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„Die Werte der politischen Bildung erscheinen mir unhaltbar“

Der Sozialwissenschaftler Ingolfur Blühdorn im Gespräch

Liberale Demokratie, ökologische Vernunft und das Ideal des mündigen Subjekts galten lange als tragende Säulen einer besseren Zukunft. Doch was, wenn genau dieses emanzipatorische Versprechen an seine Grenzen gekommen ist? Der Sozialwissenschaftler Ingolfur Blühdorn spricht im Interview über das Ende vertrauter Gewissheiten, die Erschöpfung progressiver Projekte und die Zumutungen einer „anderen Moderne“, in der Hoffnung und Unhaltbarkeit unauflöslich ineinandergreifen.

Ausgehend von der Herbsttagung der DVPB, auf der Benedikt Widmaier zentrale Thesen aus Ingolfur Blühdorns aktuellem Buch "Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne" (Frankfurt 2024) vorgestellt hat, entwickelte sich eine intensive Debatte. Diese bildete den Anlass für ein vertiefendes Gespräch mit Ingolfur Blühdorn, das Benedikt Widmaier und Alexander Wohnig geführt haben.

Journal: Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Unhaltbarkeit“. Ihre Analyse besagt im Kern, dass das von Ihnen so genannte „ökologisch-emanzipatorische Projekt“ (ÖEP) in der Spätmoderne nicht mehr haltbar sei. Was hat denn dieses nun überholte Projekt ausgezeichnet?

Blühdorn: Die zentrale Diagnose ist, dass in heutigen westlichen Gesellschaften (1) die bisherige Ordnung aber (2) auch das „Reparaturprojekt“, für das progressive soziale Bewegungen seit den 1970er Jahren streiten, nicht mehr haltbar sind.

Wenn ich von der bisherigen Ordnung spreche, meine ich die Institutionen, Werte, Ideale und Selbstverständnisse, die für westliche Gesellschaften bisher kennzeichnend waren; also etwa das wachstumsbasierte Wirtschaftssystem, die liberale Demokratie, die Rechtstaatlichkeit, die soziale Gerechtigkeit und Inklusion, die Idee der offenen Gesellschaft, die weltgesellschaftliche Orientierung etc.

Mit „Reparaturprojekt“ meine ich die Vorstellungen einer verantwortlicheren, demokratischeren, pluralistischeren und vor allem auch ökologischeren Gesellschaft, die sich nach den Jahrzehnten des sogenannten Wirtschaftswunders und vor dem Hintergrund der damals noch neuen Erfahrung ökologischer und sozialer Krisen herausgebildet hatten. Vor allem die sogenannten „neuen sozialen Bewegungen“ und ihre Organisationen – von lokalen Bürgerinitiativen über nationale Verbände und Grüne Parteien bis hin zu Greenpeace oder Amnesty International – waren das politische Subjekt dieses Projekts. Es sollte, wie man heute sagen würde, ein gutes Leben für alle in ökologischen Grenzen ermöglichen.

Genau diese Vorstellung einer besseren Gesellschaft und Welt bezeichne ich als das „öko-emanzipatorische Projekt“. Zu diesem Projekt gehört auch das große Vertrauen in die politische Mündigkeit der Bürger*innen und in ihre Fähigkeit, ihr eigenes Leben, ihre Gemeinschaft sowie auch die Gesamtgesellschaft in verantwortungsvoller Weise selbst zu bestimmen. Ebenso zentral waren der feste Glaube an die zivilgesellschaftliche Organisations- und Gestaltungsfähigkeit, an eine echte, partizipatorische Demokratie und, dass das wahrhaft Vernünftige sich letztlich gegenüber der Unvernunft und den vielfältigen Irrtümern durchsetzen würde.

JOURNAL: Und dieses Projekt ist heute unhaltbar? Was genau meinen Sie damit?

Blühdorn: Wenn ich das ÖEP als „unhaltbar“ bezeichne, ziele ich auf sehr viel mehr als nur die Tatsache, dass die politische Stimmung derzeit in eine andere Richtung geht: In unserer spätmodernen Gegenwart hat das ÖEP gewissermaßen sein Haltbarkeitsdatum überschritten. Viele Annahmen und Glaubenssätze, die ihm zugrunde lagen, sind heute (a) im zeitlichen Sinne überholt, haben sich (b) als faktisch falsch erwiesen und sind auch (c) normativ fragwürdig geworden. Dazu gehört etwa der Glaube an eine übergreifende ökologische Vernunft, an kategorische ökologische Imperative, an den Gleichklang ökologischer und emanzipatorischer Agenden, an die Mündigkeit und Verantwortlichkeit der Bürger*innen oder an die Fähigkeit demokratischer Verfahren und Institutionen, die Komplexität, Vernetztheit und Beschleunigung spätmoderner Gesellschaften zu bewältigen.

