Jugend in Zeiten von Corona

Zahlreiche Diagnoseangebote versuchen zurzeit, die globale Pandemie in gegenwärtige und längerfristige gesellschaftliche Wandlungsprozesse einzubinden. Unter Titeln wie „Jenseits von Corona“, „Die Welt nach Corona“, „Gesellschaft im Krisenmodus“, „Risikopolitik als Dauerzustand“ oder auch „COVID Kids“ wird die Corona-Zeit als epochale historische Zäsur, Umbruchphase und Wendezeit unter Bedingungen von Unsicherheit und Entwicklungsoffenheit markiert. Als „Generation Corona“ wird gar ein komplett neuer „Jugendtypus“ kreiert. Hier ein vorläufiger und bilanzierender Blick – Stand Dezember 2020 – auf Jugend in der Corona-Zeit.

Für eine Diagnose gemeinsamer und prägender Zeiterfahrungen der jungen Generation ist zu konstatieren, dass die unterschiedlichen und noch anhaltenden Phasen der „Zeit von Corona“ seit März 2020 im Lockdown zunächst das öffentliche Leben weitgehend stillgelegt haben, dass Grundrechte außer Kraft gesetzt und die allgemeine Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden. Teil der Maßnahmen ist es, soziale bzw. physische Distanz zu wahren. Mit dem Abebben der Neuinfektionen in den Sommermonaten wurden Einschränkungen gelockert und allmählich aufgehoben, dann im November erneut verschärft.

Bedeutung der Jugendzeit
Mit Blick auf die Einschränkungen in den unterschiedlichen Phasen der Corona-Zeit ist zu vergegenwärtigen, was die lange Jugendzeit sozial und kulturell ausmacht und was es bedeutet, diese einzuschränken und damit Körper und Geist inklusive der jeweiligen sozialen Bedürfnisse in einen Ausnahmezustand zu versetzen. Die Jugendzeit ist mit adoleszenten Dynamiken verbunden, die formell und organisiert in schulischen Zusammenhängen und Beziehungen, aber auch in Freundschaften, Cliquen und im gemeinsamen Lernen und Treffen nach der Schule gelebt werden. Im außerschulischen Jugendleben in der Freizeit sind es die vielen freiwilligen, halb-formellen und informellen Gesellungsformen und Lebenswelten, die Jugend(verbands)-gruppen, die Offene Jugendarbeit, die vielfältigen außerschulischen Bildungsangebote, der Sport- und Bewegungsbetrieb, die politischen und jugendkulturellen Zusammenhänge, in der Fankultur u. a. das Fußballstadion, die Festival-, Musik- und Kinoevents. Sie alle zeigen, welche wesentliche Bedeutung unmittelbare soziale Interaktionen für die (jugendliche) Lebensqualität haben.

Jugendliche brauchen Gleichaltrige
Die lange und differenzierte Jugendzeit ist eine besondere Entwicklungs- und Übergangsphase, in der die junge Generation ihre adoleszente Dynamik und affektiven Bindungsbedürfnisse auf dem Weg ins Erwachsenenleben und bei der Loslösung vom Elternhaus mit „begegnendem Blick“ (Helmuth Plessner) in ihren sozialen Welten auslebt und ihre Lebensthemen kommunizieren will und muss. Damit die Entwicklungsherausforderungen – letztlich die Herausbildung einer stabilen und zugleich reflexiven Identität – gelingen können, brauchen Jugendliche neben Erwachsenen immer auch Gleichaltrige,

  • mit denen sie zusammen lernen, studieren, organisiert und/oder informell ihren Interessen und kommunikativen Bedürfnissen nachgehen können;
  • mit denen sie ihre Lebensthemen kommunizieren können;
  • mit denen sie in vielfältigen Formen der Kommunikation und Interaktion – u. a. im Spiel, im Sport und der Bewegung mit dem Mix aus Spaß, Toben und Rennen, in der Leistungsmessung und im Wettbewerb zusammen sind;
  • mit ihren Kulturen, ihren Orten und Zeiten – in denen sie sich erproben, anerkennen, selbst bestätigen und realisieren sowie messen und spiegeln können;
  • mit denen sie spüren zugehörig, sozial und kulturell verortet und integriert zu sein;
  • mit denen sie streiten können und lernen, die Jugendzeit gemeinsam sinnvoll (für sich, mit anderen, einer Sache) zu verbringen.


