Politische Bildung – (k)eine Frage des Alters

Lange war die Zielgruppe Kinder im Grundschulalter im Feld der non-formalen politischen Bildung unbeachtet. Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis zeigen aber, dass es möglich ist, Angebote der politischen Bildung mit und für Kinder umzusetzen. Das Modellprojekt „Demokratie-Profis in Ausbildung! Politische Bildung mit Kindern“ widmet sich der Entwicklung solcher Formate sowie der Weiterqualifizierung von politischen Bildner*innen zum Thema. Das Projekt knüpft dabei auch an erhobene Praxiserfahrungen und Bedarfe an.

In den letzten Jahren haben unterschiedliche Publikationen, zuletzt auch der 16. Kinder- und Jugendbericht, darauf hingewiesen, dass Kinder im Grundschulalter eine wenig berücksichtigte Zielgruppe der non-formalen politischen Bildung sind (vgl. BMFSFJ 2020a: 200; 340). Diese Leerstelle steht im Kontrast zum Auftrag, den die Träger der non-formalen außerschulischen politischen Jugendbildung durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz haben, das explizit die Förderung „aller junger Menschen“ festlegt (BMFSFJ 2020b: 79).

Bis heute wird jedoch in Frage gestellt, dass Kinder im Grundschulalter fähig sind, sich mit gesellschaftspolitischen Themen zu befassen. Ein Blick in wissenschaftliche Studien widerlegt diese Zweifel. Kinder sind zwar nicht in der Lage politische Systeme und Themen des Politischen in ihrer vollen Komplexität zu erfassen, aber sie haben ein auf Alltagserfahrungen basierendes „(Vor)verständnis“ zu politischen Themen, an das sich anknüpfen lässt (Abendschön/Vollmar 2007: 221). Ein frühes Erleben von Beteiligungsmöglichkeiten, von Selbstwirksamkeit und von politischer Bildung steht außerdem im Zusammenhang mit der Entwicklung von Resilienz und dem gesellschaftlichen Engagement im Erwachsenenalter (vgl. Deutsches Kinderhilfswerk 2007; Lutz 2016).


Kinder haben ein Vorverständnis politischer Themen



Angebote für Kinder, die sich explizit als politische Bildung verstehen, sind selten. In den Angeboten der Kinderrechtsbildung und in vielen Beteiligungsformaten lassen sich Schnittmengen mit politischer Bildung finden. Andere Themen der politischen Bildung wie bspw. Klimaschutz, soziale Ungleichheit oder Migration sind bei Angeboten für Kinder jedoch kaum vorhanden. Auch ist nicht jede Auseinandersetzung mit Kinderrechten oder jedes Partizipationsangebot automatisch auch politische Bildung, wobei die Übergänge hier gewiss fließend sind. Formate der politischen Bildung zeichnen sich dadurch aus, dass sie neben der Wissensvermittlung über ein Thema auch dessen alltagsweltliche Relevanz für die teilnehmenden Kinder erfahrbar machen. Dar­über hinaus muss es auch Ziel sein, die gesellschaftspolitische Bedeutung eines Themas mit den Kindern so zu reflektieren, dass ein Bezug zur Lebenswelt der Kinder hergestellt wird. Bei der Konzeption von Angeboten für Grundschulkinder lässt sich hier aus Erfahrungen in der frühkindlichen Bildung und der dort erprobten Praxis, wie bspw. der „Kinderstube der Demokratie“, lernen (vgl. Hansen/Knauer/Sturzenhecker 2015).

Politische Bildung mit Kindern: Praxis erproben, Fachkräfte qualifizieren
Motiviert durch die beschriebene Ausgangslage erprobt der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V. (AdB) in dem auf fünf Jahre angelegten Modellprojekt „Demokratie-Profis in Ausbildung! Politische Bildung mit Kindern“, wie Angebote der politischen Bildung für und mit Kindern konkret aussehen können. Das Projekt wird durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ und die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) gefördert. Im Rahmen des Projekts sollen Antworten auf die Frage gefunden werden, welche Formate, Angebote und Methoden in welchen Sozialräumen und unter Beteiligung welcher Kooperationspartner*innen am besten geeignet sind, um gelungene Angebote der non-formalen politischen Bildung für Kinder umzusetzen. Dabei stehen folgende Aspekte im Mittelpunkt:

