Gemeinwesenarbeit als solidarische und empowernde Praxis politischer Bildung
Viele Gemeinwesen in Deutschland stehen durch den Wandel
von ehrenamtlichen und klassischen politischen Strukturen vor der Herausforderung, neue oder alternative Wege zur Aktivierung und Mitwirkung der Bürger*innen zu finden. Mit der Gemeinwesenarbeit kann die Soziale Arbeit einen etablierten Ansatz in die politische Bildung einbringen. Dieser ermöglicht es Menschen, sich vor Ort und alltagsnah zu engagieren.
Politik lebt davon, dass es unterschiedliche Räume gibt, in denen Menschen sich begegnen und ihre Interessen aushandeln. In Gesprächen, Diskussionen und gemeinsamen Prozessen wird entschieden, welche Themen wichtig sind und welche Ziele verfolgt werden sollen. Klassischerweise geschieht das in den repräsentativen politischen Strukturen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene. Doch politische Beteiligung endet nicht bei Wahlen. Bürger*innen können sich auf vielfältige Weise einbringen, zum Beispiel auf Demonstrationen, in Bürger*innenbegehren oder Initiativen. Auf diesen Wegen nehmen sie Einfluss darauf, welche Entscheidungen getroffen werden. Damit solche außerparlamentarischen Prozesse wirksam sind, braucht es jedoch nicht nur ein Wissen über politische Abläufe, sondern auch Gelegenheiten, politisches Handeln praktisch zu erlernen und zu erproben.
Eine solche Erfahrungs- und Praxisdimension eröffnet die Gemeinwesenarbeit als zentraler Ansatz der Sozialen Arbeit. In unterschiedlichen lokalen Kontexten schafft sie Räume, in denen Menschen, insbesondere aus marginalisierten Communities, gemeinsam ihre Interessen artikulieren, Aushandlungsprozesse gestalten und kollektive Handlungsfähigkeit entwickeln können.
Gemeinwesenarbeit fungiert als Ort non-formalen und informellen politischen Lernens, in dem politische Kompetenzen nicht nur vermittelt, sondern sich in konkreten Zusammenhängen angeeignet werden. Zugleich ist sie durch eine solidarische und empowernde Praxis gekennzeichnet: Sozialarbeitende arbeiten gemeinsam mit den Menschen vor Ort daran, Ressourcen sichtbar zu machen, Selbstorganisationsprozesse zu stärken und Handlungsspielräume zu erweitern. Politisches Lernen vollzieht sich hierbei eingebettet in kollektive Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Solidarität und Teilhabe.
Geschichte und Anlass der Gemeinwesenarbeit
Ursprünglich entwickelte sich die Gemeinwesenarbeit in den USA als Reaktion auf die sozialen Zustände der späten Industrialisierung sowie auf die Ausbeutung und Perspektivlosigkeit großer Teile der Bevölkerung. Ziel war es, vor Ort anzusetzen und durch solidarisches und politisches Handeln strukturelle Veränderungen anzustoßen (siehe detailliert Stövesand u. a. 2013). Mit Rückgriff auf die Klassifizierung von Jack Rothman (1970) werden in der Sozialen Arbeit drei Modelle von Gemeinwesenarbeit (community organization) unterschieden:
- Locality Development: Hier…
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Die Autoren
Dr. Tobias Meier ist Diplom-Ingenieur für Stadt- und Regionalplanung, Gemeindesoziologe und Community Organizer und arbeitet als Lecturer an der Hochschule Koblenz. Sein Arbeits- und Forschungsschwerpunkt sind Prozesse lokaler gemeinschaftlicher Teilhabe („community action“).
Marc David Ludwig (M. A.) ist Promovend am Promotionskolleg NRW/Technischen Hochschule Köln, Angewandte Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt „Politisches Handeln von Fachkräften gemeinwesenorientierter Stadtteilarbeit“.