Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter

Demokratische Gesellschaften stehen vor der dauerhaften Herausforderung, Kinder und Jugendliche nicht nur in staatliche und soziale Strukturen zu integrieren bzw. zu „sozialisieren“, sondern auch, ihre Entwicklung als mündige Akteur*innen zu fördern, die ihre Interessen in Politik und Gesellschaft vertreten und diese aktiv mitgestalten können. Oftmals jedoch wird der dauerhafte Bedarf an politischer Bildung – als zentrale Voraussetzung lebendiger, stabiler und dynamischer Demokratien – erst dann thematisiert, wenn demokratische Gesellschaften durch krisenhafte Entwicklungen und Problemlagen verunsichert, herausgefordert oder bedroht werden.

Dies war die Ausgangslage der derzeitigen Bundesregierung, eine Sachverständigenkommission zur beauftragen, den 16. Kinder- und Jugendbericht zum Thema „Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter“ zu verfassen. Er wurde im September 2020 dem Bundesminis­terium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) übergeben und am 11. November 2020 mit der Stellungnahme der Bundesregierung der Öffentlichkeit vorgestellt.

Herausforderungen für die politische Bildung
Der Begriff „Megatrend“ wurde ursprünglich vom Zukunftsforscher John Naisbitt geprägt. Er bezeichnet Trends, die gesellschaftlich grundlegende und langfristige Veränderungen einläuten und deren Veränderungsprozesse mindestens fünf bis zehn Jahre oder sogar länger andauern können. Globalisierung bezeichnet beispielsweise einen solchen Megatrend, gezählt werden dazu aber auch die Öffnung von Güter- und Dienstleistungsmärkten, die Internationalisierung der Produktion oder die weltweite Migration.

Die hieraus erwachsenen Verunsicherungen, Herausforderungen und Bedrohungen zeigt der 16. Kinder- und Jugendbericht auf: Ambivalenzen der Globalisierung, Klimawandel und Naturzerstörung, die Bewältigung der Pandemie, Flucht und Migration, die Ambivalenzen der Digitalisierung oder die Folgen des demografischen Wandels, Aufrüstung und Kriegsgefahr können als gesellschaftliches Aufgabenportfolio für die heutige junge Generation verstanden werden (vgl. BMFSFJ 2020: 85). Sie werden als Folgen sog. „Megatrends“ (Naisbitt 1982) dargestellt und führen zu Phänomenen wie beispielsweise gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und pauschalierenden Ablehnungskonstruktionen, Rechtsextremismus oder Islamismus.

Kinder und Jugendliche werden durch solche Phänomene nicht nur vor neue Herausforderungen gestellt; zusätzlich ist die Demokratie mit Krisen konfrontiert, die auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichem Ausmaß ihre Substanz gefährden können – und die in je besonderer Weise Herausforderungen für die politische Bildung darstellen.

Politische Bildungs- und Lernprozesse
Die Definition politischer Bildung, der sich die Autor*innen des 16. Kinder- und Jugendberichts anschließen, stammt aus der „Charta zur Politischen und Menschenrechtsbildung“ des Europarats 2010, nach der politische Bildung (Education for Democratic Citizenship) „[…] Bildung, Ausbildung, Bewusstseinsbildung, Information, Praktiken und Aktivitäten ist, deren Ziel es ist, Lernende durch die Vermittlung von Wissen, Kompetenzen und Verständnis sowie der Entwicklung ihrer Einstellungen und ihres Verhaltens zu befähigen, ihre demokratischen Rechte und Pflichten in der Gesellschaft wahrzunehmen und zu verteidigen, den Wert von Vielfalt zu schätzen und im demokratischen Leben eine aktive Rolle zu übernehmen, in der Absicht, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu fördern und zu bewahren“ (CM/Rec (2010)7, I: 2).

In Anlehnung an Thomas Meyer (2000) und Werner J. Patzelt (2001) definiert der 16. Kinder- und Jugendbericht Politik als „[…] die Gesamtheit der Aktivitäten und Strukturen, die auf die Herstellung, Durchsetzung und Infragestellung allgemein verbindlicher und öffentlich relevanter Regelungen in und zwischen Gruppierungen von Menschen abzielt“ (BMFSFJ 2020: 108).

Bildung wird verstanden als Selbstkonstitution des Subjekts, die über die praktische Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt erfolgt. In Prozessen produktiver Realitätsverarbeitung erschließt sich das Subjekt die gemeinsame Welt, bettet sie ein in individuelle und kollektiv geteilte Sinnkontexte, erwirbt dabei Wissen und Erfahrungen und entwickelt eine eigene Identität, um von diesem Punkt aus wiederum Fragen an die Welt zu stellen. Formuliert wird im 16. Kinder- und Jugendbericht ein politisches und emanzipatorisches Bildungsverständnis, das Subjekte dazu befähigt, sich selbst, z. B. in Bezug auf Rollenerwartungen, zu befragen, soziale Regeln auszuhandeln, anzuerkennen, aber auch infragezustellen.


