Diversifizierung und Teilhabe durch zivilgesellschaftliches Engagement

„Ich habe so viel Mut bekommen und viele krasse Sachen gelernt, die ich so in meinem Alltag nicht lernen könnte. HochDrei hat mir diese Möglichkeit gegeben. Dafür bin ich sehr dankbar.“
Klevisa, 17 Jahre, ehemalige Teilnehmerin

Seit mehr als sieben Jahren gestaltet der Verein HochDrei e. V. – Bilden und Begegnen in Brandenburg Bildungsangebote für Menschen mit Flucht- und Migrationsbiografien. Im Rahmen des Förderprogramms der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zur Modernisierung der politischen Erwachsenenbildung entstand 2019 das Modellprojekt: „Ja, Du! – Diversifizierung und Teilhabe durch zivilgesellschaftliches Engagement“. Es knüpft u. a. an die Erfahrungen aus vorherigen Modellprojekten für geflüchtete Menschen an, die in einer Zeit durchgeführt wurden, als die gesellschaftliche und politische Stimmung noch ein mehrheitliches „Wir schaffen das!“ war – ohne dass jedoch die dafür notwendigen Strukturen geschaffen waren. 

Wir wollen mit den Angeboten Voraussetzungen schaffen, um Menschen zur Partizipation zu ermutigen. Teilnehmende können individuelle Erfahrungen kollektivieren, sie in strukturelle und politische Verhältnisse einordnen und die eigene Erfahrungswelt als Kompetenz verstehen. Ihnen wird ein Raum der kritischen Auseinandersetzung eröffnet, in dem sie nicht nur sich selbst und andere verstehen können, sondern auch zur Selbstermächtigung befähigt und so ermutigt werden, auf bestehende Herrschaftsverhältnisse performativ einzuwirken. Eine gender- sowie diskriminierungssensible Pädagogik versteht HochDrei e. V. als Querschnittsaufgabe.

„Diversifizierung“ als Chance und Herausforderung – konzeptuelle Grundbausteine 
Aus dieser Haltung heraus und aufgrund der Erkenntnisse aus der langjährigen Seminararbeit mit der Zielgruppe wurde das Konzept des Modellprojektes entwickelt. Die Schaffung einer Bil­dungs­refe­rent*innenstelle, die durch das Förderprogramm der bpb ermöglicht wurde, stellt dabei eine großartige Besonderheit dar. Dadurch wird die strukturelle Veränderung der politischen Bildung hin zu mehr Diversität, die von verschiedenen Seiten zu Recht eingefordert wird, nicht nur in der Theorie diskutiert, sondern in die Praxis umgesetzt. Das Konzept stützt sich zudem auf folgende grundlegende Bausteine: 

Peer-to-Peer-Ansatz 
Im Modellprojekt werden Angebote von Teilnehmenden für Teilnehmende ermög­licht. In der praktischen Umsetzung bedeutet das zum einen, dass Teilnehmende selbst Themen einbringen, die für sie relevant sind. Zum anderen werden sie dazu ermutigt und dabei unterstützt, selbst einzelne Seminareinheiten oder ganze Veranstaltungen zu konzipieren und durchzuführen und so zu Multiplikator*innen zu werden. 

Aufsuchender Ansatz 
Um die Teilnahme an politischer Bildung auch Menschen zu ermöglichen, die aufgrund ihrer ökonomischen Situation, ihres Aufenthaltsstatus oder anderer Gründe nicht zu Seminaren in der Bildungsstätte kommen können, verfolgt das Modellprojekt einen lokal aufsuchenden Ansatz. Dadurch wirkt die Bildungsarbeit dort, wo die Menschen, die sie erreichen soll, leben. Diese Herangehensweise wurde durch die aktuelle Pandemie jedoch erschwert. 

Partizipativ und nachhaltig 
Aus den beiden Bausteinen ergibt sich der partizipative und nachhaltige Ansatz. Durch die Mitwirkung der Teilnehmenden an der Planung und Durchführung der Seminare wird Partizipation erprobt und dazu motiviert, diese Erfahrungen in andere Handlungsfelder zu übertragen. So wird die Nachhaltigkeit des Modellprojektes über die Laufzeit hinaus angestrebt. 

So weit, so wichtig! Erste Erkenntnisse 
Die Teilnehmenden selbst nicht zu ‚anderen‘ zu machen, zeigte sich im Modellprojekt als besondere Herausforderung. Denn genau diese gesellschaftliche Othering-Praktik gilt es aufzubrechen. Das Projekt ist gezielt für migrantisierte Menschen konzipiert und spricht sie somit implizit auch als ‚andere‘ an. Durch die freie Ausschreibung und Freiwilligkeit der Teilnahme wird diesem Paradox zumindest teilweise entgegengewirkt (weiterführend: Künstler/Massóchua i. E.). Gleichzeitig sind die Biografien der Teilnehmenden aber spezifische, da sie von ihren Fluchterfahrungen oder denen ihrer Eltern geprägt werden. Politische Bildung muss über eine Weiße, deutsche Perspektive hinausreichen und Erfahrungen aus den Herkunftsländern einbeziehen. Der eigene Erfahrungsschatz wird so als Expertise anerkannt. 

