Jugendorganisationen vom Kaiserreich bis zur Gegenwart

Jakob Benecke: Außerschulische Jugendorganisationen. Eine sozialisations­theoretische und bildungshistorische Analyse. Weinheim/Basel (Beltz) 2020, 636 S., 58,00 €



Historische Jugendstudien sind nicht selten. Man hat es meist mit interessanten Beobachtungen, insbesondere im Hinblick auf kulturelle und politische Öffnungsprozesse, Konfliktkonstellationen und Widerständigkeiten in der jeweiligen Zeitperiode, zu tun. Die über 600 Seiten starke Studie von Jakob Benecke umfasst die Zeit vom Kaiserreich bis zur jüngeren Gegenwart und verspricht einen neuen Gesamtüberblick zu bieten. Sie will als Geschichte von Jugendorganisationen und deren Sozialisationsvermögen gelesen werden. Der Titel aber wirkt auf den ersten Blick etwas befremdend: Warum „außerschulische Jugendorganisationen“? Dass Jugendorganisationen außerhalb der Schule ihren Ort haben, ist eine Selbstverständlichkeit. Die Kennzeichnung „außerschulisch“ dient in der Regel zur Abgrenzung von Bildungsaktivitäten von Jugendarbeit und Jugendbildung vom pädagogischen Feld der Schule. Auch die Verwendung des Organisationsbegriffs scheint erklärungsbedürftig, geht es doch bei der Geschichte der Jugend auch oft um nichtorganisierte Jugendliche, um Szenen und nur flüchtige organisationelle Zusammenhänge. Für Organisationen von Jugendlichen wird normalerweise der Oberbegriff Jugendverbände benutzt. Dass Benecke aber den Organisationsbegriff in den Mittelpunkt stellt, mag auch damit zusammenhängen, dass er die Phasen der nationalsozialistischen und kommunistischen Jugendpolitik im „Dritten Reich“ bzw. der DDR stark berücksichtigt und es sich hier um straffer geführte und stärker außengeleitete Modelle und Konstrukte jugendlicher Vernetzung handelt.

Die Studie ist in drei Hauptteile gegliedert. Zunächst finden wir einen systematischen Teil mit fünf Kapiteln, dann die eigentliche chronologische Darstellung mit acht Kapiteln, davon sechs, die die 150-jährige Geschichte näher beschreiben und analysieren, und schließlich das Literaturverzeichnis.

Die Arbeit verortet sich als historische Sozialisationsforschung, das Verständnis von Sozialisation wird allerdings nur kurz gestreift, ein Bildungsbegriff nicht weiter erörtert. Andererseits wird auf die geschichtswissenschaftliche Konstruktion der longue durée von Fernand Braudel verwiesen, die helfen soll, verschiedene Strukturen im Einzelnen und überdauernde Beziehungsmuster aufzufinden.

Der Hauptteil der Darstellung besteht in der Auseinandersetzung mit einschlägigen erziehungswissenschaftlichen und historio­grafischen Untersuchungen zur Jugend in verschiedenen historischen Phasen. Die fast ausschließlich auf jüngerer Sekundärliteratur fußenden Darlegungen verzichten weitgehend auf Quellen, auch auf die Durchsicht einschlägiger praxisorientierter oder zeitnah über die Jugend selbst Auskunft gebender Zeitschriften. Auch auf eine Empirie im Sinne von zahlenmäßiger Entwicklung und anderer quantitativer und qualitativer Sozialforschung zur Jugend (schließlich gibt es seit den 1950er Jahren regelmäßige einschlägige Erhebungen, Befragungen und Evaluationen) wird kaum Bezug genommen, wenn man von gelegentlichen Einstreuungen der Mitgliederzahlen von Jugendverbänden absieht.