Körperkommunikation und -erleben sind verbunden mit physischer Nähe und Formen des körperlichen Kontakts. Die intime Verbundenheit und das vertraute Unter-sich- und Zusammensein ist von großer Bedeutung. In den unterschiedlichen jugendlichen Lebenswelten wird etwas unternommen und experimentiert, man lebt Rituale, zeigt seine Körperlichkeit, misst Kräfte und testet Grenzen (verbunden mit Spannungssteigerungen und Erregungssuche) aus, sucht und lebt erotisch-sexuelle Beziehungen aus. Wenn das Jugendleben in seiner Entwicklung von Sozialität und Identität gelingen soll, dann muss die Jugendzeit mit all ihren Ambivalenzen und Suchprozessen gelebt werden können.

Eingeschränkte Jugendzeit
Nun war solch eine Jugendzeit mit ihren Möglichkeiten und Erlebniswelten sowie dem Aktiv-sein-Können über mehrere Wochen bzw. Monate reduziert und z. T. komplett ausgesetzt. Das (Aus-)Leben der adoleszenten Dynamiken und die Routinen des Alltags waren (über politisch regulierte Vorgaben) im Frühjahr und Sommer 2020 vorübergehend unterbrochen und öffneten sich dann – bei weiter­bestehenden Begrenzungen – mit den Lockerungen sukzessive wieder; um im Dezember erneut wieder eingeschränkt zu werden. Der 16. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2020) kommt zu dem Ergebnis, dass im ersten Lockdown die Kinder und Jugendlichen „beinahe ausschließlich auf den Betreuungsfaktor oder die Rolle als Schülerinnen und Schüler reduziert wurden. Darüberhinausgehende Bedürfnisse, Selbstbildungsprozesse oder non-formale Strukturen spielten eine völlig untergeordnete Rolle. Gleichzeitig wurden [dann vor allem in der Zeit der Lockerung] zahlreiche Jugendliche und junge Erwachsene als Regelbrecher vorgestellt, die auf Kosten der älteren Generation oder gefährdeter Bevölkerungsgruppen rücksichtslose ‚Corona-Partys‘ feiern würden“ (522).


Die Jugendzeit muss gelebt werden können



Ab Juli wurde verstärkt die Unsicherheit über die eigene Zukunft und die zukünftige wirtschaftliche Belastung als Folge der Pandemie thematisiert, – auch angesichts der wieder aufgeworfenen Sozialen Frage – der schwierig gewordene Berufseinstieg und der Übergang in die Arbeitswelt. Auch viele junge Absolvent*innen aus den Hochschulen und Schulabgänger*innen, die eine Ausbildungsstelle, ein Praktikum oder eine Beschäftigung suchen, sind hart von der Krise betroffen und erleben ein böses Erwachen. Ganze Jahrgänge von Auszubildenden und Studienabgänger*innen drohen auf der Strecke zu bleiben. Galten sie vorher als gesuchte Fachkräfte, waren und sind sie jetzt mit unsicheren Übergängen, durchkreuzten Plänen und enttäuschten Erwartungen, mit Arbeitslosigkeit und hoher Konkurrenz auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, einer ungewissen Arbeitsmarktentwicklung und einer Wirtschaft in der Krise konfrontiert; und der weitere mittel- und langfristige Verlauf der Krise bleibt ungewiss.

Erkenntnisse erster empirischer Studien
Zwischen Juni und Dezember 2020 wurden erste empirische Studien zum Umgang mit Corona und den Folgen für Jugendliche vorgelegt. Die Erfahrungen mit der Corona-Zeit und den Maßnahmen waren und sind unterschiedlich, weil es die Jugend als homogene Gruppe nicht gibt, sondern Jugenden im Plural mit allen ihren altersbezogenen, sozialen und kulturellen Differenzierungen. Dazu zählen insbesondere die unterschiedlichen sozialen Lebens- und Wohnbedingungen, häuslichen und materiellen Ressourcen sowie die Zeitbudgets von Erwachsenen mit mehr oder weniger schützenden Umgebungen und sicheren Beziehungen.

