„Die Neue Front“

Die Niederlage des Deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg verhalf einer modernen Rechten zum Durchbruch, deren revolutionäre Dynamik der Demokratie zum Verhängnis werden sollte. Grundbedingung für ihren Aufstieg war zunächst der Fall des kaiserlichen Herrscherhauses, dem die Loyalität des Reichsnationalismus seit 1871 gegolten hatte. Nachdem Wilhelm II. die politische Bühne erstaunlich widerstandslos verlassen hatte, formierte sich die politische Rechte im Deutschen Reich neu. Es waren jedoch weniger die Verteidiger der Hohenzollern-Dynastie, sondern eine „nationale Opposition“ von rechts, die nun die junge Demokratie unter Druck setzten. An die Stelle des wilhelminischen Konservatismus trat nun ein völkisch grundierter Deutschnationalismus.

Die Vorgeschichte dieser Strömung findet sich in den nationalistischen Verbänden des Kaiserreichs, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, für eine aggressivere Außenpolitik zu werben. Ihr Wirken zeugt davon, dass die „gesellschaftliche Fundamentalpolitisierung“ (Walkenhorst 2007: 69) im Zuge des spätwilhelminischen Strukturwandels auch der politischen Rechten neue Möglichkeiten verschafft hatte. National-, Wehr- und Kolonialverbände trugen so ihren Teil zur Selbstmobilisierung der Deutschen für den kommenden Weltkrieg bei. Einflussreiche Organisationen wie der 1891 gegründete Alldeutsche Verband forcierten zudem nach innen die Gestaltung einer weltanschaulich und ethnisch homogenen Nation.

Obgleich diese Akteure ausgesprochen obrigkeitsnah waren, hatten sie durchaus einzelne Entscheidungen der Führung hinterfragen und während des Ersten Weltkrieges eine fatale Diskussion um die deutschen Kriegsziele anheizen können. Eine prinzipielle Positionierung gegen den Staat war damit jedoch nicht verbunden. Das sollte sich unter den neuen Bedingungen nach der deutschen Kriegsniederlage ändern. Spätestens mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags 1919 war die Rechte auf einen antirepublikanischen Kurs festgelegt. Die junge Republik wurde lediglich als zu überwindendes „Interregnum“ – eine Zwischenzeit ohne legitime Führung des Reiches – betrachtet. In dieser „revolutionären“ Haltung gegenüber dem Bestehenden lagen wesentliche Unterschiede zur alten wilhelminischen Reaktion.

Theoretiker einer „Revolution“ gegen die Republik
Während der Weimarer Republik wurde das Gefüge völkisch-nationalistischer Gruppen noch um politische Kampfverbände und paramilitärische Massenorganisationen erweitert, die sich meist aus den Reihen der Weltkriegsveteranen rekrutierten. Die darin zutage tretenden inneren Widersprüche, an denen die politische Kultur der Weimarer Republik sukzessive zerbrechen sollte, wurden durch die demokratische Abstinenz relevanter Teile des Bürgertums verstärkt. Auch der Adel verfügte noch über gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einfluss. Seines Standesprivilegs, dem unmittelbaren Zugriff auf den Staat, beraubt, verharrte er gegenüber der Republik in einer „aggressiven Defensive“ (Wehler 2003: 323). Weite Teile des „inoffiziellen Herrschaftssystems“ der Weimarer Republik arbeiteten so gegen den Staat. Dieses feindliche Klima fand seinen Ausdruck vor allem in den schweren Krisen, die die Weimarer Republik bereits in den ersten Jahren zu durchlaufen hatte, etwa dem Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 sowie den Morden an Matthias Erzberger (1921) und Walter Rathenau (1922). Die unter Freikorps, „Einwohnerwehren“ und militant nationalistischen Vereinen wie dem Jungdeutschen Orden und dem Deutsch-Völkischen Schutz und Trutzbund vorherrschende elitäre Mentalität „vertrug sich durchaus mit der Neigung, den italienischen Faschismus als nachahmenswertes Vorbild anzuerkennen“ (Wehler 2003: 388).

Juni-Klub und Antibolschewistische Liga
Flankiert wurden diese Organisationen durch das Wirken nationalistischer Intellektueller, die ihre Politikvorstellungen mit einer entsprechenden modernisierten Weltanschauung ausstatteten. Sie arbeiteten an einer dezidiert demokratiefeindlichen Theorie, die den neuen historischen und gesellschaftlichen Bedingungen angepasst sein sollte. Mit der Parole „Wir wollen die Revolution gewinnen!“ leitete Moeller van den Bruck 1923 sein Hauptwerk „Das dritte Reich“ ein. Demnach konnte nur der kompromisslose Kampf gegen die Republik den „Untergang“ des Reiches verhindern, da der von den Parteien dominierte Reichstag zum „Schicksalsort“ gewordenen sei. Die Konsequenz seiner Zeitdiagnostik hatte Moeller van den Bruck schon 1922 in einem Brief an Heinrich von Gleichen formuliert: „Es bleibt nur übrig, die Parteien von der Seite der Weltanschauung her zu zertrümmern“ (Moeller van den Bruck 1931: 5).


