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Digitale Strategien der extremen Rechten

Sabrina Schenk (Hg.): Populismus und Protest. Demokratische Öffentlichkeiten und Medienbildung in Zeiten von Rechtsextremismus und Digitalisierung. Opladen, Berlin, Toronto (Verlag Barbara Budrich) 2024, 245 S., 60,00 €

In diesem Sammelband, der auf eine AG während des DGfE-Kongresses 2018 zurückgeht, wird in zehn Beiträgen auf einem eher theoretisch-systematischen Niveau und mit umfassenden Literaturbezügen über Demokratie, digitale Transformation, Populismus und Digitalisierung, digitale Öffentlichkeiten und Medienbildung nachgedacht. Es handelt sich um Reflexionen über „Erziehungswissenschaft in Zeiten von Rechtspopulismus und Digitalisierung“ (30), in der analoge und digitale Kontexte zusammenkommen und sich ergänzen.

Die Beiträge umfassen ein großes Themenspektrum, dass vom „Paradox der politischen Repräsentation“ bzw. dem totalitären Anspruch auf die Repräsentation ‚des Volkes‘, über die neurechten Netzwerke und Akteure in Online-Magazinen im universitären Diskursraum bis hin zum Verhältnis von Affektivität und Rationalität, Gefühl und Vernunft in der (politischen) Bildung reicht. Weitere Themen sind die derzeit vielfältigen populistischen und ästhetischen Protestphänomene sowie deren Empörungslogiken, wie z. B. PEGIDA. Ihre Gemeinsamkeit wird als „Gegen-Demokratie“ (45) bezeichnet und in einer Erosion des Systemvertrauens verortet.

Ein Beitrag diskutiert den ambivalenten Begriff der „Empörung“, der sich einerseits auf die Gefühlswelten der „Wutbürger“ und „Querdenker“ sowie die Ablehnung „wissenschaftlich anerkannter Expertise“ (80) bezieht, andererseits aber auch als Bildungsproblem und als Verhältnis von Vernunft und Emotion, emotionaler Involviertheit und Betroffenheit erörtert wird. Die Selbstinszenierung des rechten Populismus als angebliche Widerstandskultur ist immer auch in ihren erklärten Feldern und Themen des Kulturkampfes mit einer Skandalisierung und „Emotionalisierung als rechtspopulistischer Praxis“ (106) verbunden. In Abgrenzung dazu favorisiert Britta Hoffarth in ihrem Beitrag die Bedeutung von Kritik und Streit in der demokratisch-politischen Kultur als Auseinandersetzung, in der „Rationalität und Affekt in der Gesellschaftskritik zusammenspielen“ (119).

Die drei unterschiedlichen digitalen Protestformen – von „Social Bots über Botnetze und DDoS-Aktionen bis hin zu Deep Fakes“ (196) – werden als „programmierter Protest“ (175) in den sozialen Medien bezeichnet. Dabei wird „Protest mit, durch und über digitale Technologien“ (175) organisiert, bei dem sich auch ein „Spiel mit der Technologie beobachten lässt“ (196). In den letzten beiden Beiträgen werden algorithmische Sozialtechnologien mit ihren Wechselwirkungen zwischen sozialer und technischer Welt systemtheoretisch entfaltet und zugleich als Bildungsherausforderungen thematisiert. Es werden unter anderem fünf Trends einer „tiefgreifenden Mediatisierung“ (209) identifiziert: Ausdifferenzierung, Konnektivität, Omnipräsenz, Innovationsdichte und Datafizierung von Kommunikation. Mit Blick auf Medien- und Digitalkompetenz schlägt Harald Gapski in den Prozessen digitaler Transformation „die Übertragung bestehender Konzepte und die Entwicklung neuer Dimensionen“ (214) vor.

Estella Ferraro fragt in einer datafizierten Welt nach dem „Verhältnis zwischen Daten, Agency und Selbst“ (225) bzw. dem Selbst- und Weltverhältnis und was sich daraus aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive für Bildungs- und Subjektivierungsprozesse ergibt. Dabei entwickelt sie u. a. vier Argumente und formuliert weitere Forschungsfragen. Sie thematisiert die bildungstheoretische Relevanz, stellt Fragen nach dem Selbst in der postmodernen Welt, nach der Macht, Freiheit und Emanzipation sowie der Selbstoptimierung. Skizziert werden Ergebnisse einer Studie zum Phänomen der „wilful blindness“, das sich als „gewollte“ oder „vorsätzliche Blindheit“ (231) in vielen Interviews wiederfinden lässt. Gemeint ist damit, wie Subjekte mit ihren Daten umgehen, wie handlungsfähig sie sind und welche Bedeutung sie ihren Daten beimessen.

Es handelt sich um eine theoretisch ambitionierte und analytisch anspruchsvolle Publikation. Sie stellt den Stand der Forschung dar, indem sie Fachliteratur, wissenschaftliche Positionen, Theorieperspektiven und empirische Befunde ebenso wie nationale und internationale Entwicklungen kritisch und abwägend diskutiert. Neben den unterschiedlichen Beiträgen zur digitalen Transformation werden vor allem die rechte Medienwelt, deren Netzwerke und Praktiken – auch markiert als „digitaler Faschismus“ (150) – facettenreich und systematisch analysiert. Diese digitale Medienwelt wirft bildungstheoretische Fragen auf, fordert empirische Forschung heraus und verlangt insbesondere nach neuen, demokratisch-menschenrechtsbasierten medienpädagogischen bzw. -bildenden Konzeptionen.

Die Texte sind durchweg von der analytischen Perspektive geprägt, dass die inneren Bedrohungen und der „Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien eher als ein Symptom (und nicht als Ursache) langfristiger gesellschaftlicher Krisen- und Konfliktkonstellationen einzuordnen“ (124) sind.

Der Rezensent

Benno Hafeneger lehrte und forscht an der Philipps-Universität Marburg zu Jugend und außerschulischer Jugendbildung und ist Mitglied der Journal-Redaktion.