Bildung als produktive Verarbeitung der Realität



Politische Bildungs- und Lernprozesse werden dementsprechend nicht ausschließlich als Prozesse der Aneignung und Vermittlung politischer Bildungsinhalte verstanden, vielmehr werden auch die Prozesse politischer Selbstbildung mit in den Blick genommen, und zwar bezogen auf vielfältige und unterschiedliche soziale Räume, in denen „Kinder und Jugendliche Erfahrungen politischer Bildung als emanzipatorische Selbst- und Weltaneignung machen“ (ebd.: 133). Lern- und Bildungserfahrungen werden hiernach selbst als demokratische Interaktions-, Austausch und Aushandlungsprozesse von Wissen, Fähigkeiten und Werten verstanden. Dementsprechend orientieren sich die Prozesse politischer Bildung auch nicht (immer) an vorgegebenen institutionellen oder pädagogischen Strukturen und Orten.

Soziale Räume
Martina Löw prägt in ihren raumsoziologischen Arbeiten ein Konzept, mit dem es möglich ist, die Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen nicht nur als vorgefertigte Container zu beschreiben, sondern beispielsweise auch ihre Veränderbarkeit oder soziale Konstruktion zu berücksichtigten. Räume sind hiernach nicht dasselbe wie Orte; Räume können sich auch überschneiden, darüber hinaus ermöglichen digitale Techniken, dass Jugendliche auch in mehreren Räumen gleichzeitig präsent sein können (vgl. Löw 2017). Dieses Konzept greift der 16. Kinder- und Jugendbericht auf: Mit dem Ziel, „[…] die unterschiedlichen sozialen Räume und deren Bedingungen zur Förderung (oder auch Verhinderung) von politisch urteilsfähigen, mündigen Subjekten und demokratischer Handlungsfähigkeit zu dokumentieren“ (BMFSFJ 2020: 129), werden insgesamt elf soziale Räume ausgewählt: die Familie, die Kindertagesbetreuung, die Schule, die berufliche Bildung, Proteste, soziale Bewegungen und Jugendkulturen, Medien und digitale Welten, Kinder- und Jugendarbeit, parteinahe Jugendbildung, Hochschule, Freiwilligendienste und Bundeswehr.

Für diejenigen Räume, die bislang eher als vernachlässigt gelten, die aber dennoch für Kinder und Jugendliche eine große Bedeutung besitzen, wird im Bericht der Begriff der „unterschätzten Räume“ geprägt (ebd.: 477).

Hiermit orientiert sich der 16. Kinder- und Jugendbericht nicht nur an der in nationalen und internationalen Fachdiskussionen um Bildungsprozesse üblichen Unterscheidung in formale, non-formale und informelle Lern- und Bildungsangebote, -arrangements und -settings (vgl. Rauschenbach 2009), vielmehr liefert er gleichzeitig eine breite und umfassende Übersicht über alle sozialen Räume, innerhalb derer politische Bildung stattfindet.


Orte der Aneignung sichtbar machen



Analytisch werden für alle sozialen Räume zunächst allgemeine Leitfragen zu ihrer Beschreibung beantwortet, z. B. wie die Räume konstituiert werden, wie ihre Grenzen definiert sind, welche Akteur*in­nen sich in einem Raum befinden oder in welchem Maße ein sozialer Raum politisch adressierbar ist.

Darüber hinaus werden zu jedem Raum zahlreiche weitere Fragen gestellt und beantwortet, um möglichst umfassend die Aneignungsprozesse politischer Bildung darzustellen, und zwar sortiert nach drei unterschiedlichen Demokratiedimensionen:

„Die formale Dimension der Demokratie umfasst die Art, wie allgemein verbindliche Regeln aus dem Konflikt verschiedener Interessen durch Partizipation, Repräsentation, den Wettbewerb verschiedener Konzepte und Diskursivität hergestellt, durchgesetzt und infrage gestellt werden.

Die substanzielle Dimension der Demokratie beschreibt den unhintergehbaren Kern und besteht in der Geltung fundamentaler Prinzipien wie Rechtsstaatsprinzip, Gewaltenteilung (Machtbegrenzung), Gleichheitsprinzip, Pluralismus, Menschenrechte und Minderheitenschutz.

Die dritte, die prozesshafte Dimension, bezeichnet die Tatsache, dass Demokratie in ihrer konkreten Erscheinungsform einer historischen Genese unterliegt und immer neu ausgehandelt werden muss“ (BMFSFJ 2020: 110).

Bezieht man diesen Demokratiebegriff nun, wie es der 16. Kinder- und Jugendbericht vornimmt, auf Bildungsprozesse, so ermöglicht die formale Dimension den Blick auf mögliche unterschiedliche theoretische Vorstellungen, die mit dem Begriff der Demokratie verbunden werden, während die prozesshafte Dimension darauf verweist, dass sich die Vorstellungen über Demokratie einerseits und die hieraus resultierenden institutionellen Formen andererseits verändern können.