  • Erstens werden Formate der politischen Bildung mit Kindern im Grundschulalter entwickelt und erprobt. Diese orientieren sich an den jeweiligen Bedarfen vor Ort und den bestehenden Praxiserfahrungen. Diese Erprobun­gen erfolgen in Kooperation mit sieben bundesweit ausgewählten Pilotstandorten, die jeweils Mitglieder im AdB sind. Detaillierte Beschreibungen der einzelnen Pilotstandorte sind auf der Projektwebseite unter: https://demokratie-profis.adb.de/pilotstandorte zu finden.
  • Zweitens zielt das Projekt auf die Erweiterung der Kompetenzen von Bildungspraktiker*innen in der formalen und non-formalen politischen Bildung zum Thema politische Bildung mit Kindern im Grundschul­alter ab. Dies geschieht durch Fortbildungsangebote für Bildungspraktiker*innen zu erfragten Bedarfen (bspw. rassismuskritische Bildung mit Kindern). Neben inhaltlichen Angeboten werden auch praxisorientierte Fort­bildungen angeboten, die sich Methoden und Rahmen­bedingungen für die Arbeit mit Kindern widmen.
  • Drittens fokussiert das Projekt auf die fachliche Weiterentwicklung im Feld der politischen Bildung und eine Erweiterung der Zielgruppen politischer Bildungsarbeit. Die Pilotstandorte werden durch eine wissenschaftliche Begleitung evaluiert, die untersuchen soll, welche realisierten Angebote und Methoden von den Fachkräften, Kooperations­partner*innen und von den teilnehmenden Kindern als gelungen bewertet werden. Erste Ergebnisse können voraussichtlich ab 2023 diskutiert werden. Darüber hinaus begleitet ein fachlicher Beirat das Projekt mit einer multi-professionellen Expertise. Zusammen mit weiteren Bausteinen wie Publikationen und Vernetzung will das Projekt zur nachhaltigen Verankerung der Zielgruppe Kinder im Grundschulalter in der außerschulischen non-formalen Bildung beitragen.

Bedarfe und Erfahrungen aus der Praxis der politischen Bildung mit Kindern
Seit Oktober 2020 erproben die Pilotstandorte im Projekt Formate der politischen Bildung mit Kindern. Diese konnten jedoch aufgrund der Pandemie bisher nur vereinzelt stattfinden. Daher liegen noch keine Erfahrungen aus den Erprobungen vor, die sich auswerten lassen. Erste Einblicke und Ansatzpunkte gibt aber auch die im vergangenen Jahr umgesetzte Bedarfserhebung des Projekts (vgl. AdB 2021). Diese zielte darauf ab, mithilfe von Leitfadeninterviews mit politischen Bildner*innen in AdB-Mitgliedseinrichtungen einen Überblick über Formate, Themen, Methoden und Erfahrungen der politischen Bildung mit Kindern zu gewinnen. Zwar sind die Ergebnisse weder verallgemeinerbar noch repräsentativ, aber es lassen sich dennoch Aussagen über bisherige Praxiserfahrungen und Bedarfe treffen.

In den bisher durchgeführten Angeboten zeigt sich eine Vielfalt an Themen, Methoden und Formaten für Kinder. Fast alle Themenfelder der politischen Bildung sind hier vertreten, was darauf hindeutet, dass es auch in der Arbeit mit Kindern beim Themenspektrum keine Einschränkungen gibt. Betrachtet man die Formate, lässt sich eine Tendenz zu Angeboten erkennen, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken. Auch aufsuchende Formate wurden oft benannt, während Angebote der politischen Bildung mit Übernachtung für Kinder im Grundschulalter seltener durchgeführt werden.

Die Gesprächspartner*innen schildern, dass ihrer Erfahrung nach die Heterogenität der Zielgruppe Kinder in Bezug auf Kompetenzen (bspw. Lesen und Schreiben) höher ist als bei Jugendlichen. Auch die Konzentrationsspannen von Kindern weisen eine höhere Varianz auf und sind kürzer. Bei der Umsetzung bedeutet dies für die Bildner*innen, jederzeit eine hohe Flexibilität zu wahren und spontan Anpassungen vorzunehmen. In der Vorbereitung auf unterschiedliche Kompetenzprofile müssen daher im Vorfeld und bei der Realisierung mehr zeitliche und personelle Ressourcen aufgebracht werden. Daran anknüpfend betonen die politischen Bildner*innen, dass es für eine gelungene Umsetzung notwendig ist, bei den Vorerfahrungen und Fragen der Kinder und ihrer Lebens- und Alltagswelt anzusetzen, um Themen zu bearbeiten. Auch sollten Partizipationsmöglichkeiten u. a. bei Themenwahl und Gestaltung von Angeboten eröffnet werden. Ihren Erfahrungen nach sind die Grundsätze der Subjekt- und Lebensweltorientierung sowie die Handlungsorientierung in der Arbeit mit Kindern besonders wichtig für eine gelungene Umsetzung.