Die junge Republik wurde nur als zu überwindendes „Interregnum“ betrachtet



Gleichen und Moeller waren führende Mitglieder des Berliner Juni-Klubs, der nach dem Monat des Versailler Friedensschlusses benannt war. Ihr Netzwerk zeigte, dass auf der politischen Rechten etwas Neues entstanden war. In diesen Kreisen hatte man sich dem Kampf gegen die Republik verschrieben, ohne dabei lediglich die wilhelminische Ordnung restaurieren zu wollen. Sie wollten die „Neue Front“ formen, wie der Sammelband betitelt war, den Moeller van den Bruck 1922 mit Heinrich von Gleichen und dem deutsch-baltischen „Volkstumsforscher“ Max Hildebert Boehm veröffentlichte. Das Buch zeigt, wie angesichts der Demokratie Rechte ihre Version einer „Revolution“ entwickelten. Unter dem Titel „Die Nationalisierung der deutschen Revolution“ formulierte darin der Gründer der Antibolschewistischen Liga, Eduard Stadtler, seine Hoffnungen auf einen radikalen Schnitt: „Die Stunde wird kommen. Vielleicht ist sie schon nahe. Frankreich versklavt uns äußerlich, aber macht uns innerlich frei. Über die Versklavung des Staates schreiten wir zur Revolutionierung des Volkes“ (Stadtler 1922: 420). Das spätere NSDAP-Mitglied sollte sich in seinen Memoiren damit rühmen, 1919 die Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs auf den Weg gebracht zu haben (vgl. Stadtler 1935: 51 ff.).

Ernst Jünger
In ähnlicher Diktion schrieb Ernst Jünger am 23. September 1923, wenige Wochen vor dem Münchner Bierkeller-Putsch Hitlers und Ludendorffs, in der NSDAP-Zeitung Völkischer Beobachter, die „sogenannte Revolution von 1918 war kein Schauspiel der Wiedergeburt, sondern das eines Schwarmes von Schmeißfliegen, der sich auf einen Leichnam stürzte, um von ihm zu zehren“. Die „echte Revolution“, so Jünger weiter, habe „noch gar nicht stattgefunden, sie marschiert unaufhaltsam heran. Sie ist keine Reaktion, sondern eine wirkliche Revolution mit all ihren Kennzeichen und Äußerungen, ihre Idee ist die völkische, […] ihr Banner das Hakenkreuz, ihre Ausdrucksform die Konzentration des Willens in einem einzigen Punkt – die Diktatur! Sie wird ersetzen das Wort durch die Tat, die Tinte durch das Blut, die Phrase durch das Opfer, die Feder durch das Schwert“ (Jünger 2013: 34 ff.). In den folgenden Jahren sollte Jünger seine nationalrevolutionäre Position weiter radikalisieren und vor allem mit einem radikal antibürgerlichen Habitus ästhetisch aufwerten. Sein Ziel war, vor allem in den Reihen der ehemaligen Frontsoldaten die Idee eines aggressiven Nationalismus zu verankern, um die ungeliebte Republik zu zerschlagen. Wie er 1926 in der nationalrevolutionären Zeitschrift Arminius kundtat, sollte ein „Nationalismus der Tat in diesem Staate und statt dieses Staates das Deutsche zur Herrschaft bringen“ (ebd.: 251).

Carl Schmitt
Eine solch entscheidende „Tat“ stand auch im Mittelpunkt der staatsrechtlichen Überlegungen Carl Schmitts. In den vier 1922 publizierten Kapiteln zur „Politischen Theologie“ erläuterte Schmitt bereits die Differenz seiner Souveränitätslehre zu den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts. „Den deutschen Romantikern“, schreibt Schmitt im Abschnitt über die „Staatsphilosophie der Gegenrevolution“, „ist eine originelle Vorstellung eigentümlich: das ewige Gespräch“. Für Schmitt, der sich am Kampf der katholischen Staatstheoretiker de Maistre, Bonald und Donoso Cortés gegen die Französische Revolution und ihre Folgen orientierte, war dies keine Option.


Demokratie war für die Autoren des neuen Nationalismus die „Herrschaft der Minderwertigen“



Seine Idole, schreibt er, hätten diesen Zustand des abwägenden Austauschs „wohl eher für ein Phantasieprodukt von grausiger Komik gehalten“. Ihre Staatsphilosophie sei vom Bewusstsein um die Notwendigkeit einer Entscheidung geprägt gewesen und habe sich zwischen 1789 und 1848 „zum äußersten Extrem“ gesteigert. „Alle formulieren ein großes Entweder-Oder, dessen Rigorosität eher nach Diktatur klingt als nach einem ewigen Gespräch“ (Schmitt 2015: 59). Ganz in dieser Tradition hatte Schmitt für den demokratischen Prozess des Aushandelns nur Verachtung übrig. Dieser gehe an den Entscheidungen vorbei, anhand derer sich wahre Souveränität beweise, und komme nie über eine unbedeutende Zwischenexistenz heraus: „Jener Liberalismus mit seinen Inkonsequenzen und Kompromissen lebt für Cortés nur in dem kurzen Interim, in dem es möglich ist, auf die Frage: Christus oder Barrabas, mit einem Vertagungsantrag oder der Einsetzung einer Untersuchungskommission zu antworten“ (ebd.: 66). Kennzeichnend für den Souverän sei es vielmehr, sich notfalls auch über das geltende Recht hinwegsetzen zu können.