Eine weitere Erkenntnis ist, dass unterschiedliche Erfahrungen oder politische Krisen in den Herkunftsländern zu Konflikten in den Seminaren führen können. Damit Auseinandersetzungen aufgefangen werden können, ist es wichtig, dass die Seminarleitungen einerseits für unterschiedliche Konfliktlinien in den Herkunftsländern sensibilisiert sind und den unterschiedlichen Positionierungen andererseits wertschätzend begegnen. Über die Unterschiede hinweg eint die meisten Teilnehmenden ihr Erleben von der Ankunft und dem Alltag in Deutschland wie bspw. Gemeinschaftsunterkünfte, (institutioneller) Rassismus und prekäre Aufenthaltsbedingungen. Im Austausch mit Menschen, die Ähnliches erleben, werden die eigenen Erfahrungen kollektiviert und strukturelle Bedingungen erkannt.

Eine entscheidende Funktion des Projektes nimmt die Stelle der Bildungsreferentin ein. Zu Beginn des Vorhabens wurde die Stelle mit einer Person besetzt, die selbst eine Fluchtbiografie hat und zudem als Community Gatekeeperin fungierte. Aktuell arbeitet auf dieser Stelle eine Person, die zwar selbst keine Flucht-, dafür aber eine Migrationsbiografie hat, mit der sich die meisten Teilnehmenden ebenfalls identifizieren können. Die Akquise bleibt durch strukturelle Gegebenheiten dennoch aufwendig. Insofern ist das Novum der Stellenförderung innerhalb des Modellprojektes enorm wichtig. Nicht nur weil dadurch auch strukturelle Veränderungen stattfinden, sondern auch weil es so ermöglicht wird, die Teilnehmenden in ihren Gemeinschaftsunterkünften aufzusuchen, mit ihnen in den Austausch zu kommen, und der für die Akquise wichtige konstante Kontakt u. a. zu Sozialarbeiter*innen gepflegt werden kann. 

Ausblick und Auswirkung 
Die Laufzeit des Modellprojektes ist bis 2022 begrenzt – Zeit, aus den gewonnenen Erkenntnissen ein erstes Resümee zu ziehen. Das Projekt hat dazu beigetragen, dass Menschen dazu ermutigt wurden, selbst zu Multiplikator*innen zu werden und so auch eine für sie neue Form der Selbstermächtigung kennenzulernen. Sie bieten nun selbst politische Bildungsseminare an, haben Vereine gegründet oder engagieren sich in bereits bestehenden migrantischen Organisationen. Sie machen die Anfänge des strukturellen Wandels der politischen Bildung sichtbar, denn sie verkörpern Sprechpositionen, die es auch anderen ermöglichen, Erfahrungen abseits der Weißen Dominanzgesellschaft sicht- und hörbar zu machen und so auf Institutionen und Strukturen einzuwirken. 

Durch die umfängliche finanzielle Förderung der bpb ist es möglich, Menschen zu erreichen, die Angebote, die beispielsweise durch Kontingentförderungen finanziert werden, nicht wahrnehmen können. Zudem können Teamende dadurch prozessorientiert arbeiten und mit dem geplanten Programm flexibel umgehen. So bspw. bei einem Seminar, als die Teilnehmenden während der Freizeit einen rassistischen Übergriff erleben mussten. Daraufhin konnte das Programm angepasst und den Teilnehmenden eine Empowermenteinheit angeboten werden, mit der sie das Erlebte verbalisieren, aber auch Strategien für die Zukunft entwickeln konnten. 

Durch die Seminare des Modellprojektes wird eine diverse Gesellschaft positiv erfahrbar, aber es werden auch kritische Ansätze und Perspektiven auf (eigene) Diskriminierungs- und Ausschlusserfahrungen eröffnet. Um diese Gesellschaftskritik in die Praxis umzusetzen, müssen Ressourcen und Zugänge zu gesellschaftlicher Teilhabe für Marginalisierte geschaffen werden.

Literatur 
Künstler, Phries Sophie/Massóchua, Jessica (i. E.): Othering. In: Pädagogisches Vokabular in Bewegung. Stimmen aus der Allgemeinen Erziehungswissenschaft. Weinheim und Basel.

Die Autorin

Jessica Massóchua, Bildungsreferentin im Modellprojekt „Ja, Du! – Diversi­fizierung und zivilgesellschaftliches Engagement“, gefördert von der bpb, massochua@hochdrei.org

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