Angebote für Kinder zeichnen sich durch eine Vielzahl an Themen aus



Die befragten politischen Bildner*innen schätzten den Bedarf an Weiterbildung für die Arbeit mit Kindern als hoch ein. Beklagt wurde außerdem, dass es an geeigneten Materialien und Methoden für Kinder im Grundschulalter mangelt. Diese Einschätzungen verweisen beide darauf, dass Kinder als Zielgruppe in der non-formalen politischen Bildung noch nicht etabliert und nachhaltig im Feld verankert sind. Darüber hinaus kam bei der Frage nach Herausforderungen und Bedarfen auch zur Sprache, dass fehlende passgenaue Fördermöglichkeiten der Arbeit mit der Zielgruppe Kinder häufig im Weg stehen. Zumeist gibt es keine explizite Förderung für Angebote der politischen Bildung mit Kindern; gibt es sie doch, ist in der Ausgestaltung zumeist nicht bedacht, dass Vorbereitung und Umsetzung zeit- und personalintensiver sind als mit anderen Zielgruppen.

Auch der Zugang zur Zielgruppe wird von den Gesprächs­partner*innen als nicht immer einfach beschrieben. Dieser gelingt überwiegend über die Zusammenarbeit mit Kooperationspartner*innen. Insbesondere in der Kooperation mit Schulen wird als herausfordernd wahrgenommen, dass Themen und Anliegen der außerschulischen Träger manches Mal auf wenig Interesse treffen. Hier bietet der geplante Ausbau des Ganztagsangebots in der Grundschule eine Chance, die Zusammenarbeit im Kontext von Angeboten der politischen Bildung zu verbessern und zu verstetigen.

Die benannten Erfahrungen, Bedarfe und Herausforderungen mit der Zielgruppe Kinder im Rahmen von Angeboten der politischen Bildung sind vielversprechend und erweiterungsfähig. Das Projekt „Demokratie-Profis in Ausbildung!“ will mit seinen unterschiedlichen Bausteinen möglichst viele Themen und Bedarfe aufgreifen, um eine erfolgreiche Praxis mit Kindern (weiter) zu entwickeln und im Feld der politischen Bildung zu etablieren. Wir hoffen, dass dies im Lauf des Jahres 2021 auch wieder in Präsenzveranstaltungen möglich sein wird, so dass wir zeitnah aus aktuellen Erprobungen berichten können.

Literatur
Abendschön, Simone/Vollmar, Meike (2007): Kinder, Politik und die Zukunft der Demokratie: Können Kinder „Demokratie leben lernen“? In: Deth, Jan W. van/Abendschön, Simone/Rathke, Julia/Vollmar, Meike: Kinder und Politik. Politische Einstellungen von jungen Kindern im ersten Grundschuljahr. Wiesbaden, S. 205–223.

Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (2021): Wo wir stehen: Politische Bildung mit Kindern im AdB. Berlin (im Erscheinen), dann zu finden unter: https://demokratie-profis.adb.de/publikationen

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2020a): 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Berlin.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2020b): Kinder- und Jugendhilfe. Achtes Buch Sozialgesetzbuch. Berlin. Download: https://tinyurl.com/yppewuvu

Deutsches Kinderhilfswerk e. V. (2007): Vita gesellschaftlichen Engagements. Eine Studie zum Zusammenhang zwischen früher Beteiligung und dem Engagement bis ins Erwachsenenalter. Berlin. Download: https://tinyurl.com/hpf6m3tv

Hansen, Rüdiger/Knauer, Raingard/Sturzenhecker, Benedikt (2015): Partizipation in Kindertageseinrichtungen. So gelingt Demokratiebildung mit Kindern! Weimar.

Lutz, Ronald (2016): Zusammenhänge von Partizipation und Resilienz. In: Knauer, Raingard/Sturzenhecker, Benedikt (Hg.): Demokratische Partizipation von Kindern. Weinheim/Basel, S. 90–105.



Zitation:
Arbter, Rebecca (2021). Politische Bildung – (k)eine Frage des Alters. Das Modellprojekt „Demokratie-Profis in Ausbildung! Politische Bildung mit Kindern“, in: Journal für politische Bildung 3/2021, 44-47, DOI https://doi.org/10.46499/1671.2098.

Die Autorin

Rebecca Arbter hat Soziologie, Politikwissenschaft und Soziokulturelle Studien in Hamburg, Amsterdam und Frankfurt (Oder) studiert. Aktuell leitet sie das Projekt „Demokratie-Profis in Ausbildung! Politische Bildung mit Kindern“ beim Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V.

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