An diesen unhaltbaren Annahmen weiterhin festzuhalten, ist in der Spätmoderne sehr fragwürdig, geradezu unverantwortlich. Gleichzeitig ist aber bereits der Gedanke, dass der Glaube an die Mündigkeit der Bürger*innen oder an die Problemlösungsfähigkeit der Demokratie unhaltbar werden könnte, geradezu häretisch. Solche Überlegungen widersprechen zutiefst den Werten und Idealen, auf denen unsere Gesellschaften beruhen; und sie scheinen Umkehrschlüsse nahezulegen, die tatsächlich aber ebenfalls völlig unhaltbar sind. Hier deutet sich das tiefe Dilemma an, der spätmoderne Abgrund, den ich mit dem Begriff „Unhaltbarkeit“ zu fassen versuche, und der auch die politische Bildung betrifft.

JOURNAL: Mit Ihrem Untertitel „Auf dem Weg in eine andere Moderne“ nehmen Sie gezielt den Untertitel des Buches „Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck auf, ein Buch das damals auch in der politischen Bildung viel diskutiert wurde. In welche Richtung zeigt Ihrer Meinung nach der aktuelle Zeitgeist der „anderen Moderne“? Was treibt die Bürger*innen heute an?

Blühdorn: Was Ulrich Beck damals als das Heraufziehen einer neuen Moderne beschrieb, ist heute auf sonderbare Weise wieder aktuell. Beck hoffte seinerzeit auf eine zweite, reflexive Moderne, in der die Gesellschaft selbstreflexiv wird und mit neuen politischen Akteuren und einer wahrhaft demokratischen Politik die unerwarteten Nebenwirkungen, die ökologischen und sozialen Krisen der industriellen Moderne bearbeiten bzw. lösen würde. An dieses Projekt versuchen viele – auch ich selbst – bis heute zu glauben. Tatsächlich hat aber schon Beck recht genau gewusst, dass diese Idee einer zweiten Moderne vor allem ein Projekt ist, eine Hoffnung. Dass dies wirklich gelingen würde, war für ihn keineswegs sicher. Er hielt das sogar für eher unwahrscheinlich, hat sich aber dagegen gesträubt, diesem Gedanken weiter nachzugehen. Dieses Widerstreben empfinde ich auch heute.

Anders als in den 1980er- und 1990er-Jahren, ist es heute aber unhaltbar, unverantwortlich geworden, diesem Impuls weiterhin nachzugeben. Das würde die Grundsätze der kritischen Sozialwissenschaft verletzen – und eben auch moralische Grundsätze der Wahrhaftigkeit und Verantwortlichkeit. In heutigen Gesellschaften sind nämlich die Werte des ÖEP deutlich in den Hintergrund getreten, und es geht vor allem darum, das zu verteidigen, was oft mit der Formel „unsere Freiheit, unser Wohlstand, unser Lebensstil“ beschrieben wird. Diese Freiheit, dieser Wohlstand und dieser Lebensstil sind zwar nicht verallgemeinerbar und sie sind auch ökologisch nicht tragbar. Das ist inzwischen allgemein bekannt. Sie werden aber trotzdem mit aller Entschiedenheit verteidigt.

JOURNAL: Ihre Thesen erscheinen empirisch plausibel, sind letztlich aber auch ernüchternd. Sie sprechen sogar davon, dass diejenigen, die in den sozialen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre sozialisiert worden sind, von Ihrer Analyse traumatisiert werden könnten.

Blühdorn: In der Sozialwissenschaft müssen wir uns davor hüten, nur das zu sehen und zu denken, was wir ermutigend finden, und alles zu vermeiden, was uns ernüchternd erscheint. Eine Sozialwissenschaft, die sich solchermaßen beschränkt, verwechselt die eigene Weltanschauung mit der Welt, die sie verstehen und erklären will. Sie verliert die Fähigkeit, über die spätmoderne Gesellschaft, die faktisch von ganz anderen Werten und Idealen bestimmt wird, noch relevante Aussagen zu machen.

