ABDELKRATIE – Politische Bildung auf YouTube

„Breaking News! Soeben erreicht uns eine wichtige Nachricht der Bundeszentrale für politische Bildung. Der Deutsch-Marokkaner Abdelkarim soll auf YouTube mal so richtig schön die deutsche Demokratie abfeiern. […] Entschuldigung, das muss ein Missverständnis sein. Ein Muslim soll uns die deutsche Demokratie erklären?“
Aus dem Trailer zur bpb-YouTube-Video-Reihe ABDELKRATIE

Der vermeintliche Nachrichtensprecher (gespielt vom Comedian Abdelkarim) ist irritiert und kann seine Fassung kaum bewahren. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen! Doch, es kann.

Von Mai bis Juli 2020 veröffentlichte die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) auf dem eigens eingerichteten YouTube-Kanal „ABDELKRATIE“ zehn Videos, in denen sich der Comedian Abdelkarim mit den Grundlagen der Demokratie auseinandersetzt. Auf der Projektseite der bpb finden sich alle Videos, Hintergrundtexte und weitere Infos zu Abdelkarim (vgl. bpb 2020a). Das Themenspektrum reicht von Begriffen wie Volk, Rechtsstaat oder Demokratie selbst über Grund- und Menschenrechte wie Meinungs- oder Religionsfreiheit bis zu gesellschaftlich kontrovers diskutierten Themen wie Widerstand, Protest, Gleichheit und Gerechtigkeit.

Da die Corona-Pandemie auch an der ABDELKRATIE nicht spurlos vorbei ging, wurden außerdem kurzfristig zu jedem der Videos noch „Corona-Checks“ produziert, bei denen sich Abdelkarim Corona-konform per Video-Schalte mit Expert*innen über den Einfluss der Pandemie auf die Themen der Videos austauscht.

Das Ziel der ABDELKRATIE besteht darin, Jugendliche und junge Erwachsene zur Reflexion über die Demokratie anzustoßen, die mit den Standardformaten der bpb wie den Informationen zur politischen Bildung („Schwarze Hefte“), den Büchern der Schriftenreihe oder Veranstaltungen und Workshops – trotz der hohen Qualität dieser Produkte – nicht erreicht wurden und werden. Der Zugang zu neuen Zielgruppen über Webvideos ist gleichwohl kein neuer Ansatz. Bereits seit dem Anfang der 2010er Jahre setzt die bpb auf vielfältige Webvideo-Projekte für unterschiedliche Zielgruppen (vgl. bpb 2020b). Auch wenn die Auswertung der ABDELKRATIE durchaus Optimierungspotenzial aufzeigte, war sie ein Erfolg: Mehr als 1,3 Millionen Mal (Stand: April 2021) wurden die Videos bislang auf dem YouTube-Kanal aufgerufen, auch jenseits von YouTube wurde in „klassischen“ überregionalen Medien über die ABDELKRATIE berichtet und zu guter Letzt gewann sie im September 2020 den „YouTube Goldene Kamera Digital Award“ als Bester Newcomer.

Warum ABDELKRATIE?
Warum macht die bpb ein Web-Video-Format wie die ABDELKRATIE? Warum mit Abdelkarim? Politische Bildung und Humor – passt das zusammen? Sind die selbst gesteckten Ziele erreicht worden? Zunächst zum „Warum“. Aufgabe der bpb ist, durch Aktivitäten politischer Bildung „Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken“ (vgl. bpb 2001). Das bedeutet, dass die bpb sich auch darum kümmern muss, dass die Bedingungen geschaffen werden, Angebote politischer Bildung wahrzunehmen. Das heißt, dass die bpb auch aktiv dafür sorgen muss, dass sie mit ihren Angeboten von breiten Bevölkerungsschichten wahrgenommen wird.

Die bpb macht Angebote politischer Bildung also direkt dort, wo sie ihre Zielgruppen zu erreichen glaubt. Hinsichtlich Jugendlicher und junger Erwachsener gibt es breit angelegte Studien, die zur Informationsgewinnung und zum Medienkonsum junger Leute seit Jahren recht eindeutige Ergebnisse vorlegen. So stellte die jüngste Shell-Jugendstudie erneut fest, dass sich der Medienkonsum bei Bewegtbildformaten weiter weg von linearen Angeboten wie Fernsehen hin zu Online-Medien und Streaming verschiebt (vgl. Wolfert/Leven 2020: 216).


Eine didaktische Handreichung ist in Arbeit



Auch die SINUS-Jugendstudie sieht bei Jugendlichen im Bereich politischer Bewegtbildformate die höchste Affinität zu Onlineclips. Auf den Plätzen landen klassische Politikmagazine, Dokumentarfilme, TV-News, Talkshows usw. (vgl. Calmbach u. a. 2020: 487–490). Jugendliche wünschen sich demnach professionell gemachte, auf YouTube verfügbare Bewegtbildformate, die „irgendwie lustig“ sind und sich eher kurzfassen. Bei bildungsnahen Jugendlichen bedeutet das eine ideale Dauer der Videos von einer bis fünf Minuten, maximal 15 Minuten, und bei bildungsfernen Jugendlichen idealerweise von 30 bis 60 Sekunden bis maximal zehn Minuten. Die Inhalte sollen für alle jugendlichen Zielgruppen direkt und prägnant sein, wobei die bildungsfernen Zielgruppen besonderen Wert auf eine klare Unterscheidung zwischen Meinungen und Fakten legen.