  1. In der JuCo-Studie des universitären Forschungsverbundes „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit“ (Andresen/Lips/Möller u. a. 2020) heißt es mit Blick auf die in vielen Bereichen hohen Zufriedenheitswerte zusammenfassend: „Es zeigt sich aber auch, dass trotz guter sozialer Beziehungen und Kontakte die persönliche Situation von jungen Menschen oftmals mit Einsamkeitsgefühlen, Verunsicherung und Über­forderung einhergeht“ (16).
  2. Nach der im Juli vorgestellten Studie der DAK-Gesundheit (2020) haben in der Phase des ersten Lockdowns die Zeiten für Online-Spiele und Aktivitäten in Social Media zugenommen: Im Vergleich zum Herbst 2019 nahmen die Spielzeiten bei Kindern und Jugendlichen werktags um 75 Prozent zu. Die mit Computerspielen verbrachten Zeiten stiegen von September 2019 bis Mai 2020 werktags von 79 auf 139 Minuten, am Wochenende auf 193 Minuten pro Tag; die Social-Media-Zeiten stiegen von 116 auf 193 Minuten. Als Motive wurden angegeben: Langeweile bekämpfen, soziale Kontakte aufbauen, Stress abbauen und der Realität entfliehen.
  3. Der im Juli vorgelegten „COPSY“-Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) zufolge (Ravens-Sieberer/Otto/Kaman u. a. 2020) fühlten sich mehr als 70 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen durch die Corona-Pandemie psychisch belastet; Stress, Angst und Depressionen haben zugenommen.
  4. Eine in August und November vom Universitätsklinikum Leipzig vorgelegte zweiteilige Studie „Schulerhebung Corona“ (2020) zeigte neben den psycho-sozialen Folgen, dass die Schulschließungen vor allem bei Kindern und Jugendlichen aus sozial schwächeren Schichten zu Verlusten der Lebensqualität geführt haben.
  5. Die Ende Juli erschienene Sinus-Jugendstudie (vgl. Calmbach/Flaig/Edwards u. a. 2020) befasst sich in einem Kapitel auch mit der Corona-Krise und fragte im März und April, wie diese wahrgenommen wird und welchen Einfluss sie für Zukunftsaussichten, politische Interessen und das Gesundheitsverhalten hat. Bei allen Differenzierungen wird generell ein gedämpfter Zukunftsoptimismus diagnostiziert und dass die junge Generation ernster geworden sei. Bedeutsam sei für sie weniger die subjektive Betroffenheit, aber sie nehme die Pandemie ernst und sei in ihrem Verhalten von Solidarität, sozialer und gesundheitlicher Verantwortung geprägt. Zwar „nervten“ sie die Einschränkungen ihrer persönlichen Freiheit und der Freizeitmöglichkeiten, aber gleichzeitig arrangierten sie sich mit den Einschränkungen, stellten der Politik ein gutes Zeugnis aus und vertrauten den Akteuren.
  6. Die Anfang August veröffentlichte Studie des ifo-Institutes (Wößmann/Freundl/Grewenig u. a. 2020) zeigt in ihrer Elternbefragung eine deutlich geringere Lernzeit der Schüler*innen während des Lockdowns: vor Corona waren es pro Tag 7,4 Stunden, in der Corona-Zeit 3,6 Stunden. Gleichzeitig wird auf die stark angestiegenen Zeiten passiver Aktivitäten wie Fernsehkonsum, Computerspiele und Handynutzung (vor Corona 4 Stunden, dann 5,2 Stunden täglich) hingewiesen.
  7. Eine Ende September publizierte PISA-Sonderauswertung (OECD 2020) zeigte, dass deutsche Schulen beim digitalen Lernen immer noch unter dem internationalen Durchschnitt liegen. Nicht einmal die Hälfte der Schüler*innen hatte demnach Zugang zu Online-Lernplattformen. Die Corona-Krise hat die Ungleichheit der Bildungssysteme in Europa und weltweit sowie die Ungleichheit innerhalb des deutschen Bildungssystems mit Blick auf Digitalisierung als Ressource für gleiche Lern- und Erfolgschancen – noch einmal besonders deutlich gemacht.
  8. Die Ende Oktober von der TUI Stiftung vorgestellte „Jugendstudie 2020“ (2020) kommt zu dem Ergebnis, dass 52 Prozent der jungen Deutschen zwischen 16 und 26 Jahren die Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung angemessen finden und unterstützen, 83 Prozent halten sie ein. Sie tun dies vor allem, um die Gesundheit der Mitmenschen und die eigene Gesundheit zu schützen. Für 22 Prozent der männlichen und 15 Prozent der weiblichen Jugendlichen erscheinen die Maßnahmen eher übertrieben. Gleichzeitig bleibt der Klima- und Umweltschutz das zentrale politische Thema der jungen Generation.