Tatsächlich ist wohl weniger meine Analyse traumatisierend als die tägliche Erfahrung dieser spätmodernen Gegenwart. Der Glaube an die Mündigkeit der Menschen, an die zivilgesellschaftliche Organisations- und Gestaltungsfähigkeit, an die politische Kraft des besseren Arguments und der kollektiven Vernunft; all das war in der Tat für mindestens zwei Generationen identitätsgebend. Diese Werte begründeten ein Selbstverständnis und eine Weltsicht, die heute augenscheinlich nicht mehr haltbar sind.

Traumatisch ist, dass das, was wir als Vernunft und Verantwortlichkeit betrachtet haben, ganz offensichtlich nicht über das gesiegt hat, was wir für Unvernunft und Wahnsinn hielten, dass es trotz unserer immer drängenderen Wahrnehmung sich zuspitzender ökologischer, sozialer und politischer Krisen offenbar nicht gelingt, die Gegenmaßnahmen zu ergreifen, die wir als unverzichtbar und unumgänglich betrachtet haben.

Und nirgends zeichnen sich plausible Lösungen ab. Wir erleben vor allem defensive Reaktionen, die die gesellschaftliche Spaltung und Polarisierung weiter verstärken. Aus unserer etablierten kritischen Perspektive betrachtet führt das geradewegs in eine neue Barbarei.

JOURNAL: Sie schließen mit „Unhaltbarkeit“ an zwei Ihrer früheren Werke an: „Simulative Demokratie“ (2013) und „Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit“ (2020). Bereits mit diesen Titeln haben Sie Leitbegriffe gesetzt, die auch für die politische Bildung wichtig sind. Vor allem die „Nachhaltigkeit“ ist ein zentrales Thema in der politischen Bildung, das sich sogar als eigenes Arbeitsfeld einer „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausdifferenziert hat.

Blühdorn: Wichtig war mir bereits in meinen Arbeiten zur Demokratie und zur ökologischen sowie sozialen Nicht-Nachhaltigkeit unserer Gesellschaften, dass die entsprechenden Ideale, also die der Demokratie und der Nachhaltigkeit, nicht einfach nur von ihren politischen Gegnern unterdrückt werden, sondern dass sie sich im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung und des Versuches, sie in der Praxis zu verwirklichen, verändern, erschöpfen und überleben.

Wenn sie nur von ihren Gegnern, etwa der Logik des Kapitalismus, unterdrückt würden, könnte man darauf hoffen, diese Gegner mittelfristig zu besiegen, und damit den Weg für die Umsetzung dieser Ideale dann doch frei zu machen. Wenn sich diese Ideale aber erschöpfen und überleben, besteht diese Hoffnung nicht und wird unhaltbar. Die Dialektik des ÖEP besteht darin, dass die Logik der Demokratisierung selbst die Grundlagen der Demokratie auszehrt (weil Demokratie unverhandelbare Grundfesten braucht), dass die Logik der Befreiung selbst die Vorstellung von Freiheit aushebelt, die für das ÖEP entscheidend ist (dass Freiheit Pflichten und Verantwortung impliziert), und dass der Versuch, der ökologischen Transformation mehr Schwung zu verleihen, Konzepte und Strategien dominant gemacht hat (z.B. den Fokus auf technologische Innovation).

Die Dialektik des ÖEP entwickelt eine Dynamik, die die normativen Fundamente dieses Projekts aushöhlt bzw. sie unbemerkt so umkonfiguriert, dass Demokratisierung, Emanzipation und Nachhaltigkeit sich letztlich jeweils selbst blockieren.

So bricht der politischen Bildung, aber auch der kritischen Sozialwissenschaft, die normative Grundlage weg. Beide postulieren Werte, die als progressiv bezeichnet werden, die von der europäischen Aufklärung herkommen, und die die bürgerliche, liberale Moderne kennzeichnen. In der Spätmoderne kämpfen nun aber neue politische Akteure im Namen des „gesunden Menschenverstandes“ ausdrücklich gegen diese „alten“ Vorstellungen von Vernunft und Verantwortlichkeit, die nun als Ideologie und Wahnsinn bezeichnet werden. Auch diese neuen Akteure verstehen sich als kritische Bewegungen, die politische Mündigkeit und Gestaltungsfähigkeit für sich in Anspruch nehmen und sich mit emanzipatorischem Eifer gegen die „Eliten“ der Inklusion, Diversität, Ökologisierung und des Kosmopolitismus stellen. Hier frisst die Revolution ihre Kinder.