Es ist ein zentrales Ergebnis des 16. Kinder- und Jugendberichts, die Breite politischer Bildung und die Bedeutung der verschiedenen Orte für ihre Aneignung sichtbar zu machen und die sich daraus ergebende Vielfalt von fachlichen Herausforderungen für die jeweiligen Bereiche aufzuzeigen.

Politische Bildung stärken
Wenn, so die Annahme des 16. Kinder- und Jugendberichts, „politische Bildung und politische Partizipation in einem engen Wechselverhältnis zueinander stehen, also einerseits Beteiligung an politischen Aktivitäten zur politischen Bildung motiviert und andererseits politische Bildung das Repertoire politischen Handelns erweitert, dann müssen in den sozialen Räumen hierfür die Voraussetzungen geschaffen werden“ (ebd.: 42). Die Sachverständigenkommission formuliert zudem u. a. folgende zentrale Erkenntnisse:

Politische Bildung ist mehr als Wissensvermittlung über Institutionen, 
sondern hat viel mit erlebter Praxis zu tun: Der 16. Kinder- und Jugendbericht macht deutlich, dass es einen erheblichen Klärungsbedarf darüber gibt, was unter politischer Bildung in angemessener Weise verstanden werden kann, und versucht, diese Klärungen auch voranzubringen; so kann vieles von dem, was heute als politische Bildung firmiert, bestenfalls als eine Vorform oder als eine wichtige Voraussetzung für politische Bildung betrachtet werden.

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf politische Bildung: 
Der 16. Kinder- und Jugendbericht leitet dieses Recht auf politische Bildung aus ihrem Recht auf Förderung ihrer Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit (§ 1 SGB VIII) sowie aus dem über die UN-Kinderrechte verbrieften Recht auf Bildung ab.

Politische Bildung ist nicht neutral: 
Politische Bildung in einer Demokratie setzt eine klare Orientierung junger Menschen an demokratischen Werten und staatlichen Prinzipien voraus, wie z. B. die Anerkennung der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit, aber auch der Gewaltenteilung und des Minderheitenschutzes.

Politische Bildung ist transnational: 
Die Ambivalenzen der Globalisierung, Klimawandel und Naturzerstörung, die Bewältigung der Pandemie, Flucht und Migration, die Ambivalenzen der Digitalisierung oder die Auswirkungen des demografischen Wandels haben zur Folge, dass die Entwicklung kritischer Urteilskraft und Mündigkeit bei Kindern und Jugendlichen nicht nur eine vornehme Aufgabe ist, sondern zunehmend auch zur Herausforderung wird. Ebenso, wie gesellschaftliche Megatrends nicht an nationalstaatlichen Grenzen halt machen, sollte auch politische Bildung transnational gedacht werden.

Politische Bildung bedarf einer dauerhaften Unterstützung:
Insgesamt macht der 16. Kinder- und Jugendbericht an einer Reihe von Stellen deutlich, dass es erheblicher Anstrengungen fachlicher, institutioneller und förderpolitischer Art bedarf, um politischer Bildung zu dem Stellenwert zu verhelfen, der ihr aus Sicht der Sachverständigenkommission zukommen muss.

Politische Bildung muss nicht nur selbstverständlicher Bestandteil jeder Kinder- und Jugendpolitik werden, sondern bedarf auch der entsprechenden institutionellen Absicherung – einschließlich entsprechend qualifizierter Fach- und Lehrkräfte!

Literatur
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2020): Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Berlin.

Europarat (2010): Europarats-Charta zur Politischen Bildung und Menschenrechtsbildung. Empfehlung CM/Rec (2010)7 des Ministerkomitees des Europarats an die Mitgliedsstaaten (verabschiedet vom Ministerkomitee am 11. Mai anlässlich der 120. Versammlung). Strasbourg.

Löw, Martina (2017): Raumsoziologie. Frankfurt/M.

Meyer, Thomas (2000): Was ist Politik? Opladen.

Naisbitt, John (1982): Megatrends. Ten New Directions Transforming Our Lives. New York.

Patzelt, Werner J. (2001): Einführung in die Politikwissenschaft. Grundriss des Faches und studiumbegleitende Orientierung. Passau.

Rauschenbach, Thomas (2009): Zukunftschance Bildung. Familie, Jugendhilfe und Schule in neuer Allianz. Weinheim u.a.


Zitation
Palentien, Christian (2021). Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Der 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, in: Journal für politische Bildung 3/2021, 10-13, DOI https://doi.org/10.46499/1671.2092.

Der Autor

Prof. Dr. Christian Palentien leitet den Arbeitsbereich „Bildung und Sozialisation“ am Fachbereich „Erziehungs- und Bildungswissenschaften“ der Universität Bremen. Dort ist er im Direktorium des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZFLB) tätig. Er war Vorsitzender der Sach­ver­ständigenkommission des 16. Kinder- und Jugendberichts.

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