„Neuvermessung“ von Jugend

Andreas Heinen/Christine Wiezorek/Helmut Willems (Hg.): Entgrenzung der Jugend und Verjugendlichung der Gesellschaft, Weinheim/Basel (Beltz Juventa) 2020, 251 S., 39,95 €


In dem Sammelband geht es neunzehn Autoren*innen in vier Kapiteln um eine „Neuvermessung“ von Jugend bzw. der Jugendphase heute und von jugendtheoretischen Vergegenwärtigungen in Zeiten der sich ausdifferenzierenden Moderne aus sozial- und erziehungswissenschaftlicher Perspektive. Er geht zurück auf eine Jahrestagung der Sektion „Jugendsoziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) Ende des Jahres 2017 und fragt im Kern, „was soziologisch und erziehungswissenschaftlich als Jugend gedacht wird bzw. gedacht werden kann“ (7).

Die ersten fünf Beiträge widmen sich jugendtheoretischen Konzeptionen. So beschäftigt sich Matthias Grundmann mit „Doing Youth“ damit, wie sich Jugend mit „Möglichkeiten der Selbst- und Weltgestaltung“ (25) in einem Herstellungsprozess selbst und als soziale Praxis formiert. Albert Düggeli thematisiert die vielschichtigen Einflussfaktoren auf die jugendliche Entwicklung und die „Dynamiken der Innerlichkeit“; und Vera King sieht Jugend als Generationenverhältnisse, die mit adoleszenten Herausforderungen, Dynamiken der Generationenabfolge, vielschichtigen Übergängen und Phasen verbunden sind. Ulrich Bauer fragt, was die Jugendphase signifikant macht und welche Merkmale sie von anderen Perioden des Lebenslaufes abgrenzbar macht. Hier identifiziert er Habitusgenese, Autonomiebestreben und Mentalisierung. Schließlich thematisiert Christine Wiezorek die Relevanz von historisch sich herausbildenden juristischen Altersnormierungen und Jugend als Prozess von Verselbständigung, der „gesellschaftlichen Anerkennung von Mündigkeit“ (81).

Die exemplarischen empirischen Befunde zur „Neuvermessung“ diagnostizieren in fünf Beiträgen eine „spätmoderne Jugend“ (Jutta Ecarius), die mit der Optimierung des situativen Selbst befasst ist, weil „Selbst­optimierung und Selbstvermarktung bei flexibler Anpassung dominieren“ (98). Für Anja Schierbaum ist Jugend ein biographisches Projekt – so an einem Fallbeispiel dargestellt – der Ausbalancierung eines eigenen Lebensentwurfes. Eine weitere Studie von Alexandra Retkowski und Clara Waskönig blickt auf Studierende der Sozialen Arbeit als Phase postadoleszenter sexueller Sozialisation und „die Studienphase als eigenständiger sexueller Sozialisationsraum“ (138). Folke Brodersen nimmt den Zusammenhang von Diversitätsforschung und Jugendforschung mit Bezug auf das Coming-out von lesbischen und schwulen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Blick. In einer empirischen Studie wird die Bedeutung des „Erlebens von Sichtbarkeit“ (147), Coming-out als Gestaltung und Statuspassage deutlich. Boris Zizek präsentiert ausgewählte Fallstudien und thematisiert die Adoleszenzforschung in international vergleichender Perspektive. Mit der „Figur der Bewährung“ (159) wird deutlich, dass es national unterschiedliche wie auch gemeinsame Muster bzw. allgemeine Tendenzen gibt.

Die beiden Beiträge im dritten Teil blicken auf Potenziale und Herausforderungen in der Jugendkulturforschung. Paul Eisewicht und Julia Wustmann fragen nach den Herausforderungen und konzeptionellen Problemen bei der Erforschung jugendlicher Gesellungsgebilde. Sie skizzieren die Geschichte und Vielzahl jugendlicher Gesellungsformen und plädieren vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Transformationsprozesse und der Entgrenzung der Jugendzeit dafür, „stärker individuelle Motive und Handlungsweisen“ (193) in kulturellen Erlebniswelten in den Blick zu nehmen. Tim Böder und Nicole Pfaff sehen ästhetische Praktiken – sozialhistorisch verankert und ausgehend von Karl Mannheims Generationenkonzept – als Bestandteil generationaler Lagerung; Szenen werden als Erfahrungsräume verstanden. Sie dokumentieren am Beispiel von ausgewählten Zines – Oi-Skin, Hip-Hop und Antifa – „szenespezifische Positionierungen“ (204) und ästhetische Ausdrucksformen sowie die Vermittlungen von „Ästhetischem und Politischem“ (210) mit Blick auf die Auseinandersetzung mit Rassismus.

Im letzten Kapitel zu „Jugendpolitik und Jugendregimes“ gehen die beiden Beiträge auf die gesellschaftlichen Bedingungen in der „Neuvermessung“ von Jugend am Beispiel von Österreich und Luxemburg ein. Alban Knecht und Roland Atzmüller blicken in Österreich auf die Berufsausbildung und zeigen für diesen Bereich beispielhaft, wie „individuelle und milieubedingte Defizite“ (217) von Jugendlichen in den Blick geraten und arbeitsmarktpolitische Gesichtspunkte die Jugendpolitik dominieren. Deutlich wird, wie die Bereiche Beschäftigungsförderung benachteiligter Jugendlicher und Jugendarbeit – vor allem in Form von Jugendberatung/-coaching – zusammengeführt werden. Die historische Skizze zur Jugendpolitik in Luxemburg zeigt für Andreas Heinen und Helmut Willems den Wandel der Agenda seit 1996 in vier Entwicklungslinien: Von der „Jugendfreizeit-Politik“ (239), über die Förderung von Kompetenzen in non-formalen und formalen Bildungskontexten, schließlich die Unterstützung von Jugendlichen beim Übergang in den Arbeitsmarkt bis aktuell hin zu erweiterten Zielgruppen – Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 29 Jahre.

Der Sammelband gibt gehaltvolle Einblicke in die disziplinären Suchprozesse, die heutige Jugend theoretisch und gesellschaftlich zu „vermessen“ und zu verstehen. Anhand ausgewählter Studien wird gezeigt, wie empirische Zugänge aussehen können und zu welchen Ergebnissen sie kommen. Die Beiträge sind durchweg eine Einladung für Studium und Praxis; sie vergegenwärtigen den zu klärenden Zusammenhang – in welcher Gesellschaft leben wir und mit welcher Jugend bzw. welchen Jugenden haben wir es zu tun.

Zitation:
Hafeneger, Benno (2021). „Neuvermessung“ von Jugend. Rezension zu: Andreas Heinen/Christine Wiezorek/Helmut Willems (Hg.): Entgrenzung der Jugend und Verjugendlichung der Gesellschaft, in: Journal für politische Bildung 1/2021, 62-63, DOI https://doi.org/10.46499/1669.1813.

Der Autor

Prof. em. Dr. Benno Hafeneger lehrte und forscht an der Philipps-Universität Marburg zu „Jugend und außerschulischer Jugendbildung und ist Mitglied der JOURNAL-Redaktion.

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