Jugendarbeit/-bildung in der Krisenzeit
Für die Jugendarbeit und -bildung hatten und haben die Einschränkungen und Schließungen in den Hochphasen der Pandemie zunächst zur Folge, dass es mit dem ersten Lockdown und dann dem „Lockdown light“ über mehrere Wochen bzw. Monate keine oder nur eng begrenzte persönliche Begegnungen, Gruppenstunden und Möglichkeiten der Zusammenkunft gab. Seminare, Kurse und Tagungen, Exkursionen, internationale Begegnungen und Ferienfreizeiten, erlebnis- und erfahrungsbezogene Angebote mussten abgesagt werden und Einrichtungen der Bildungsarbeit (Jugendbildungsstätten, Akademien, Jugendherbergen), der Offenen Jugendarbeit, Beratung und Hilfe waren geschlossen.

Gleichzeitig entwickelte sich inmitten der Krise eine digitale Welt in der Jugendarbeit/-bildung, eine Online- und E-Learning-Welt. Durch sie wurde – mit kreativer und innovativer Vielfalt, wie viele Formate und Beispiele zeigen – versucht, die Jugendarbeit/-bildung in der Krisenzeit aufrecht zu halten, zu gestalten und zu meistern. Diese ambivalente und mit Unsicherheiten verbundene Herausforderung und dieser Umstieg war für alle Beteiligten mit einem enormen Technologisierungsschub verbunden.

Literatur
Andresen, Sabine/Lips, Anna/Möller, Renate/Rusack, Tanja u. a. (2020): Erfahrungen und Perspektiven von jungen Menschen während der Corona-Maßnahmen. Erste Ergebnisse der bundesweiten Studie JuCo. Hildesheim, https://tinyurl.com/y2fqudom.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2020): 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Berlin, https://tinyurl.com/yybq62qg.

Calmbach, Marc/Flaig, Bodo/Edwards, James u. a. (2020): SINUS-Jugendstudie 2020. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. Bonn, https://tinyurl.com/Sinus-Jugendstudie.

DAK-Gesundheit (2020): Mediensucht 2020 – Gaming und Social Media in Zeiten von Corona. DAK-Längsschnittstudie: Befragung von Kindern, Jugendlichen (12–17 Jahre) und deren Eltern. Hamburg, https://www.dak.de/dak/download/report-2296314.pdf.

OECD (2020): PISA 2018 Results (Volume V): Effective Policies, Successful Schools. Paris, https://tinyurl.com/y2h7atxn.

Ravens-Sieberer, Ulrike/Otto, Christiane/Kaman, Anne u. a. (2020): Psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen während der COVID-19-Pandemie – Ergebnisse der COPSY-Studie. In: Deutsches Ärzteblatt, H. 48, S. 828–829, https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=216647.

TUI Stiftung (2020): Junges Deutschland in Zeiten von Corona mit Einordnung im europäischen Vergleich. Hannover, https://tinyurl.com/y58ozb3j.

Universitätsklinikum Leipzig (2020): Schulerhebung Corona, https://tinyurl.com/yyjrth25.

Wößmann, Ludger/Freundl, Vera/Grewenig, Elisabeth u. a. (2020): Bildung in der Coronakrise: Wie haben die Schulkinder die Zeit der Schulschließungen verbracht, und welche Bildungsmaßnahmen befürworten die Deutschen? In: ifo Schnelldienst, H. 9, S. 25–39, https://tinyurl.com/y6hrbfby.

Alle Internetquellen abgerufen am 15.11.2020.

Zitation:
Hafeneger, Benno (2020). Jugend in Zeiten von Corona, in: Journal für politische Bildung 1/2021, 34-37. DOI: https://doi.org/10.46499/1669.1807

Der Autor

Prof. em. Dr. Benno Hafeneger lehrte und forscht an der Philipps-Universität Marburg zu „Jugend und außerschulischer Jugendbildung“ und ist Mitglied der JOURNAL-Redaktion.

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