JOURNAL: Wir würden gerne noch auf einen weiteren unserer Leitbegriffe zu sprechen kommen, den Sie sehr kritisch in den Blick nehmen: „Subjektorientierung“ ist fast so etwas wie eine heilige Kuh in der politischen Bildung. Sie sprechen dagegen von „Entsubjektivierung“.

Blühdorn: Die Idee, dass der Mensch frei und selbstbestimmt sei, dass er eine unantastbare Würde habe, und somit immer selbst der Zweck sein müsse, niemals zum bloßen Mittel degradiert werden dürfe, dass er immer das Subjekt ist, niemals zum Objekt gemacht werden darf, ist die Leitidee der Moderne. „Progressive“ Bewegungen, die gesamten kritischen Sozialwissenschaften und auch die politische Bildung waren immer auf die möglichst umfassende Verwirklichung dieses Ideals ausgerichtet. In der Spätmoderne jedoch erleben wir tatsächlich eine „Entsubjektivierung“.

Für das ÖEP war das vom Denken der Aufklärung stammende Ideal des mündigen und zum selbstständigen, kritischen Vernunftgebrauch befähigten Subjekts sehr wichtig. Diese Fähigkeit zum Vernunftgebrauch begründete die Freiheit des Subjekts, die aber gleichzeitig auch die Verpflichtung auf das Vernünftige bedeutete. Das aufgeklärte, mündige Subjekt, so war die Annahme, würde aus freier Entscheidung und rationaler Einsicht, das Vernünftige tun, das zugleich auch das moralisch Richtige wäre. Durch geeignete Institutionen, Praxis- und Experimentierarenen, sollten die Bürger*innen ihre volle Mündigkeit und ihr wahres Wesen entfalten, die dann eine sehr viel partizipativere und deliberative Demokratie möglich machen.

In der Spätmoderne ist diese Vorstellung vom mündigen Subjekt aber nicht mehr aktuell. Der Glaube an die einheitliche (ökologische) Vernunft ist längst zerfallen. Das Ideal einer in sich konsistenten und prinzipienbasierten stabilen Persönlichkeit und Identität erscheint nicht mehr unbedingt erstrebenswert. Flexibilität, Vielschichtigkeit, Innovationsoffenheit versprechen heute mehr Freiheit, Selbstverwirklichung und Erfolg. Die ältere Idee des mündigen Subjekts ist demgegenüber eher ein Hindernis, denn es fordert viel Selbstbeschränkung und Selbstdisziplin. Entsprechend verdunkeln sich die Aussichten für eine sozial-ökologische Transformation.

Aus dieser neuen Perspektive bzw. unter diesem veränderten Vorzeichen, werden nun die vermeintlich objektiven ökologischen Problemdiagnosen und Handlungsimperative neu zur Diskussion gestellt, repolitisiert. Dabei werden ökologische Probleme nun ganz offen nur nach Maßgabe ganz subjektiver Werte und Interessen bestritten, formuliert und behandelt. Objektive Erkenntnisse und vermeintlich universalistische Normen wie die Würde des Menschen, allgemeine Menschenrechte oder die Grundsätze der Gleichheit und Inklusion werden dabei zunehmend offensiv in Frage gestellt. Für die politische Bildung ist diese Entwicklung von großer Bedeutung, denn sie hat nun keine verlässlichen Werte mehr.

JOURNAL: Das klingt sehr pessimistisch! Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch davon, dass Sie über die „unendliche Wohlfühlliteratur“ hinausgehen wollen.

Blühdorn: Ich glaube nicht, dass Optimismus und Pessimismus hier wirklich relevante Kategorien sind. Natürlich ist es immer schön, wenn man Hoffnung machen kann. Aber zunächst muss es in der Sozialwissenschaft darum gehen, die Besonderheit der gegenwärtigen Gesellschaft und Situation zu verstehen. Die demokratischen Institutionen sind heute hoffnungslos überfordert und wir gewinnen immer öfter den Eindruck, ganz egal in welchem Politikfeld, dass wohl nur noch eine Art „autokratisches Durchregieren“ den politischen Stau aufbrechen und problemgerechte Lösungskonzepte umsetzen könnte.