Praktiker der Diktatur
Aus dem diktatorischen Charakter ihres Staatsideals machten die Autoren dieses neuen Nationalismus keinen Hehl. Demokratie war für sie die „Herrschaft der Minderwertigen“, wie es Edgar Julius Jung 1927 formulierte. In den folgenden Jahren blieben solche Positionen nicht auf eine Avantgarde „Konservativer Revolutionäre“ beschränkt, sondern fanden durchaus eine breite Basis. Noch vor dem Durchbruch der NSDAP als dominierende Kraft auf dem rechten Flügel hatten solche Gedanken längst auch ihren Platz in der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und dem Industriellen-Netzwerk um Alfred Hugenberg gefunden.


Der Diskurs der heutigen „Neuen Rechten“ zeugt von der Renaissance einer grundlegend antidemokratischen Weltanschauung



Der Juni-Klub von Gleichens und Moeller van den Brucks hatte sich bereits 1924 zum einflussreichen Deutschen Herrenklub gewandelt. Der eng mit dem Herrenklub verbundene spätere Reichskanzler Franz von Papen erwies sich als effektiver Totengräber der Republik, noch ehe er 1933 die Koalitionsregierung mit der NSDAP ermöglichte und damit die „nationale Revolution“ eine neue Phase einleitete. So groß die Unterschiede im Einzelnen zwischen den hier skizzierten Autoren gewesen sind, ihre Forderung nach einer „nationalen Revolution“ zeugen davon, dass bereits unmittelbar nach ihrer Gründung eine aggressive Theorieproduktion gegen die Weimarer Republik einsetzte.

Ausblick: „Konservative Revolution“ heute
Überwintert haben diese Gedanken bis heute in kleinen Zirkeln, die sich auf diese „Konservative Revolution“ berufen. In Form der „Neuen Rechten“ sind sie nun aus ihrem Schattendasein getreten und haben via AfD den Weg in die Politik gefunden. Ihnen sollte besondere Aufmerksamkeit gelten, da sie systematisch die Topoi des Neuen Nationalismus der Zwischenkriegsjahre reaktivieren. Wie Carl Schmitt denken auch sie Politik vom Äußersten des Bürgerkriegs und Staatszerfalls her. Ihr Diskurs um „Souveränität“, „Dezission“ und die „Dekadenz“ der westlichen Gesellschaft zeugt von der Renaissance einer grundlegend antidemokratischen Weltanschauung. Selbst die Floskel von einer „Herrschaft der Minderwertigen“ findet sich in diesen Reihen, auf die heutige Gesellschaft gemünzt, wiederbelebt (vgl. Kositza/Kubitschek 2015: 22). Für die heutigen Epigonen der „konservativen Revolutionäre“ Weimars ist die Bundesrepublik ebenfalls lediglich ein Interregnum, ihr Schritt in die Politik stellt daher eine ernsthafte Gefahr dar.


Literatur
Jung, Edgar Julius (1927): Die Herrschaft der Minderwertigen. Ihr Zerfall und ihre Ablösung. Berlin.

Jünger, Ernst (2013): Politische Publizistik 1919-1933. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Sven Olaf Berggötz. Stuttgart 2013.

Kositza, Ellen/Kubitschek, Götz (Hg.) (2015): Tristesse Droite. Die Abende von Schnellroda. Schnellroda.

Moeller van den Bruck, Arthur/Freiherr von Gleichen-Rußwurm, Heinrich/Boehm, Max Hildebert (1922): Die Neue Front. Berlin.

Moeller van den Bruck, Arthur (1931) [1923]: Das dritte Reich. Hamburg.

Schmitt, Carl (2015) [1922]: Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. Berlin.

Stadtler, Eduard (1922): Die Nationalisierung der deutschen Revolution. In: Moeller van den Bruck, Arthur/Freiherr von Gleichen-Rußwurm, Heinrich/Boehm, Max Hildebert (1922): Die Neue Front. Berlin, S. 413 – 420.

Stadtler, Eduard (1935): Als Antibolschewist 1918 – 1919. Düsseldorf.

Walkenhorst, Peter (2007): Nation – Volk – Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890 – 1914. Göttingen.

Wehler, Hans-Ulrich (2003): Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vierter Band: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914 – 1949. München.

Zitation:
Weiß, Volker (2018). „Die Neue Front“. Die „revolutionäre“ Neuausrichtung des Nationalismus nach 1918, in: Journal für politische Bildung 1/2018, 26-30.

Der Autor

Dr. Volker Weiß, Historiker und Autor, arbeitet zur Ideengeschichte der Moderne, der Genese einer modernen Rechten und der Geschichte des Antisemitismus. Als Journalist publiziert er regelmäßig in Die ZEIT, ZEIT Geschichte und Jungle World.
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