeriert, dass es sich um einen Kanal mit neutralen Informationen zur Bundestagswahl 2021 handele, der aber in den veröffentlichten Videos AfD-nahe Inhalte verbreitet, die verstärkt mit den Hashtags #lernenmittiktok und #politik verschlagwortet werden. Es bleibt unklar, wer den Kanal betreibt bzw. betrieben hat, seit Ende Oktober 2020 wurden keine weiteren Videos veröffentlicht (Stand: 31.01.2021).

In ähnlicher Manier finden sich eine Vielzahl von Accounts, die entsprechend ihrer Namensgebung als offizielle Parteikanäle auftreten, jedoch von Einzelpersonen aus unterschiedlicher Interessenlage betrieben werden und keinerlei Verbindung zu den jeweiligen Parteien aufweisen (Abb. 3).


Für die Viralität ist entscheidend, wie lange Nutzer*innen verweilen



Aufgrund der Geschwindigkeit, mit der Nut­zer*innen in den Loop der Videos versetzt werden und mit trendenden Inhalten in Berührung kommen, ist es wichtig, Momente des Innehaltens und der Quellenprüfung in der App zu gestalten. Hierzu können die integrierten Funktionen Stitch und Duett dienen, welche es Nutzenden wie Akteur*innen der politischen Bildung gestatten, ein vorhandenes Video um eine zusätzliche Ebene zu erweitern und die Lesart zu verändern. Im Stitch wird ein kurzer Ausschnitt eines bestehenden Videos vor ein selbst erstelltes montiert, im Duett wird das eigene Video nach dem Splitscreen-Verfahren neben ein vorhandenes gesetzt. Da dies die (Re-)Kontextualisierung unmittelbar an das Ausgangsmaterial koppelt und mit diesem gemeinsam erfahrbar macht, eignen sich beide Verfahren gut für die politische Bildung, die als Hashtag auf TikTok bislang nur 32 Videos mit etwa 135.000 Aufrufen umfasst (TikTok 2021a) und damit noch deutliches Ausbaupotenzial aufweist. Dies wurde von Nutzenden der App bereits erkannt, weshalb der Account @politischebildung aktuell in verschiedenen Varianten zum Verkauf steht (TikTok 2021b).

Literatur
Ackermann, Judith/Dewitz,Leyla (2020): Kreative Bearbeitung Politischer Information auf TikTok: Eine Multimethodische Untersuchung am Beispiel des Hashtags #ww3. In: MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medien­bildung, Nr. 38, S. 69–93. https://doi.org/10.21240/mpaed/38/2020.11.16.X

Heubisch, Wolfgang (2021): Posting „Ich respektiere die Meinungen aller Parteien, außer einer!“ TikTok: https://vm.tiktok.com/ZMe1rEKDv/

LautGegenNazis (2021a): Kampagnenwebseite Naht Zieh‘s Raus! https://www.lautgegennazis.de/nahtziehsraus/

LautGegenNazis (2021b): Initiative auf TikTok #NahtZiehsRaus https://vm.tiktok.com/ZMe12m9s8/

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2020): JIM-Studie 2020. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart. https://tinyurl.com/5cp8u8hs.

Medina Serrano, Juan Carlos/Papakyriakopoulos, Orestis/Hegelich, Simon (2020): Dancing to the Partisan Beat: A First Analysis of Political Communication on TikTok. 12th ACM Conference on Web Science. Southampton United Kingdom, S. 257–266. https://doi.org/10.1145/3394231.3397916.

Omar, Bahiyah/Dequan, Wang (2020): Watch, Share or Create: The Influence of Personality Traits and User Motivation on TikTok Mobile Video Usage. International Journal of Interactive Mobile Technologies (iJIM) Vol. 14, No 04, S. 121–137. https://doi.org/10.3991/ijim.v14i04.12429.

TikTok 2021: #politischebildung: https://vm.tiktok.com/ZMe1Mta4y/.

Zentralrat der Juden (2021): Postings auf TikTok zur Initiative #NahtZiehsRaus https://vm.tiktok.com/ZMe1jtP6u/

Alle Internetquellen abgerufen am 02.03.2021.


Zitation:
Ackermann, Judith (2021). Präsentieren, liken, teilen, kommentieren – Politik auf TikTok, in: Journal für politische Bildung 2/2021, 28-31, DOI https://doi.org/10.46499/1670.1953.

Die Autorin

Dr. Judith Ackermann ist Forschungsprofessorin für Digitale und vernetzte Medien in der Sozialen Arbeit an der FH Potsdam. In ihrer Forschung befasst sie sich mit den Potenzialen der Digitalisierung für Gesellschaft und Kultur. Seit August 2020 betreibt sie als @dieprofessorin Wissenschaftskommunikation auf TikTok.

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