In dieser Situation kann man natürlich weiterhin behaupten, weitere „demokratische Innovationen“ könnten das Dilemma lösen. Die Literatur, in der solche Innovationen – sei es für die Demokratie oder für die ökologische Transformation – gepriesen werden, nenne ich „Wohlfühlliteratur“. Es ist heute aber gut erforscht und dokumentiert, dass solche Innovationen das Problem meist nur verschieben und es dabei oftmals sogar noch verschlimmern. Das ist eine bedrückende Situation, insbesondere weil auch gut belegt ist, dass autokratische oder autoritäre Politik die Probleme ebenfalls nicht löst, sondern nur verschärft.

In dieser misslichen Lage hilft es allerdings gar nichts, sich in die Komfortzone unserer hergebrachten Werte, Analysen, Lösungsversprechen – und Bildungsideale – zurückzuziehen. Die Versuchung ist groß, aber die Strategie ist kontraproduktiv, eben „unhaltbar“. Dem muss sich die politische Bildung ebenso stellen, wie die kritische Soziologie und die Sozialwissenschaften insgesamt.

JOURNAL: Nach alldem kann es unsere Leser*innen nicht mehr erstaunen, dass Sie im Schlusskapitel von „Unhaltbarkeit“ neben der Soziologie der „Kritischen Theorie“ auch die politische Bildung als ein Relikt des ÖEP identifizieren, das nicht mehr haltbar sei. Es klingt plausibel, dass Sie sich dabei ausgerechnet auf die „Frankfurter Erklärung“ der sogenannten kritischen politischen Bildung berufen. Was sind Ihre Bedenken und gibt es aus dem Feld der politischen Bildung Reaktionen auf diese „traumatisierende“ Analyse.

Blühdorn: Mein Bedenken ist wie gesagt, dass unsere verzweifelten Versuche, die (unhaltbaren) Werte der bisherigen Moderne, der kritischen Sozialwissenschaften und auch der politischen Bildung, weiter zu verteidigen, die inzwischen bekannten Nebenwirkungen weiter verstärken und gleichzeitig immer mehr Wasser auf die Mühlen derer schaufeln werden, die diese Werte zugunsten einer offen autoritären, exklusiven, gewaltsamen Politik des Stärkeren abschaffen wollen.

Viele Leser*innen meines Buches haben bestätigt, dass meine Analyse ihren eigenen Erfahrungen entspricht. Aber sie wissen sich keinen Rat, wie wir aus diesem Unhaltbarkeitsdilemma herausfinden. Andere haben insistiert, dass wir angesichts der Konjunktur der alternativen Fakten, der Wissenschaftsfeindlichkeit, der Leugnung des Klimawandels, der Verschwörungsmythen und der sich rasch ausbreitenden Herrschaft der Stärkeren den Kampf um „unsere Werte“ umso konsequenter verstärken müssen. Doch es ist absehbar, dass diese Strategie die bereits jetzt überdeutlichen Spaltungen, Polarisierungen und Konflikte nur weiter verschärfen wird. Außerdem verleugnet sie, dass dieser Kampf für „unsere Werte“ tatsächlich immer schon höchst exklusiv war und auf Kosten anderer ging.

JOURNAL: In der Praxis und der Forschung der politischen Bildung wird sich sehr intensiv mit „Partizipation“ als (Königs-)Ziel der politischen Bildung beschäftigt. In einem als Langzeitstudie angelegte Survey des Deutschen Jugendinstituts (DJI) mit dem Titel „Aufwachsen in Deutschlands Alltagswelten“ (AID:A) ist gerade der „politisch motivierte Konsum“ von jungen Menschen als Form jugendlicher Partizipation hervorgehoben worden. Wie passt das zu ihrer Theorie der „Unhaltbarkeit“?