Inhalte und Produktion
Wenngleich wir nicht auf alle diese Wünsche eingehen konnten, haben wir bei der ABDELKRATIE darauf geachtet, diesen Ansprüchen zumindest nahe zu kommen. Um kurze Wege hinsichtlich der Sehgewohnheiten zu ermöglichen, sind die zehn Folgen auf YouTube erschienen. Mit Abdelkarim gewann das Format einen Protagonisten, der über verschiedene TV-Formate von der „heute-show“ bis zu „Endlich Klartext! Der große RTL II-Politiker-Check“ bereits gezeigt hat, dass er unterschiedliche Zielgruppen – auch junge und politisch weniger Interessierte – mit politischen Themen ansprechen kann, indem er sie humoristisch aufbereitet. Hinzu kommt Abdelkarims Migrationsgeschichte, die bei einigen – wie dem fiktiven Nachrichtensprecher – eine gewisse Irritation auslösen dürfte (à la „Warum erklärt ausgerechnet der uns die deutsche Demokratie?“) und auch Personen mit eigener Migrationsgeschichte ansprechen kann.

Um Abdelkarim professionell in Szene zu setzen, konnten wir die Kölner Produktionsfirma Prime Productions gewinnen, die u. a. die „heute-show“ für das ZDF verantwortet und somit über Erfahrung mit politischen Themen und Humor verfügt. Doch wie wurde dann aus der Idee die ABDELKRATIE? Im Bewusstsein der Unvollständigkeit hat die bpb gemeinsam mit Expert*innen zehn Themen und Begrifflichkeiten definiert, die sowohl von elementarer Bedeutung für die Demokratie als auch für die Lebenswelt einer jungen Zielgruppe zwischen 15 und 25 Jahren sind: Demokratie, Wahlen und Parteien, Volk, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Menschenwürde, Rechtsstaat, Widerstand und Protest, Gleichheit und Gerechtigkeit sowie Menschenrechte. Außerdem weisen viele dieser Begrifflichkeiten eine für die politische Bildung reizvolle Ambivalenz hinsichtlich ihrer Deutungen auf, da sie sowohl freiheitlich und demokratisch als auch illiberal besetzt werden können. Dies kontrovers darzustellen, war ebenfalls Ziel der ABDELKRATIE.

Um es nicht allein bei den Videos zu belassen, sondern den Zuschauer*innen über die Videos hinaus die Möglichkeit zu geben, sich intensiver mit den angesprochenen Themen auseinanderzusetzen, haben wir auf den Internetseiten der bpb eine sogenannte Landingpage eingerichtet, auf die in den Infoboxen zu allen Videos verwiesen wird. Dort finden sich Hintergrundtexte, die sich mit Fragestellungen beschäftigen, die im Rahmen der Videos zu kurz gekommen sind oder deren ausführliche Betrachtung jeden humoristischen Anspruch im Keim erstickt hätte. Alle Texte wurden auf der Landingpage zusätzlich in einer Version in Einfacher Sprache zur Verfügung gestellt (vgl. zur Unterscheidung zwischen Leichter und Einfacher Sprache Kellermann 2014). Zudem wurden alle Videos in der bpb:mediathek eingestellt, um sie auch unabhängig von YouTube zur Verfügung zu stellen und eine Downloadmöglichkeit anzubieten, z. B. für den Einsatz im Unterricht oder in der außerschulischen politischen Bildung. Eine didaktische Handreichung zu allen zehn Folgen der ABDELKRATIE ist in Arbeit und wird voraussichtlich im ersten Halbjahr 2021 fertiggestellt. Mit dem Kanal der ABDELKRATIE ist außerdem eine Plattform geschaffen, die auch in Zukunft bespielt werden kann.

Wer schaut sich die ABDELKRATIE an?
YouTube stellt Kanalbetreiber*innen relativ genaue Angaben zur erreichten Zielgruppe zur Verfügung. Auf dieser Grundlage können wir feststellen, dass die Zielgruppe der ABDELKRATIE hinsichtlich des Alters erreicht wurde. 56 Prozent der Zuschauer*innen waren 18 bis 24 Jahre alt, 42 Prozent zwischen 25 und 34 Jahren und 2 Prozent 34 bis 65 Jahre alt. Es ist davon auszugehen, dass das tatsächliche Alter der Zuschauer*innen noch etwas niedriger anzusetzen ist, da wahrscheinlich nicht alle bei der Anmeldung bei YouTube ihr korrektes Alter angeben, um auch Inhalte anschauen zu können, die mit einer Altersbeschränkung versehen sind.


