Politische Bildung zur gesellschaftlichen und politischen Teilhabe

Der Bundesverband russischsprachiger Eltern (BVRE), der im Januar 2021 seinen 11. Geburtstag feierte, ist der einzige Vertreter der russischsprachigen Community auf Bundesebene. Von Anfang an zielten die Gründer*innen des Verbandes auf eine umfassende, weit über Sprache, Kultur und Beruf hinausgehende Integration der Russischsprachigen in die deutsche Gesellschaft. Denn die Mitbürger*innen mit Migrationsgeschichte sollten nicht nur „ankommen“, sondern auch ein Teil der Gesellschaft werden und Deutschland als ihr Land und ihre neue Heimat verstehen. Hinzu zählt selbstverständlich die gesellschaftliche und politische Teilhabe an den demokratischen Prozessen auf allen Ebenen. Deshalb entwickelte der BVRE e.V. die politische Bildungsarbeit zu einem der wichtigsten Standbeine des Verbandes.

2015 erhielt der BVRE e. V. als eine der ersten Migrant*innenorganisationen (MOs) die Anerkennung als Träger der politischen Bildung durch die Bundeszentrale für politische Bildung. Doch sehr schnell wurde klar, dass die bestehenden und gut funktionierenden Formate der politischen Bildung in Deutschland für die Zielgruppe der Russischsprachigen ungeeignet sind bzw. sie erst gar nicht erreichen und die politische Bildung an sich oft unbekannt bleibt und nur Misstrauen weckt.

Zielgruppe identifizieren
Die Spezifik der ziemlich heterogenen Gruppe der Russischsprachigen in Deutschland besteht sowohl in ihrem sozialen Status und Alltag (für viele steht ihre soziale und berufliche Integration im Vordergrund), der oft vorhandenen Sprachbarriere als auch in der weit verbreiteten Skepsis gegenüber der Politik. Das Letztere ist bedingt durch die Sozialisation in einer (post-)sowjetischen Gesellschaft, wo die Politik entweder durch die totalitäre Gleichschaltung oder aus­ufernde Korruption maßgeblich bestimmt war. Das alles erzeugte ein Bild der Politik als eines „schmutzigen Geschäfts“ und wirkt sich weiterhin auf die Wahrnehmung vieler Russischsprachiger in Deutschland aus. Vor diesem Hintergrund sind erfahrungsgemäß nur wenige Menschen mit Migrationsgeschichte aus der ehemaligen Sowjetunion bereit, ihre freie Zeit für die politische Bildung zu opfern, geschweige denn sich an den Kosten solcher Maßnahmen zu beteiligen.

Aufsuchende interkulturelle politische Bildung
Im ersten bundesweiten politischen Bildungsangebot, das von einer Migrant*in­nen­organisation für Migrant*in­nen­com­munitys entwickelt und durchgeführt wurde, verfolgte der Bundesverband im Projekt „Politische Bildung von Migranten für Migranten“ (2015–2016, Förderer: Bundeszentrale für politische Bildung) das Ziel, die politische Bildung für Russischsprachige attraktiv zu machen. Die Spezifik der Zielgruppe brachte den BVRE e. V. dazu, angepasste Formate der politischen Bildung aufzubauen. In mehreren weiteren Modellprojekten arbeitet der Bundesverband seit 2016 daran, kultursensible und niederschwellige Angebote für die Russischsprachigen in Deutschland zu entwickeln.

Eine große Herausforderung, die weiterhin die Arbeit des BVRE e. V. entscheidend beeinflusst, war die weitestgehend fehlende Kultur der öffentlichen politischen Debatte unter den Zugewanderten aus der ehemaligen Sowjetunion. Um dem entgegenzuwirken, wurde die „Dialogplattform BVRE“ (2017–2018, Förderer: Bundeszentrale für politische Bildung) ins Leben gerufen. Sowohl online als auch in Präsenzveranstaltungen haben die russischsprachigen Referenten*innen und Politiker*innen versucht, die Themen der aktuellen politischen Debatte in Deutschland den Menschen näher zu bringen. Dabei wurden etliche Formate (Stuhlkreis, Podiumsdiskussion, Dialog im politischen Debattenclub, interaktive Wahl-O-Mat-Veranstaltungen) entwickelt, angepasst und ausprobiert.