Die abgehandelten Zeitabschnitte sind: Das Kaiserreich mit dem Wandervogel und dem Aufkommen der Arbeiterjugend­bewegung sowie dem Beginn der jüdischen Jugendbewegung; die Weimarer Republik und da besonders die bündische Jugend, konfessionelle Jugendverbände und Jugendorganisationen der Parteien; der Nationalsozialismus, bei dem vor allem die Hitlerjugend im Mittelpunkt steht; die Jugendverbände der Bundesrepublik; die FDJ und die Nischen oppositioneller Jugend in der DDR. Den Abschluss bildet ein Ausblick in die jüngere Gegenwart. Vollständigkeit gibt es nicht, das wäre aber auch sicherlich eine Überforderung. Deshalb hätte die jeweilige Auswahl deutlicher begründet werden können. Die Phase der Bundesrepublik 1945 bis 1990 ist die mit dem geringsten Umfang, was einigermaßen erstaunlich ist, finden wir doch in dieser Periode nachhaltige Impulse von sozialen Bewegungen, jugendkulturellen Umbrüchen, Jugendprotesten und Jugendverbänden mit vielen Auswirkungen auf die politische Kultur und eine Ausweitung pädagogischer Selbstaufträge. Ein Eingehen auf die Entwicklungen in der politischen Jugendbildung wäre an dieser Stelle erwartbar und interessant gewesen. Jugendbildung spielt hier aber nur eine sehr bescheidene Rolle, vor allem im Hinblick auf Extremismusbekämpfung.

Die Argumentation insgesamt mäandert zäh vor sich hin. Eine zentrale und damit leitende Fragestellung ist kaum erkennbar, deshalb wird auch kein Argumentationsfaden sichtbar. Ergebnisse der Studie sind auch deshalb nicht leicht zu erschließen, weil der Autor auf Zwischenzusammenfassungen und ein Gesamtfazit verzichtet hat. Das macht es nicht einfach, sich in dem Text zu orientieren und einen Ertrag für sich als Leser*in zu formulieren. Ein Register, das – wie es eigentlich bei historischen Untersuchungen sinnvoll und üblich ist – die schnelle Recherche nach Personen, Orten und wichtigen Sachgesichtspunkten ermöglichen würde, fehlt leider ebenso.

Wir haben es hier mit einer inzwischen typisch gewordenen selbstreferentiellen, das heißt nur auf den wissenschaftlichen Resonanzraum bezogenen Habilitationsschrift zu tun, die offenbar die Praxis als Adressaten völlig ignoriert. Ob das Buch in dieser Form für die Lehre nützlich sein kann, ist ebenfalls mehr als fraglich. Auch, wenn man nicht die praxisorientierte Nutzerperspektive anlegt, sondern die innerwissenschaftliche, ist der Ertrag bescheiden, da in der Regel nur zusammengefasst wird, was andere Kolleg*innen aus den Erziehungswissenschaften und der Geschichtsschreibung (Giesecke, Krafeld, Böhnisch, Dudek, Reulecke, Stambolis u. v. a. m.) schon einmal über Jugendverbände und Jugendszenen geschrieben haben. Aber es wird noch nicht einmal reflektiert, was historische Sozialisationsforschung am Beispiel der Jugendverbände heute noch bedeuten kann und was sich entsprechend als „lange Welle“ weiterhin identifizieren lässt. Da lohnt es sich doch eher in die Originalschriften, die natürlich nur historische Ausschnitte untersuchen, zu schauen; das aber mit einem ordentlichen Ergebnis.

Zitation:
Ciupke, Paul (2021). Jugendorganisationen vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Rezension zu: Jakob Benecke: Außerschulische Jugendorganisationen. Eine sozialisations­theoretische und bildungshistorische Analyse, in: Journal für politische Bildung 1/2021, 63-64, DOI https://doi.org/10.46499/1669.1813.

Der Autor

Dr. Paul Ciupke ist seit Mitte der 1970er Jahre in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung tätig und war viele Jahre Mitglied des Leitungsteams des Bildungswerks der Humanistischen Union NRW.

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