Kontroversität war das Ziel der ABDELKRATIE



Es haben sich deutlich mehr männliche (84 Prozent) als weibliche (16 Prozent) Zuschauer*innen die ABDELKRATIE angeschaut (Angaben zum dritten Geschlecht werden von YouTube nicht erhoben). Dieses Missverhältnis lässt sich nicht allein durch die Sehgewohnheiten erklären, doch es war zu erwarten, dass Abdelkarim als Protagonist eine eher männliche Zielgruppe anspricht. Im Rahmen einer qualitativen Studie wird der Frage nach den Ursachen für die unterschiedliche Nutzung der ABDELKRATIE bei männlichen und weiblichen Zuschauer*innen demnächst nachgegangen. Von dieser Studie erhoffen wir uns auch die Füllung weiterer Leerstellen bei der Zielgruppenanalyse, z. B. hinsichtlich der sozio-ökonomischen Verortung, einer möglichen Migrationsgeschichte, des Bildungsniveaus oder des politischen Interesses der Zuschauer*innen der ABDELKRATIE.

Erfreulich war auch, dass ein bedeutender Teil der Zuschauer*innen (ca. 37 Prozent) große Teile der Videos angeschaut hat. Auch die positiven Bewertungen (Daumen hoch) lassen mit durchschnittlich 96 Prozent pro Video auf eine gute Resonanz und Zielgruppenansprache schließen.

Digitale Angebote politischer Bildung
Politische Bildung zur Stärkung der Demokratie bleibt eine Daueraufgabe, für die viel Ausdauer vonnöten ist. Digitale Angebote politischer Bildung wie die ABDELKRATIE, die sich möglichst nah an den Mediengewohnheiten der Zielgruppen orientieren, können hier einen Beitrag leisten und sollten Teil eines diversen Angebots politischer Bildung sein. Sie sollten sich allerdings nicht als Gegenrede zu antidemokratischen Online-Inhalten verstehen. Sie stellen ein eigenes Angebot dar. Die ABDELKRATIE mag dabei durchaus extremismuspräventive Effekte haben. Doch im Vordergrund stehen die Fürsprache für die Demokratie, das Aufzeigen von Chancen und ein politisch-bildnerisches Empowerment der Zielgruppe.

Dieser Artikel ist die gekürzte und leicht überarbeitete Fassung eines Textbeitrags im demnächst erscheinenden Sammelband: Ernst, Julian/Trompeta, Michalina/Roth, Hans-Joachim (Hg.) (2021): Gegenrede digital. Alte und neue Herausforderungen interkultureller Bildungsarbeit in Zeiten der Digitalisierung. Wiesbaden (in Vorbereitung).

Literatur
Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (2001): Erlass über die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) vom 24. Januar 2001, www.bpb.de/51244

bpb (2020a): YouTube-Video-Reihe ABDELKRATIE, www.bpb.de/abdelkratie

bpb (2020b): Webvideo- und Social Web-Projekte, www.bpb.de/309743

Calmbach, Marc/Flaig, Bodo/Edwards, James/Möller-Slawinski, Heide/Borchard, Inga/Schleer, Christoph (2020): SINUS-Jugendstudie 2020. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. Bonn 2020.

Kellermann, Gudrun (2014): Leichte und Einfache Sprache – Versuch einer Definition. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 9–11, ­S. 7–10.

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hg.) (2019): JIM-Studie 2019. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger, www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2019/JIM_2019.pdf

Wehling, Hans-Georg (1977): Konsens à la Beutelsbach? Nachlese zu einem Expertengespräch. In: Schiele, Siegfried/Schneider, Herbert (Hg.): Das Konsensproblem in der politischen Bildung. Stuttgart, S. 173–184.

Wolfert, Sabine/Leven, Ingo (2020): Freizeitgestaltung und Internetnutzung: Wie Online und Offline ineinandergreifen. In: Shell Deutschland Holding (Hg.): Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort. Bonn, S. 213–246.

Alle Internetquellen abgerufen am 20.02.2021.


Zitation: 
Flümann, Gereon  & Jamal, Lobna (2021). ABDELKRATIE – Politische Bildung auf YouTube, in: Journal für politische Bildung 2/2021, 44-47, DOI https://doi.org/10.46499/1670.1956.

Die Autor*innen

Dr. Gereon Flümann ist Referent im Fachbereich Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Er studierte Politische Wissenschaft, Neuere Geschichte und Staatsrecht und ist zuständig für Online-, Print- und Veranstaltungsformate im Spannungsfeld von Demokratie und politischem Extremismus.

Lobna Jamal ist Referentin im Fachbereich Extremismus der bpb und befasst sich dort schwerpunktmäßig mit dem Phänomen Islamismus. Sie studierte Islamwissenschaft sowie Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Zuletzt hat sie den bpb-Sammelband „Politische Bildung im Kontext von Islam und Islamismus“ (September 2020) mitherausgegeben.

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