Blühdorn: In der Bewegungsforschung wird schon seit Jahrzehnten diskutiert, ob der sogenannte „politische Konsum“ wirklich als eine Form des politischen Protests gewertet werden kann, und wieviel transformative Kraft er hat. Kein Zweifel: Jeder Apfel auf den keine Pestizide gesprüht wurden, ist für die überlebenden Insekten ein Gewinn. Hinsichtlich der gesamtgesellschaftlich transformativen Kraft bin ich aber skeptisch. Denn bereits bei Textilien sieht es mit dem ökologisch-sozialen Gewissen sehr viel schlechter aus, und bei der Elektronik oder beim Reisen erst recht. Gerade in Zeiten der erhöhten Inflation können wir beobachten, dass die Bereitschaft, ökologisch und sozial „ehrliche Preise“ zu zahlen sehr begrenzt ist. Der alternative Konsum wird sicher nicht verschwinden, wird aber wohl in den meisten Produktbereichen ein relativ kleines Segment bleiben, wo er eher ein gewisses ökologisch-soziales Wohlgefühl vermittelt als dass es grundlegende Strukturen verändern könnte.

JOURNAL: Was ist denn nun der Ausweg aus den vielen Dilemmata. Sie schreiben, dass es Ihnen nicht um die Verbreitung von Pessimismus gehe, sondern darum zu beleuchten, „aufgrund welcher normativen Orientierungen Optimismus und Pessimismus, Hoffnung und Frustration überhaupt entstehen“ (S. 50). Pädagogisch arbeitende Menschen wünschen sich aber immer auch eine optimistische Perspektive. Gibt es die bei Ihnen auch?

Blühdorn: Die Frage nach den „Lösungen“ ist sehr verständlich, sie verleugnet letztlich aber den zentralen Punkt, um den es bei der Diagnose „Unhaltbarkeit“ geht: Ob wir es mögen oder nicht, ob wir es begrüßen oder bestreiten, unsere bisherigen Glaubenssätze und Institutionen der liberalen Moderne zerfallen, und westliche Gesellschaften sind dabei, sich grundsätzlich zu verwandeln. Es bildet sich eine neue Form der Moderne heraus, die sich radikal von der bisherigen Form der Moderne, der liberalen Moderne, unterscheidet.

Die bisherigen Problemwahrnehmungen wie zum Beispiel soziale Ungerechtigkeit und Exklusion, Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung, der Zusammenbruch des bisherigen Klimas oder die Unbewohnbarkeit bisher bewohnter Landstriche, spielen in der postliberalen Moderne ganz offensichtlich eine sehr viel weniger prominente Rolle. Sie werden anderen Prioritäten nachgeordnet. Es ist ein bisschen wie nach der Metamorphose von der Raupe zum Schmetterling: Was für die Raupe dringend und unverzichtbar war, ist für den Schmetterling mitunter egal oder sogar nachteilig.

Was wir bisher als Lösungen betrachtetet haben, soll den Werten der bisherigen liberalen Moderne entsprechen, soll sie stabilisieren und möglichst vollständig verwirklichen. Denn in der Verletzung dieser Werte bzw. ihrer Bedrohung wurde ja das Problem gesehen. In der neuen, der postliberalen Moderne erscheinen diese Lösungen aber nicht mehr als positiv, sondern vielmehr ihrerseits als Problem. Denn sie bedrohen das, was wir als „unsere Freiheit, unsere Werte und unseren Lebensstil“ verteidigen wollen.

Fakt ist, dass wesentliche Teile unserer Gesellschaften über das sog. „Ende der grünen Hegemonie“ hocherfreut sind und autoritären Führern wie Donald Trump oder Benjamin Netanjahu zujubeln, während andere diese Führer als Symbolfiguren für die autoritäre Wende und eine aggressive Politik der Exklusion oder sogar des Genozids sehen. In der Spätmoderne sind die etablierten Kategorien „progressiv“ und „regressiv“, oder „optimistisch“ und „pessimistisch“ ganz offensichtlich fundamental in Bewegung geraten, „unhaltbar“ geworden.

Ich bin nicht sicher, ob das nun eine pessimistische oder eine optimistische Perspektive ist. Aber genau das ist der Punkt; dieser Verunsicherung müssen wir uns stellen, und genau hier liegt der Arbeitsauftrag für die soziale Theorie, die kritischen Sozialwissenschaften und auch die politische Bildung der Unhaltbarkeit.

Der Interviewte

Prof. Dr. Ingolfur Blühdorn ist Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien sowie Leiter des dortigen Instituts für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Soziologie, Gesellschaftstheorie, der Wandel moderner Demokratien und umweltpolitische Theorie. Das politische Erbe der „neuen sozialen Bewegungen“ seit den 1970ern spielt in seiner Arbeit eine besondere Rolle.