Historisch-politische Bildung in ASF-Sommerlagern
Räume von Selbstwirksamkeit und Solidarität
Solidarität entsteht nicht allein im Erinnern, sondern auch dort,
wo Menschen gemeinsam handeln, Verantwortung übernehmen und sich als wirksam erleben. Die Sommerlager der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste verbinden
historisch-politische Bildung mit praktischer Arbeit, internationaler Begegnung und gemeinschaftlicher Erfahrung. Auf diese Weise entstehen Räume von Empowerment, Selbstwirksamkeit und solidarischem Lernen.
Während einige in kleinen Gruppen von verwitterten alten Grabsteinen behutsam Moosschichten und Gras entfernen, das im Lauf der Jahre über den Ort gewachsen ist, machen sich andere Teilnehmende des Sommerlagers daran, die Schriftzeichen auf den Steinen nachzufahren und für eine bessere Lesbarkeit mit leuchtend weißem Rasierschaum zu füllen. Ein Teilnehmer fotografiert das Resultat, eine andere zeichnet mit Bleistift auf Papier eine Karte, die versucht, nachvollziehbar zu machen, an welchem Ort sich welcher Grabstein befindet.
Wir sind auf einem kleinen jüdischen Friedhof im Süden Litauens. Unsere Gruppe besteht aus mehreren Studierenden und Berufstätigen aus Deutschland, einem über 70-Jährigen Teilnehmenden aus Israel, einer jüdischen Frau aus Kanada mit Vorfahren aus dem kleinen Dorf, in dem wir arbeiten, einer hervorragenden Hobby-Köchin aus Belarus, einem jungen Medizinstudenten aus Litauen, einer deutschen Abiturientin, die im nächsten Jahr ihren ASF-Freiwilligendienst antreten wird und einem Historiker, der in Warschau lebt. Am Rand des Geländes lässt sich die Gruppe immer mittags zum Picknick nieder. Nach der Arbeit wird gemeinsam Bier getrunken, lange diskutiert, es werden Geschichten ausgetauscht, im großen See gebadet, gemeinsam gekocht oder Geburtstag gefeiert. Die Fragen, die uns beschäftigen: Wieso ist der Friedhof so verlassen? Wie sah die kleine Dorfgesellschaft vor dem Holocaust aus? Was macht sie heute aus? Wer wird die Fotografien der Grabsteine nutzen und die Transkriptionen, die auf ihrer Grundlage angefertigt werden und die in einer Datenbank online verfügbar sind? Wie ist es für die Teilnehmenden des Sommerlagers aus Deutschland, den USA und Israel, die direkte familiäre Verbindungen in die Region oder sogar zu den kleinen, alten Holzhäuschen am Marktplatz haben, an denen wir jeden Tag auf dem Weg zu unserem Arbeitsort vorbeilaufen?
Wir arbeiten zusammen, schwitzen, lernen voneinander, diskutieren, schweigen, trösten und verarzten uns, sind uns uneins, ob die kleinen Kennenlernspiele in den Mittagspausen angemessen sind oder nicht.
Die hier beschriebene Situation aus dem Juli 2019 in Vištytis, Litauen steht exemplarisch für die Sommerlager der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) als besondere Bildungs- und Begegnungsformate im Kontext der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte. Als Räume der historisch-politischen Bildung anhand der Auseinandersetzung mit konkreten Orten und ihren Geschichten und vor…
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Christina Brinkmann ist Kunstwissenschaftlerin und forscht zu Kunsthandwerk in der NS-Zeit. Sie hat sich viele Jahre bei Aktion Sühnezeichen im Bereich der Sommerlager engagiert und als Teamerin und Teilnehmende prägende Erfahrungen in Sommerlagern in Oświęcim, Ravensbrück, Köln und Vištytis gesammelt.
Sebastian Hennig ist Referent für das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) beim Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg – schlesische Oberlausitz. Er engagiert sich ehrenamtlich bei Aktion Sühnezeichen und hat an Sommerlagern nach Minsk, Vištytis und Brno teilgenommen oder sie geleitet. Dieses Jahr geht es nach Rostock-Lichtenhagen.