Gleichzeitig fing der BVRE e. V. an, die Multiplikator*innen der politischen Bildung aus den bundesweiten Mitgliedsvereinen auszubilden und lokale Plattformen für die politische Diskussion zu initiieren. Daraus entstand ein weiteres Projekt zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements unter Russischsprachigen in Deutschland – „ICH BIN DABEI“ (Modellprojekt „Teilhabe lernen“, 2019–2021, Förderer: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Darin sollen die vorhandenen Diskussionsplattformen (möglichst durch die Anbindung der lokalen Politik) ausgebaut und etabliert werden. Dabei werden regelmäßig Wissens- und Kompetenzveranstaltungen zu den vielfältigen Themen politischer Bildung veranstaltet, wie z. B. verschiedene Aspekte der Medienkompetenz, Wahlen und Parteipolitik in Deutschland, inklusive hierarchiefreie Erinnerungskultur, Partizipation von Migrant*innen und Migrant*innenorganisationen an der Kommunalpolitik und anderes mehr.

Diese Erfahrung führte zur Entwicklung des Konzeptes der aufsuchenden und interkulturellen politischen Bildung, einer Methode, die die politische Bildung an die Menschen herantragen soll, die sie am meisten benötigen. Diese Idee fand Anklang auch in anderen Migrant*innencommunities und führte zu einem neuen Projekt „Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft: Migrantenorganisationen als Träger aufsuchender interkultureller politischer Bildung“ (AIPol) (2019–2021, Förderer: Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration). Im Vordergrund des Projekts stehen Wissenstransfer bzw. Austausch und Nachhaltigkeit der politischen Bildungsangebote.

Migrant*innenorganisationen als Orte der politischen Bildung
Die Idee, die politische Bildung an die Migrant*innen heranzutragen, ist nicht neu und nicht exklusiv. Besonders in den letzten Jahren sprechen die Bundeszentrale für politische Bildung und andere Akteure die Menschen mit Migrationsgeschichte gezielt an. Jedoch fehlt den etablierten Trägern sehr oft der Zugang bzw. das Know-how in der Aktivierung dieser Zielgruppe. Deshalb spielen die MOs im Konzept der aufsuchenden und interkulturellen politischen Bildung eine so große Rolle. Auch wenn sie wenig Erfahrung in der politischen Bildung oder gesellschaftlicher Teilhabe mit sich bringen, verfügen sie oft über exklusive Zugänge zu den Menschen, die sie über ihre anderen Angebote anbinden und deren Vertrauen sie dadurch genießen.

Es bietet sich deshalb an, die MOs zu Orten der politischen Bildung auszubauen und sie als Akteure des gesellschaftlichen Lebens zu stärken. Dies verlangt von den MOs ein hohes Maß an Professionalität, Engagement und Bereitschaft, sich diesem, für viele Vereine ganz neuen Thema zu widmen. Andererseits bedarf es der Motivation und Aufwertung der MOs zu gleichwertigen Partnern seitens der (lokalen) Politik, Verwaltung und anderen gesellschaftlichen Akteur*innen.

Aus diesem Grund setzt der BVRE e. V. in allen seinen Projekten auf die Professionalisierung der teilnehmenden MOs. Die Multiplikator*innen aus den Mitgliedsorganisationen des BVRE e. V., aber auch aus externen Vereinen und Verbänden, werden bei der Etablierung der politischen Bildungs­angebote geschult, motiviert und unterstützt. Hierzu gehört auch die Erstellung eines auf jede einzelne Organisation zugeschnittenen Konzeptes der politischen Bildungsarbeit, das die lokale Spezifik und die Bedarfe der Zielgruppe berücksichtigt.

Dieser Aufgabe ist auch das Projekt „Ausbau der politischen Bildungsträgerschaft in russischsprachigen Migrantenorganisationen“ (2019–2022, Förderer: Bundeszentrale für politische Bildung) gewidmet. Dieses im Rahmen der bpb-Ausschreibung „Diversifizierung der Trägerstrukturen“ agierende Projekt informiert die MOs über die Möglichkeiten, ihre politische Bildungsarbeit auf professioneller Basis zu gestalten, und unterstützt sie im Bestreben, die Anerkennung als Träger der politischen Bildung zu erhalten.

www.bvre.de

Zitation:
Sargelis, Jurij (2021). Politische Bildung zur gesellschaftlichen und politischen Teilhabe, in: Journal für politische Bildung 2/2021, 58-59, DOI https://doi.org/10.46499/1670.1959.

Der Autor

Jurij Sargelis, Projektleiter und stellvertretender Geschäftsführer des BVRE e. V.

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